23°C

Donnerstag, 24.04. - 22:15 Uhr

|

Geschichten gibt es im Überfluss

Adolf Muschgs «Kinderhochzeit» - 20.03.2009

«Was ich mich schon immer fragen wollte»? Der reizvolle Bildband von Tobias Wenzel und Carolin Seeliger lässt als einen von 77 namhaften Autoren auch Adolf Muschg zu Wort kommen. Der nur halb ironisch bezweifelt, mit dem Alter auch Weisheit ansammeln zu können . . . (Benteli, 39,80 Euro)

«Was ich mich schon immer fragen wollte»? Der reizvolle Bildband von Tobias Wenzel und Carolin Seeliger lässt als einen von 77 namhaften Autoren auch Adolf Muschg zu Wort kommen. Der nur halb ironisch bezweifelt, mit dem Alter auch Weisheit ansammeln zu können . . . (Benteli, 39,80 Euro)


Die Geschichte kreist um ein Foto aus dem Jahr 1949. Es zeigt eine Gruppe etwa neunjähriger Kinder, die eine Hochzeit spielen. Das Paar wird eines Tages wirklich heiraten und die anderen Mitwirkenden werden weiter ihre Rollen im Roman einnehmen, der im Jahr 2004 endet.

Die Handlung allein ist nur schwer zu fassen: Ein Schweizer Historiker, Klaus Marbach, untersucht die Verstricktheit eines deutsch-schweizer Aluminium-Konzerns mit der NS-Vergangenheit.

Von der reichen Firmenerbin Imogen protegiert, dringt er immer tiefer in die Familiengeschichte ein und lernt die Profiteure des sagenhaften Reichtums kennen. Bei der Suche nach dem seit 30 Jahren von Imogen getrennten Ehemann Iring (eben jenem von der Kinderhochzeit) stößt Marbach auf eine esoterische Sekte, die den sterbenden Iring zum Medium gemacht hat.

Wenn man so will, ist es ein Roman der Grenzüberschreitungen. Die reiche Imogen ist mit einem hergelaufenen Flüchtlingskind verheiratet, dessen Vater ein SS-Mann war. Schon lange liebt sie ihn nicht mehr, doch «ihre Ehre heißt Treue», wie der SS-Schwur. Muschg spielt damit auf die unauslöschliche innere Prägung an, welche die deutsche Kriegsgeneration und selbst deren Nachkommen noch durch die Schuld der Väter und Mütter erfahren haben.

Wer eine stringente Geschichte erwartet, wird enttäuscht. Es sind die schier atemberaubenden Assoziationen und Einschübe, die den Reiz des Buches ausmachen. Man lernt die Straßen von Görlitz und dem polnischen Gegenüber Zgorzelec kennen, besucht das berühmte Heilige Grab, erfährt viel über die deutsch-deutsche Befindlichkeit aus Schweizer Sicht. Taucht ein in die Herrnhutische Frömmigkeit des Reichsgrafen Zinzendorf und bekommt noch einmal das wenig gespielte Shakespeare-Stück «Cymbeline» interpretiert, in dem ebenfalls eine gewisse Imogen eine tragische Rolle spielt. Muschg selbst scheint sich in seiner Erzähllust kaum zügeln zu wollen und zu können, es fällt schwer, ihm zu folgen. Aber ist das nicht auch eine Metapher auf unsere Zeit? Die neue Unübersichtlichkeit, mit der wir leben und in der wir uns zurecht finden müssen?

Einmal sagt Marbach: «Die neue Pest ist der Überfluss, auch an so genannter Information. Sie müsste künstlich verknappt werden, und Bildung müsste heißen, wie bringt man Menschen bei, sich aus fast nichts ganz viel zu machen. Die Wissensgesellschaft weiß immer weniger, denn woher soll sie wissen, was wissenswert ist?»

Das scheint auch Muschgs Problem zu sein, der übrigens mit seinem jüngst erschienenen Liebesgeschichten-Band sein letztes Buch bei Suhrkamp herausgegeben ließ. Beleidigt über dessen Umzug von Frankfurt nach Berlin hat er seinen Wechsel zu C. H. Beck bekannt gegeben. Raimund Kirch

Adolf Muschg. Kinderhochzeit, Suhrkamp, 580 S., 24,80 Euro.

Wenn es kein Glück ist. Liebesgeschichten. 432 S., 22,90 Euro.
 

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

Captcha

Bestätigungswort

Um Ihren Kommentar abzusenden, geben Sie bitte das Bestätigungswort ein. Nicht lesbar? Erzeugen sie durch Klick darauf einen neuen Text.