|
Anmeldung
Diese Funktion steht nur registrierten Usern zur Verfügung.
Loggen Sie sich bitte hier ein oder registrieren Sie sich kostenlos! |
![]() |
Passwort vergessen
Wenn Sie Ihr Passwort vergessen haben können Sie hier ein neues Passwort anfordern. Geben Sie bitte hierzu Ihre E-Mail-Adresse ein!
|
Als es sein goldenes Kleid zusammenrafft, kommen klobige braune Winterstiefel zum Vorschein. Immerhin ist es heute kalt, und Nürnbergs himmlischer Botschafter ist den ganzen Tag unterwegs.
Wobei: Heute sei das Programm gar nicht so schlimm, sagt Harald Meyer. „Nur“ sieben Termine hat das Christkind, normal sind es rund zwölf, auch 15 waren es schon an einem Tag. Trotzdem wird der Fahrer über zwölf Stunden unterwegs sein. Franziska Handke hat inzwischen ihre Krone abgenommen, zurück bleibt ein roter Abdruck auf der Stirn. In dem pompösen Kostüm steckt eine ganz normale 16-Jährige, die während der Fahrt zum nächsten Termin ununterbrochen SMS auf ihrem Handy tippt und kichert.
Der Fahrer wirft unterdessen einen Blick auf die Liste: Nach dem Theater Pfütze steht jetzt die Kita „Netz für Kinder“ in der Hartmutstraße auf dem Programm. Mit der Krone setzt Franziska Handke auch ihr Lächeln wieder auf. Für die Kinder ist ihr Besuch ein Höhepunkt, alle reden durcheinander und wollen dem Christkind nahe sein. Das hat für jeden ein Geschenk und ein paar liebe Worte dabei. Die Kinder sind begeistert.
Auch das gehört zum Job: Zwischen zwei Terminen muss Franziska einer Zeitung per Handy Fragen beantworten. Kurz und knapp fallen ihre Antworten aus: „Es gibt dafür keine Erklärung, das ist einfach so“, entgegnet Franziska auf eine Nachfrage der Interviewerin am anderen Ende der Leitung – keine Frage, das Christkind hat seinen eigenen Kopf. Sicher werde nicht nur positiv über sie berichtet. Aber Artikel über sich lese sie sowieso grundsätzlich nicht. Auch Facebook-Kommentare ignoriert sie. „Wenn jemand etwas Negatives schreibt, ist mir das egal.“
Mittagspause in der VAG-Kantine. Harald Meyer ist zwar eigentlich „nur“ Fahrer, sorgt sich aber auch um das Wohl seines Schützlings: „Franzi, wenigstens noch einen Bissen“, mahnt der 58-Jährige. „Weißt du, wie viele Kalorien auf dieser Gabel sind?“ fragt das Christkind zurück, das das Kleid zwischendurch abgelegt hat und nun auch äußerlich wieder ganz Teenager ist. Nur die blonden, langen Korkenzieherlocken verraten noch die besondere Rolle der 16-Jährigen.
Zurück im Auto dreht Harald Meyer die Musik auf Discolautstärke. Popsängerin Lady Gaga dröhnt aus den Boxen. Der graubärtige Fahrer nickt im Takt. „Ich mag eigentlich jede Musik. Hauptsache, es wummst“, sagt er schelmisch. Passanten auf der Straße drehen sich verwundert um, als das Christkindmobil mit Bassgetöse an ihnen vorbeirauscht. „Das ist unser Kontrastprogramm, das brauchen wir als Ausgleich“, erklärt Meyer.
Was er damit meint, wird spätestens in der Seniorenwohnanlage am Platnersberg klar. Das Christkind spricht den Prolog, viele der älteren Menschen sind sichtlich ergriffen, als es anschließend „Glückssterne“ verteilt. „Glück und Kraft“ sollen die Sterne bringen, sagt Franziska, schaut lächelnd in wässrige Augen, legt ihre Hand auf zerbrechliche Schultern und hält zitternde Hände. In der Pflegestation sind die Reaktionen noch heftiger. „Ist das schön!“, ruft eine alte Dame immer wieder. „Ist das schön!“ Eine andere Bewohnerin hält den gefalteten Stern wie einen Schatz vor sich und betrachtet ihn: „Den werde ich mir gleich aufbewahren“, sagt sie und reckt ihn den Besuchern entgegen. „Schau mal, was ich bekommen habe.“
„Die alten Menschen reagieren oft noch heftiger als die Kinder“, sagt Franziska Handke. Zwar war sie wegen ihres Großvaters schon öfter im Pflegeheim, doch manche Besuche gehen ihr trotzdem nahe. „Manchmal ist einem schon zum Heulen zumute, aber das wäre unfair den alten Leuten gegenüber.“
Auch Harald Meyer ist gerührt. Wenn er nicht gerade das Christkind durch Nürnberg kutschiert, ist er Teil des VAG-Einsatztrupps, der immer dann gerufen wird, wenn es irgendwo hakt. Krisenmanagement ist ihm also nicht fremd. Das kann sicher nicht schaden – auch, wenn ihm die Katastrophe an diesem Tag knapp erspart bleibt. „Harald, wo ist das goldene Buch?“, fragt Franziska mit einem Hauch von Nervosität in der Stimme. Äußerlich bleibt der Fahrer ganz ruhig, aber als das Christkind das Märchenbuch doch noch findet, entfährt ihm ein Seufzer der Erleichterung.
Nächste Station: Meistersingerhalle. „Muss ich da den Prolog aufsagen?“ fragt Franziska und stöhnt, als Meyer die Frage bejaht. „Wieso wollen die bloß immer alle den Prolog?“ Dann setzt sie ihr strahlendes Lächeln auf und setzt ihre Mission fort, den Menschen Freude zu bereiten.