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Erlangen: Das Mekka der deutschen Orientalisten

Hartmut Bobzins lang erwartete Koran-Übersetzung ist vollendet - 24.10.2009

NZ: Herr Professor Bobzin, wie kommt ein evangelischer Christ, der zunächst Theologie und Religionswissenschaft studiert hat, dazu, in jahrelanger Arbeit den Koran übersetzen zu wollen?

Bobzin: Der persönliche Anstoß für dieses Projekt, das auch ich vom Zeitaufwand her klar unterschätzt habe, kommt tatsächlich aus der Arbeit mit Christen – und nicht etwa mit Muslimen. Aber der Koran ist ja nicht nur ein Buch für Muslime, er richtet sich auch an Nicht-Muslime. Wenn es dort heißt «Ihr Leute des Buches», dann sind damit Juden und Christen gemeint. Der Koran spricht einen viel größeren Leserkreis an, und wenn er dies tut, muss dieser Leserkreis das Recht haben, sich mit diesem Text auseinanderzusetzen. Geboren wurde die Idee zur Übersetzung übrigens in Nürnberg, im damaligen Studienzentrum Heilig Geist, dem heutigen Haus Eckstein. 1976, als ich neu in der Region war, hatte ich dorthin gute Kontakte. Ich hatte regelmäßig einen Kurs namens «Christen lesen im Koran» angeboten.

NZ: Gab es damals überhaupt genug Teilnehmer – in Zeiten, in denen niemand Bin Laden kannte?

Bobzin: Schon damals war das Interesse am Koran groß, und das Vorwissen war gleich null. Außerdem kam immer wieder die Frage nach der passenden Übersetzung. Es gab eine von der Orientalistin Annemarie Schimmel herausgegebene Reclam-Übersetzung. Allerdings stammte der Text aus dem Jahr 1901. Und als Alternative gab es die hochwissenschaftliche Übersetzung von Rudi Paret, die auch heute noch genutzt wird und die aus wissenschaftlicher Sicht unverzichtbar ist. Aber sie ist nicht zum Lesen für Laien gedacht.

NZ: Das wollen Sie mit Ihrer Neuübersetzung ändern. Wie muss eine Koranübersetzung für den Alltagsgebrauch aussehen?

Bobzin: Der Koran ist und bleibt ein sehr schwieriger Text. Ich habe mir vorgenommen, eine Übersetzung zu machen, die erstens modern und zweitens gut zu verstehen ist. Sie soll nicht für meine Fachkollegen sein, sondern für gebildete Laien, die zunehmend zu Koran-Übersetzungen greifen. Sogar im Koran selbst steht ja: «Wir haben ihn dir in deiner Sprache leicht gemacht», und so sehe ich meinen Dienst als Übersetzer.

NZ: Ist es Ihnen gelungen, den Korantext leichter lesbar zu machen?

Bobzin: Ich habe es versucht – über den Erfolg muss der Leser entscheiden. Klar ist aber, dass ich einen gewissen sprachlichen Anspruch habe. Man kann den Koran nicht auf das Niveau der Bild-Zeitung bringen. Der Leser soll merken, dass der Koran ein besonderer Text ist. Um es ihm leichter zu machen, wird der Text nicht nacheinander und ohne Übergänge gedruckt. Stattdessen gibt es eine Art Rhythmisierung des Textes im Einklang mit der Verseinteilung. Jeder Sure ist eine Kalligrafie des pakistanischstämmigen Künstlers Shahid Alam aus Aachen vorangestellt. Schon vom äußeren Schriftbild her soll die Übersetzung ansprechend sein, ich möchte es dem Leser so anziehend wie möglich machen, sich mit dem Koran zu beschäftigen. Man kann nicht von der Ästhetik des Koran absehen, deshalb muss die Sprache eine große Rolle spielen, aber sie muss verständlich sein. Der Leser soll erkennen, dass es ein Text ist, der eine ebenso vielschichtige wie vieldeutige

Botschaft enthält.

NZ: Wie heißt «Allah» in Ihrer Übersetzung?

Bobzin: Gott. Denn «Allah» ist kein Eigenname. Das ist ganz entscheidend. Wenn man eine arabische Bibel aufschlägt, was steht dort für Gott? Allah. Und zwar sowohl im hebräischen Teil, dem Alten Testament, als auch im griechischen Teil, dem Neuen Testament. Es gibt im Arabischen kein anderes Wort für Gott. Mohammed greift genau auf den Begriff zurück, den die Juden und Christen damals für Gott benutzt haben. Deshalb bin ich ein Gegner davon, dass in islamischer Religionslehre auf Deutsch die Rede von «Allah» ist. Da wird eine «Fremdheit» und Distanz zu den anderen Religionen geschaffen, die historisch so nicht gegeben ist und eine Verfälschung der koranischen Botschaft wäre.

NZ: Haben sie die Furcht, bei der Übersetzung irgendetwas übersehen zu haben, was unerwartete Kritik, im schlimmsten Fall eine Art neuen Karikaturenstreit auslösen könnte?

Bobzin: Nein, das glaube ich nicht. Aber erstens: Jeder Mensch ist fehlbar, und ich kann in jeder Koranübersetzung Fehler finden. Es wird auch in meiner Übersetzung, das kann ich schon vorhersagen, Fehler geben, davor ist man einfach nicht gefeit. Zweitens geht es darum, wie man eine bestimmte Stelle auffasst. Dabei darf man nicht übersehen, dass sich die muslimischen Interpretatoren selbst nicht einig darüber sind, wie bestimmte Worte auszulegen sind.

NZ: Warum ist Ihr Werk nicht rechtzeitig zur Buchmesse erschienen – so wie es ursprünglich geplant war?

Bobzin: Ich bin einfach nicht fertig geworden, weil der Text so schwierig ist. Man würde den Koran eigentlich gar nicht übersetzen, wenn man sich von vornherein aller Schwierigkeiten bewusst wäre. Eigentlich muss man leichtsinnig sein, sich so etwas vorzunehmen. Ich hatte den Aufwand wirklich unterschätzt.

NZ: Wie lange haben Sie intensiv an der Neuübersetzung gearbeitet?

Bobzin: Zu einer Ganztagesbeschäftigung ist das zwei Jahre lang geworden. Ein Jahr davon habe ich am Alfred-Krupp-Wissenschaftskolleg in Greifswald verbracht, wo ich völlig unabgelenkt arbeiten konnte. Dort habe ich den Rohentwurf verfasst. Das war sehr wichtig. Größere Unterbrechungen sind bei einer solchen Arbeit sehr schädlich.

NZ: Noch einmal zurück von Greifswald nach Erlangen: Sie hatten sich Ende der 80er Jahre intensiv mit den Koran-Übersetzungen Friedrich Rückerts beschäftigt. Waren diese nicht ausreichend?

Bobzin: 1988 wurde in Erlangen der 200. Geburtstag Friedrich Rückerts gefeiert. Er war nicht nur ein bekannter Orientalistik-Professor in Erlangen, sondern er hat in seiner Erlanger Zeit auch eine Teilübersetzung des Korans vorgelegt. Man konnte hier bei einer Ausstellung sehr genau verfolgen, welche Bücher und Handschriften Rückert für seine Übersetzung verwendet hatte. Ich habe damals die Rückertsche Koranübersetzung neu herausgegeben – anhand eines Manuskriptes, das im Original in Schweinfurt aufbewahrt wird. Die Übersetzung ist unvollständig, aber das war Rückerts Absicht. Die Frage, die an mich herangetragen wurde, war, warum ich die auch im Orient sehr gelobte Rückertsche Übersetzung nicht einfach ergänze. Kenner sagen, dass es Rückert gelungen sei, etwas vom Geist des Korans in seiner Übersetzung spürbar zu machen. Allerdings ist diese in der Sprache des 19. Jahrhunderts geschrieben worden. Und mit einer Ergänzung wäre

ein Stilbruch verbunden gewesen, den man nicht überwinden kann. Deshalb hatte ich dieses Projekt damals nicht weiter verfolgt.

NZ: Wie viele Koran-Übersetzungen sind Ihnen bekannt?

Bobzin: Es gibt knapp 30 vollständige deutschsprachige Koranübersetzungen. Die erste vollständige deutsche Koranübersetzung erschien im Jahr 1616 in Nürnberg, der Übersetzer Salomo Schweigger war damals Pfarrer an der Frauenkirche. Weltweit gibt es sehr viele Übersetzungen. Ich habe eine kleine Sammlung von über hundert fremdsprachigen Übersetzungen aus den verschiedensten Ländern. Übrigens hat sogar Luther Teile des Korans übersetzt – was viele Christen gar nicht wissen. Natürlich konnte er nicht aus dem arabischen Original übersetzen, sondern aus dem Lateinischen. Sein Werk hieß «Die Widerlegung des Koran», im Original «Die Verlegung des Koran». Die Uni-Bibliothek in Erlangen besitzt eine Ausgabe davon – eine kleine Kostbarkeit.

Das Gespräch führten Stephanie Rupp und Raimund Kirch

Bei der Langen Nacht der Wissenschaften am Samstag in Erlangen bietet der Bereich Orientalische Philologie, Bismarkstr. 1, B-Turm, 6. und 7. Stock, mehrere Veranstaltungen an. Prof. Bobzin hält um 18.30 einen Vortrag über die Moscheen der Welt, um 20.30 über deutsche Koranübersetzungen. Bereits ab 18 Uhr ist eine Koranausstellung zu sehen. Außerdem gibt es Vorträge über die aramäische Sprache und darüber, wie sich Reisende in der arabischen Welt verhalten sollten. Eine Lesung aus 1001 Nacht ist ebenso geboten wie arabische Live-Musik, Bücherschauen und eine orientalische Schreibwerkstatt, in der Besucher selbst Kalligrafien erstellen können.  

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