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Fröhliche Askese

Kommentar: Was braucht die Welt? - 31.12.2009

Zwei Finanzexzesse haben das Jahrzehnt geprägt. Zuerst war mit einem riesigen Knall die Luft aus der Technologieblase des Neuen Marktes entwichen. Dann zerplatzte die Immobilienblase in den USA. Die größte Finanzkrise seit 1929 wurde 2008 akut. Banken blieben auf ihren Krediten sitzen, Geldhäuser, Autokonzerne, Versicherungsunternehmen gingen in den Konkurs. Kurzfristiges Profitdenken, angeheizt durch ungerechtfertigte Boni-Zahlungen hatten das Bild vom ehrbaren Kaufmann verblassen lassen.

Absehbar war nach den viel zu hohen Erwartungen an die Politik das Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen. Aber solange Klimaschutz als Klotz am Bein und nicht als Chance für Innovation, Arbeitsplätze und Entwicklungen gesehen wird, fehlen die notwendigen Anreize.

Abgewrackt und aufgemischt

Zwar spricht alle Welt von Nachhaltigkeit, doch bei der Bewältigung der Krise dominierte die Kurzsichtigkeit. Das Wort des Jahres 2009 lautet «Abwrackprämie». Sie hat sich als ökologisch unsinnig und ökonomisch fragwürdig erwiesen. Eine verkürzte Laufzeit der Autos und die energieträchtige Neuproduktion wiegen den geringeren Kraftstoffverbrauch der Neuwagen nie auf. Der Automobilindustrie verschaffte der Absatz vor allem kleiner Autos nur eine Atempause vor dem Zurückfahren der Produktion. Im Augenblick wird bereits wieder auf Halde produziert. Das ist fatal.

Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, dass Wachstum endlich ist. Darauf muss sich die Wirtschaft, müssen sich die Menschen jetzt einstellen. Nicht von ungefähr stimmen Zukunftsforscher wie Horst Opaschowski in ihren Prognosen auf das Ende der Wohlstands- und Wohlfahrtsgesellschaft ein. Opaschowski will eine neue Hinwendung zur Familie, zum Maßhalten wider den Kaufrausch ausgemacht haben. Ist das der «mühevolle Weg zur Tugend», wie jüngst eine Wochenzeitung getitelt hat?

Quantitäten und Qualitäten

Mag auf den ersten Blick der Kopenhagener Klimagipfel ein Flop gewesen sein, so hat er doch ein Innehalten und Nachdenken erzeugt. Denn Politik allein kann die Welt nicht besser machen.

Wenn man den Umfragen zur Jahreswende Glauben schenken kann, dann haben sich die meisten Befragten vorgenommen, im kommenden Jahr Energie einzusparen. Der Bund Naturschutz hat den «Umweltschutz von unten» für sich entdeckt. und das ist vielleicht ein gesünderer Ansatz, als immer nur von der Politik Wegweisung und Lösungen zu erwarten, die sie schlichtweg nicht leisten kann; was aber wiederum zur Politikmüdigkeit führt.

Zu wünschen ist uns allen eine neue Nüchternheit, die Dinge anzugehen. Man könnte auch von Askese sprechen – ein Begriff, der fälschlicherweise allein mit Verzicht übersetzt wird. Das griechische Wort Askese kommt von «üben»/«sich befleißigen». Es wird in den kommenden Jahren darum gehen, wie es uns gelingt, einen neuen Lebensstil zu pflegen, der weniger Verzicht als vielmehr einen Perspektivwechsel erfordert. Das heißt: genauer hinzuschauen, welche Transportwege, Kühlketten, welcher Kohlendioxidaufwand für ein Produkt bis zum Verbraucher aufgewendet werden.

Wir müssen uns auch üben im Gebrauch der Medien, die in Form des Internet Segen, aber auch Zeitdieb sein können. Denn wie sagte einst Dietrich Bonhoeffer: «Quantitäten machen sich den Raum streitig; Qualitäten ergänzen einander.» RAIMUND KIRCH 

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