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Bereitschaftsbetreuerinnen gegen Kürzungen

Frauen kümmern sich um Kleinkinder - 08.11. 07:40 Uhr

Nürnberg  - Die CSU möchte die Honorare für die familiären Bereitschaftsbetreuerinnen senken, das Thema wird am Mittwoch im Rechnungsprüfungsausschuss des Stadtrats behandelt. Angesichts der enormen Herausforderungen, die ihre Aufgabe mit sich bringt, finden die Betreuerinnen den Vorstoß der CSU schlicht unverfroren. Die Fachkräfte nehmen gefährdete Kinder zwischen null und drei Jahren vorübergehend bei sich auf. Im Gespräch mit der NZ erzählen Irmgard Nöth, Siegrid Lüning-Menge, Petra Jacko und Monika Sessann, die sich im Verein "aufgefangen" organisiert haben, aus ihrem Alltag.

Monika Sessan (vorne), Irmgard Nöth, Siegrid Lüning-Menge und Petra Jacko (von links) kümmern sich als Bereitschaftsbetreuerinnen um kleine Kinder in großen Nöten.
Monika Sessan (vorne), Irmgard Nöth, Siegrid Lüning-Menge und Petra Jacko (von links) kümmern sich als Bereitschaftsbetreuerinnen um kleine Kinder in großen Nöten.
Foto: Harald Sippel
Monika Sessan (vorne), Irmgard Nöth, Siegrid Lüning-Menge und Petra Jacko (von links) kümmern sich als Bereitschaftsbetreuerinnen um kleine Kinder in großen Nöten.
Monika Sessan (vorne), Irmgard Nöth, Siegrid Lüning-Menge und Petra Jacko (von links) kümmern sich als Bereitschaftsbetreuerinnen um kleine Kinder in großen Nöten.
Foto: Harald Sippel

Schon der Beginn ist schwierig: Ein Kind wird seinen Eltern weggenommen und landet bei den Betreuerinnen – die aber zu diesem Zeitpunkt in der Regel kaum etwas über den Hintergrund ihres neuen Schützlings wissen. „Ein Mitarbeiter des Jugendamts oder die Polizei übergibt uns das Kind. Wenn wir Glück haben, erfahren wir dabei etwas“, sagt Siegrid Lüning-Menge. „In so einer Situation ist es aber meist nicht möglich, viele Informationen zu bekommen. Wir nehmen das Kind bei uns zu Hause auf und versuchen, mit unserer Fachlichkeit, unserer Erfahrung, es dem Kind in der neuen Umgebung so leicht wie möglich zu machen“, erzählt Petra Jacko, die ebenso wie Monika Sessann schon seit Gründung der Bereitschaftsbetreuung im Jahr 1990 dabei ist. Auch Irmgard Nöth (seit 1998) und Siegrid Lüning-Menge (seit 1992) gehören bereits lange zum Team.



Anders als andere Städte und Gemeinden überlässt Nürnberg diese schwierige Aufgabe, den häufig traumatisierten Kindern eine Übergangsheimat zu geben, nur examinierten Erzieherinnen oder Sozialpädagoginnen; auch deshalb hält das Jugendamt die über der Empfehlung des Städtetags liegenden Honorare für gerechtfertigt. Die 55-jährige Nöth und ihre Kolleginnen sind Fachleute, die ihre Schützlinge auf der Basis eines 563 Seiten starken Leitfadens betreuen.

Jedes Kind bringt eigene Herausforderungen mit sich: „Ich hatte mal ein Baby, das keine Milch getrunken hat“, erinnert sich die 57-jährige Lüning-Menge. Die Betreuerin erfuhr dann, dass sich die Eltern des Kindes oft am Hauptbahnhof aufgehalten haben. Schließlich stellte Lüning-Menge fest, dass ihr neuer Schützling lieber Fanta als Milch trinkt. Die Kinder haben häufig Gewalt und Vernachlässigung erfahren, sind in ihrer Entwicklung zurückgeblieben. Auf der anderen Seite verfügen sie bisweilen über Fähigkeiten, mit denen sie ihre Betreuerinnen überraschen: Jacko war mal verblüfft, wie perfekt ihr kleiner Schützling mit dem Touchscreen eines Handys umgehen konnte.

In der Regel haben Nöth und Co. genug Zeit, die Kinder kennenzulernen: „Man weiß am Tag der Aufnahme, es können Monate daraus werden“, sagt Jacko (49 Jahre). Die durchschnittliche Verweildauer lag im Jahr 2010 bei 95,4 Tagen. „Und in dieser Zeit sind wir nicht fünf Tage die Woche sieben Stunden, sondern jeden Tag 24 Stunden für die Kinder zuständig“, gibt Nöth zu bedenken.

Wegen dieser Dauerbelastung würden viele jüngere Erzieherinnen diesen Job nicht machen wollen oder bald das Handtuch werfen, sagt die 59-jährige Sessann: „Die wollen ja abends auch mal ausgehen.“ Das sei schwierig in der Betreuungssituation, in der es auch kein Wochenende und keinen Urlaub gebe, wie Jacko klarmacht. Nöth hatte heuer schon acht Kinder. Mal länger freizunehmen, sei nicht möglich gewesen. Den Tagessatz von 76 Euro halten die Betreuerinnen daher für mehr als gerechtfertigt, zumal von der Summe auch die Kosten für Spielmaterial und Lebensmittel finanziert werden. Zudem muss ein eigenes Zimmer bereitgestellt werden. Das Kind ist für diese Zeit gleichsam ein Familienmitglied – womit die Restfamilie umgehen muss.

„Man hat dann oft Ärger mit den eigenen Kindern, wenn die fremden Kinder etwa Sachen kaputtmachen, weil sie den Umgang mit Spielmaterial nicht kennen“, sagt Jacko. Nöth betont, dass die Betreuerinnen eigentlich für Kleinkinder zuständig seien, oft aber ältere Kinder aufnähmen, die dann auch mal mutwillig randalierten oder klauten. Dies alles zwingt die Erzieherinnen zu einem schwierigen Spagat. „Das Kind ist im Fokus. Zugleich will man im privaten Bereich gerecht sein“, sagt Jacko.

Die Betreuerinnen müssen auch die schwierige Aufgabe bewältigen, den Kontakt zur Herkunftsfamilie zu halten beziehungsweise den Übergang in eine Pflegefamilie zu gestalten. Mit den Eltern, erklärt Jacko, trifft man sich auf neutralem Gelände: „Unsere Wohnungen müssen für die Kinder eine sichere Insel sein, ein geschützter Raum.“ Oft helfen die Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen den Müttern, geben ihnen Tipps, stärken ihre Erziehungskompetenz.

Wenn die Kinder nicht in ihre Herkunftsfamilie zurückkehren können, sondern in einer Pflegefamilie aufgenommen werden sollen, gestalten die Betreuerinnen den Prozess der Anbahnung. „Diese geht über viele Kilometer hinweg, weil die Kinder oft nicht nach Nürnberg zu Pflegefamilien kommen“, sagt Nöth. Für sie und ihre Kolleginnen fallen dann lange Autofahrten an – die Kosten dafür gehen ebenfalls vom Honorar ab. Und wenn dann das Kind bei der neuen Familie lebt, sei es wichtig, dass die Betreuerinnen noch ab und zu vorbeischauen. „Das Kind braucht Kontinuität“, sagt Nöth. „Man muss ihm Wertschätzung mitgeben, es weiter besuchen“, pflichtet Jacko bei. Immerhin erlebten es die Kleinen als massiven Einschnitt, dass sie nun zum zweiten Mal aus ihren Strukturen herausgerissen, von ihren Bezugspersonen getrennt würden. Auch diese Nachbetreuung ist nicht in der Honorierung vorgesehen.

Die Aufgabe als Bereitschaftsbetreuerin „geht häufig über die eigenen Grenzen“, sagt Nöth. In der Honorardiskussion sieht sie einen Beleg dafür, dass diese Leistung nicht anerkannt wird. „Der Respekt vor unserer Arbeit fehlt“, meint Jacko. Auf der anderen Seite gibt es aufbauende, positive Rückmeldungen. Irmgard Nöth zeigt ein Schreiben einer Mutter, die ihr Kind zurückbekommen hat: „Es ist gut, dass es Menschen wie Sie gibt“, schreibt die Mutter.

  



Marco Puschner

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