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Warum tut er sich schwer, beim "s’Gärtla" zu investieren, bezeichnet den Klarissenplatz als Sackgasse – und wieso sagt er ständig "wir" und so selten "ich"?
Steht er an der Bar im Lorenz, enttarnt ihn wohl niemand als Unternehmer. Vielmehr taucht Christian Wagner gern mal in eine Ecke ab und will seine Ruhe. Heute nicht. Sein Händedruck ist angenehm zupackend, der Blick aus tiefbraunen Augen frappierend klar und offen. Vor einigen Monaten, erzählt er, habe ihn Gerhard Engelmann, Bezirksgeschäftsführer des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands, als „größten Gastronom Nürnbergs“ vorgestellt. „Ich hab nur ein oder zwei Läden mehr als Kollegen, es kam eben eins zum anderen“, sagt Wagner noch immer irritiert.
„Geld ist für mich nicht wichtig, ich brauche nichts Teures“, sagt der Mann, der Verdientes stets reinvestiert, den Umsatz am Abend als „Abfallprodukt einer guten Leistung“ bezeichnet, kein Auto besitzt – „das ganze Unternehmen hat nur einen VW-Bus“ – in Nürnberg wie in fremden Städten am liebsten zu Fuß unterwegs ist und das Bahnfahren liebt. Aktuell umfasst Wagners Barcode Union, die er als Dienstleister für die Einzelbetriebe beschreibt, das Zeit&Raum, die rote Bar, das Restaurant Lorenz, das VIP-Catering Lorenz, das fränkische Gasthaus Pillhofer samt Hotel und den nebenan liegenden Hofladen frankenFein, das Happy Happa am Klarissenplatz, die Kellerbierhütte am Altstadtfest, den Traditionsbiergarten s’Gärtla – „und einen Brezen-Stand in der Königstraße“, ergänzt der 37-Jährige sachlich. „Doch irgendwann ist eine Grenze erreicht, die man nicht überschreiten darf.“
2002 machte er sich mit dem Zeit&Raum selbstständig. Ohne Genehmigung von Außenplätzen geriet dann der heiße Sommer 2003 „zu einem einzigen Kampf“, erinnert er sich. Der Herbst jedoch entschädigte Wagner – so kann er heute sagen: „Ich hatte in keinem Jahr einen Umsatzrückgang. Das macht auch ein bisschen Angst. Seit zwei Jahren bin ich kontinuierlich am Stabilisieren, das ist wichtig, und ich würde es als meine Hauptaufgabe für 2012 bezeichnen.“
Seinen Job beschreibt er so: „Für mich gilt, einen großen, fairen Rahmen vorzugeben, in dem sich die Geschäftsführer der einzelnen Läden frei bewegen können. Konzept- und Einsparentscheidungen treffe nur ich“, wenn er den Rotstift bislang auch noch nicht in die Hand nehmen musste. „Wir haben keine Wirtschaftskrise erlebt – nicht mal die herbeigeredete“, sagt Christian Wagner mit einer Klarheit, die beeindruckt. „Wäre die Arbeitslosigkeit recht hoch, träfe das meine Gastronomie nicht: Wir sind oberhalb der Mitte platziert – diese Klientel hat sich ihr Polster geschaffen. Doch muss man immer vorsichtig sein!“
Authentizität ist sein Lieblingswort in der Gastronomie. Und es verblüfft, wie sehr er sie selbst transportiert. „Ich bin inzwischen eine Marke, die zum Unternehmen gehört – in den einzelnen Läden braucht mich niemand.“ Genau so will es der gelernte Koch: „Dass meine Führungskräfte dieselbe Leidenschaft für die Gastronomie haben wie ich, dafür lege ich meine Hand ins Feuer! Mit Menschen zu arbeiten, Persönlichkeiten zu entwickeln und sie zu unternehmerischem Denken zu führen, macht mir Spaß.“
Er strahlt. Transparenz, viel interne Kommunikation und ein sich über das ganze Jahr erstreckendes Führungskräfte-Coaching, sind nur einige Maßnahmen in Wagners Mitarbeiter-Konzept. „Das ist auch Präventionsarbeit, aus der Angst heraus, gute Leute zu verlieren“, gibt er lächelnd zu. „Das Herz meiner Mitarbeiter muss fürs Unternehmen schlagen. Jeder muss uns weiterbringen. Und ich muss ihnen so viel bieten, dass sie nicht auf die Idee kommen, sich wegzubewerben. Ich brauche ganz starke Kräfte da vorne, bei so vielen Läden!“ Außerdem sei er harmoniesüchtig. „Ich gieße Blumen gerne und freu’ mich, wenn sie blühen“, beschreibt er poetisch, was für ihn zählt. „Und ich spreche gerne Klartext.“ Das tut er schnörkellos und mit imponierend entspanntem Selbstbewusstsein.
Bekannte sagen, dass er niemals jammert. Sein Rezept? „Was mir nicht gefällt, mache ich nicht.“ Schicke Empfänge nehme er nur wahr, wenn er Lust dazu habe, befasse sich jedoch intensiv mit Gastronomie-Kollegen und bilde sich ständig fort, demnächst wieder in Hamburg. „Ich denke, dass man die Gastronomie nicht neu erfinden kann: Man sieht anderes Gutes, stellt es neu zusammen und überlegt, zu welchem Laden es passen könnte. Ich gehe einfach mit sehr offenen Augen durch die Welt.“
Die Gastroszene vor Ort hält er „für wahnsinnig vielseitig. Die für mich erfolgreichen Gastronomen kümmern sich um einen Laden und sind darin auch Gastgeber, darauf können wir stolz sein. Wer nur an Renditeoptimierung interessiert ist, ist eigentlich kein Gastronom“. Er selbst bespielt nun bereits als Fünfter den Betrieb am Klarissenplatz (Happy Happa). Warum ist die Situation dort so schwierig? „Über den Klarissenplatz geht keiner, von den Museumsbesuchern könnten wir nicht leben. Der Platz ist eine Sackgasse, ganz anders als der Hauptmarkt, und man kann nirgendwohin abkürzen. Ich habe mich dafür entschieden weil ich sage: Wo es gut ist, gehen die Leute hin.“
Im vergangenen April übernahm Christian Wagner den Traditionsbiergarten s’Gärtla. „Damals habe ich eine vorläufige Baugenehmigung für die Neugestaltung beantragt – ich habe noch nicht mal einen vorläufigen Bescheid erhalten“, macht er seine Irritation deutlich. Wie reagiert man da als Gastronom, der Pacht zahlt? „Bauen!“ Nach einer Pause ergänzt Wagner leicht bitter: „Inzwischen habe ich mir telefonisch eine Tendenz in Richtung Erlaubnis eingeholt. Ich tu’ mich unter diesen Umständen schon schwer, zu investieren!“
Für die Generalbewirtschaftung des Klassik Open Air 2012 wird sich das Unternehmen dieses Jahr nicht neu bewerben. „Den Catering-Bereich haben wir die vergangenen zwei Jahre allerdings sehr gerne gemacht, mal sehen, ob wir den Auftrag erneut bekommen.“ Auch für das Bardentreffen habe man ein Gebot abgegeben. „Sonst halten wir uns aus Großveranstaltungen 2012 komplett heraus, das ist auch nicht unser Kerngeschäft.“
Was Christian Wagner nicht erträgt, ist jedwede Form von Einengung. „Ich habe keinen Schreibtisch, kein Fach – all das empfinde ich als Fessel. Bei mir ist alles beweglich, ich kann überall arbeiten. Ein Fluchtweg ist für mich wichtig.“ Auch aus der Stadt heraus? Er lächelt – grundzufrieden. Dann sagt er schlicht: „Ich gehöre zu Nürnberg, Nürnberg gehört zu mir. Hier hat man mich zu dem gemacht, was ich bin.“
28. Januar: „Schmiedmass Starkbierfest“ (frankenFein), Kellerbierhütte neben dem s’Gärtla, Beuthenerstr. 19.
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