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Altern in der Drogenszene wirft neue Probleme auf

Mudra baut ihr Anwesen aus und steht vor neuen Herausforderungen - 01.09. 09:44 Uhr

Nürnberg  - Letzte Hammerschläge, einige Farbanstriche noch, und der zweistöckige Aufbau des Mudra-Anwesens in der Ludwigstraße 61, rückseitig in der Ottostraße 18, ist beendet. Damit ist die Drogenhilfe kurz vor dem 30. Jahr ihres Bestehens auch räumlich für die zahlreichen neuen Herausforderungen gewappnet. Und die sind nicht gering, wie Mudrachef Bertram Wehner in einem Gespräch mit der NZ erläutert.


Helfen beim Ausbau der Mudra in der Ottostraße unter Anleitung von Steve Wunderli (auf der Leiter) tatkräftig mit: die ehemaligen Drogenkonsumenten Tina und Mario.
Helfen beim Ausbau der Mudra in der Ottostraße unter Anleitung von Steve Wunderli (auf der Leiter) tatkräftig mit: die ehemaligen Drogenkonsumenten Tina und Mario.
Foto: Harald Sippel

"Es ist eigentlich traurig, dass wir jetzt fast fertig sind", sagt Tina (34). Sie war abhängig von Drogen und ist jetzt seit einem Jahr in der Mudra-Schreinerei angestellt. Unter Anleitung von Steve Wunderli erledigen Tina, gemeinsam mit Mario (33), der ebenfalls drogenabhängig war, die letzten Ausbesserungsarbeiten. Tina und Mario sind mit den Aufgaben gewachsen, haben Selbstwertgefühl gewonnen und Selbstbewusstsein getankt. "Ich nehme von dieser Tätigkeit ganz viel mit für mein Leben, es hat so viel Spaß gemacht, wir arbeiteten Hand in Hand", erzählt sie begeistert, und Mario, der lieber erzählen lässt als dass er erzählt, nickt zustimmend.

Steve Wunderli ist stolz auf seine Leute und spricht von einer Supertruppe: "Mario war dabei, als wir das alte Dach abgerissen haben, jetzt ist er dabei, wenn wir die letzten Pinselstriche machen, und das ist etwas, wo ich denke, das ist total wertvoll, dass man den gesamten Ablauf miterlebt." Auf dem Weg zu einem Leben ohne Drogenabhängigkeit sei es ein Glücksfall, an einer Baustelle "von vorne bis hinten über ein Jahr lang mitgearbeitet zu haben und dann das Ergebnis zu sehen, an dem man unmittelbar beteiligt war". Am 5. November wird das ausgebaute Anwesen offiziell eingeweiht.

Gebäude um zwei Stockwerke erweitert

Der lang geplante Aufbau des Mudra-Anwesens begann im Juli 2009. Und es war höchste Zeit, wie Mudra-Geschäftsführer Bertram Wehner betont: "Es werden hier immerhin 13 Mitarbeiter beschäftigt, und wenn einer ein Beratungsgespräch führt, ist der Raum absolut belegt." Das bestehende Gebäude wurde um zwei Stockwerke erweitert. Und neben den dringend benötigten weiteren Beratungszimmern finden auf der nunmehr um 160 Quadratmeter erweiterten Nutzfläche auch noch ein Kinderbetreuungs- sowie ein Schulungsraum Platz. Die Umbaukosten belaufen sich auf rund 600.000 Euro. Etwa zwei Drittel erhält die Mudra aus Mitteln der Städtebauförderung. Für das restliche Drittel muss die Drogenhilfe selbst aufkommen.

Einige Überraschungen beim Ausbau haben die Kosten allerdings in die Höhe getrieben: Experten mussten prüfen, ob die alten Fundamente der neuen statischen Belastung dieser Aufstockung auch gewachsen sind. "Große, tiefe Löcher im Boden des Kontaktcafés wie im Eingangsbereich des Erdgeschosses waren die Folge", berichtet Wehner. Aus Brandschutzgründen musste das komplette Treppenhaus neu gemauert werden. "Und die Brandschutzvorschriften verursachten weitere und teilweise erhebliche Kostensteigerungen", erzählt der Mudrachef.

Viele Arbeiten selbst erledigt

Umso wichtiger sei es gewesen, dass nur bestimmte Arbeiten von Fachfirmen ausgeführt werden mussten. "Alle anderen Arbeiten, wo wir die Kompetenz im Hause haben, erledigten wir selbst." Dazu zählten Wehner zufolge der gesamte Innenausbau, die Trockenbauwände, der Fußboden und alle Fenster. Gemeinsam mit den Fachanleitern der Mudra und den beschäftigten Klienten, "also ehemaligen Drogenabhängigen", sei an diesem Umbau sehr viel gemacht worden. Bertram Wehner hat vor 30 Jahren die Mudra als Student mitgegründet, es war im Oktober.

Seitdem hat sich einiges verändert. Früher sei die Entscheidung der Drogenabhängigen, welche Drogen sie konsumieren, bewusster getroffen worden. Wehner: "Heute konsumieren die meisten alles Mögliche durcheinander, und wenn die Leute dann wöchentlich auf die Entgiftung kommen, sollte man meinen, dass bei ihnen irgendwann mal ein Aha-Effekt eintreten müsste..." Einerseits gebe es jetzt mehr Drogenabhängige, auf der anderen Seite habe sich aber auch bei den Hilfsangeboten enorm viel entwickelt. "Damals war dies noch recht eindimensional, von wegen, wir bieten Therapie an, und die führt in die Drogenfreiheit - und wer das nicht schafft, der fällt halt durch das Raster", erinnert sich Wehner an die einstigen, allzu simplen Therapierezepte.

Immer mehr alternde Konsumenten

Im vergangenen Jahr nahm die Drogenhilfe Mudra 958 Männer und 238 Frauen neu auf. So wie in ganz Deutschland hat auch die Mudra registriert, dass es immer mehr alternde Konsumenten gibt. Für Wehner ist das eine der großen Herausforderungen in den nächsten Jahren. Er ist sich sicher, dass diese älteren und alten Drogenabhängigen in normalen Altenheimen nicht unterzubringen seien. "So ist Hepatitis ein großes Problem, und man muss davon ausgehen, dass dann irgendwann pflegerischer Bedarf besteht", sagt Wehner. Eine Möglichkeit wäre, im Rahmen der Drogenhilfe etwas Passendes aufzumachen. Bei der Mudra sei derzeit auch ein 70-jähriger Drogenabhängiger.

In Deutschland gibt es schätzungsweise rund 40.000 Drogenkonsumenten in der Altersgruppe der über 40-Jährigen. Diese Zahl dürfte nach Expertenmeinung in wenigen Jahren um das Zwei- bis Dreifache ansteigen. Letztlich führt nach Wehners Worten kein Weg daran vorbei, dass sich das Drogenhilfesystem wie auch die Altenpflege auf eine stark ansteigende Zahl an drogenkonsumierenden Alten vorbereiten müssen. Dazu müssten Angebote entwickelt werden, die auf die spezielle Situation der alternden Drogenkonsumenten eingingen.

"Gretchenfrage"

Auch im Bereich der Drogenabhängigen und der Drogenhilfe gibt es eine "Gretchenfrage": Wieso schlittern die einen in die Drogenabhängigkeit und die anderen nicht? Bertram Wehner glaubt da nicht an Zufall. In der Fachwelt gehe man von einem biopsychosozialen Modell aus. Was nichts anderes heiße, als dass im Grunde genommen die genetische Veranlagung mit dazu beitrage - "es muss sozusagen jemand eine gewisse Disposition dafür mitbringen". Das alleine reiche natürlich nicht für eine ganzheitliche Ursachenforschung. Bertram Wehner stellt dazu diese Fragen: "Wie ist jemand aufgewachsen? Hat er von Kindesbeinen an ein Urvertrauen mitbekommen? Hat er Liebe erfahren? Hat er Zuwendung erfahren? Hat er gelernt, mit Problemen adäquat umzugehen oder hat er im häuslichen Bereich erlebt, wenn es Probleme gibt, greift ein Elternteil oder beide zum Alkohol oder anderem?" Dazu kämen dann natürlich die Einflüsse, die ansonsten maßgeblich seien: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit.

Bertram Wehner: "Und dann ist die Frage, bin ich ein Kämpfer, der sich da durchbeißt?" Die 34-jährige Tina und der 33-jährige Mario schlitterten beide in die Drogensucht. Sie hatten schließlich keine Perspektive mehr, sie "bissen" sich damals nicht durch. Die Drogenhilfe Mudra hat ihnen die Tür für ein anderes, drogenfreies Leben weit geöffnet. Beide sind bereits durch diese Tür gegangen. 





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