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Lifting für die Alte Tante

Kommentar: Bei der SPD geht es rund - 30.09.2009

Ist das die Rettung für eine Partei, die in die Bedeutungslosigkeit abzudriften droht? Bei der SPD geht es in diesen Tagen drunter und drüber. Nach den katastrophalen Verlusten bei der Bundestagswahl am 27. September stehen Hunderte von Abgeordneten- Mitarbeitern auf der Straße. Eingeplante Gelder werden ausbleiben. Fast scheint es, als sei den Genossen das ganze Elend erst jetzt bewusst geworden.

Denn die erste Kameraschaltung ins Willy-Brandt-Haus am Wahlabend hatte noch ein anderes Bild gezeigt. Da richteten sich die Objektive auf einen aufgeräumten Spitzenkandidaten und einen verlegen lächelnden Parteivorsitzenden. Minutenlanger trotziger Beifall. Dabei hatten Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering eben Zahlen vernommen, die zum Weinen waren. Die beiden wahrten jedoch die Fassade; natürlich wusste zumindest einer, nämlich Müntefering, dass das Schafott schon auf ihn wartete.

Auch das ist ein Zeichen für eine angezählte Partei: Wie sie mit ihrem Spitzenpersonal umspringt. Zuletzt kam man schier mit den Namen durcheinander. Schröder, Münte, Platzeck, Beck und wieder Müntefering – die Parteivorsitzenden wurden ausgewechselt wie Zündkerzen am Auto. Der Motor stotterte jedoch weiter.

Ob Sigmar Gabriel das richtige Werkzeug als Parteichef mitbringt, bleibt dahingestellt. Mit Autos von VW hatte der ehemalige Ministerpräsident von Niedersachsen immerhin seine Erfahrungen gemacht. Nur durfte er die zuletzt als Bundesumweltminister nicht ausspielen. Jetzt muss sich zeigen, ob er mehr kann, als wortreich den Atom-Ausstieg zu predigen.

Ein Parteichef braucht Integrations- und Kreativkraft, Streitbarkeit und Güte. Der letzte Parteichef, der diese seltene Mischung mitgebracht hatte, war Hans-Jochen Vogel. Solche alten, verdienten, in jeder Weise integren Sozialdemokraten sind mittlerweile auf dem Altenteil.

Die neue Generation wird dagegen von Andrea Nahles repräsentiert. Sie und ihre Anhängerschaft haben sie als Generalsekretärin ins Gespräch gebracht. Von ihr erhofft man sich einen anderen Stil als vom auf allen Podien präsenten, aber der Basis schwer vermittelbaren Hubertus Heil, der ebenfalls abdankte.

«Generäle» müssen Strategien liefern, Täuschungsmanöver anstellen, eine Partei in die Schlacht führen können. Was aber ist, wenn die Fußtruppen lahmen? Die verheerenden Wahlergebnisse sind auch ein Zeichen für Überalterung und Mitgliederschwund. Wo aber sind die meinungsstarken Ortsverbände? Die SPD hat die Arbeiterschaft verloren, in der Mitte machen sich längst Grüne und die FDP breit. Ein Großteil der Jungen ist bei der Wahl am Sonntag in Scharen zur Piratenpartei abgewandert.

Von Andrea Nahles wird schier Unmögliches erwartet. Sie soll als Brückenbauerin zwischen der Alten Tante SPD und der abtrünnigen Linken fungieren. Als dem linken Flügel zugehörig mag ihr das vielleicht eher gelingen; aber hat sie auch das Vertrauen der bodenständigen Seeheimer?

Seit gestern ist Frank-Walter Steinmeier nach dem überraschenden Ausscheiden von Peer Steinbrück und dem erwarteten Abgang Franz Münteferings der allein verbliebene Leitwolf in der SPD. Diese Rolle ist ihm nicht auf den Leib geschneidert, wie der Wahlkampf bewiesen hat.

Nach seiner Wahl zum Fraktionschef meinte er trotzig, die SPD müsse in der Lage sein, künftig jederzeit wieder die Regierung zu übernehmen. Das, mit Verlaub, kann lange dauern. Sehr lange.

RAIMUND KIRCH 

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