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Doktor Paulis Kamillenträume

Der Bruder der Politikerin forscht in der Biomedizin - 03.10.08

Während Gabriele Pauli jetzt die Landespolitik neu aufmischen will, plant ihr jüngerer Bruder dasselbe schon lange mit der Medizin. Er erforscht in seiner Ein-Mann-Firma «Reviewscience» den unterschätzten Nutzen von Pflanzenextrakten als Keim- und Pilzkiller.


Für Alexander Pauli ist nach dem Wahlsonntag keine Ruhe eingekehrt. Die Kamille treibt ihn um. Daheim in Zirndorf bereitet er sich auf den Vortrag vor, den er ihr an diesem Samstag auf einem großen Wissenschaftskongress widmet.

In der Ohm-Hochschule treffen sich mehr als 1500 Mediziner und Pharmazeuten aus 100 Ländern, um Wissen über Antibiotika und Infektionsbekämpfung auszutauschen (siehe auch Seite 20). «Ehrlich II» nennt die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft ihre Konferenz, nach dem großen Chemiker und Arzt. Paul Ehrlich gilt als Entdecker der Chemotherapie und erhielt vor genau 100 Jahren einen Nobelpreis.

Der promovierte Lebensmittelchemiker Alexander Pauli steuert nun die Erkenntnis bei, dass die Kamillenpflanze in manchen Fällen teuren Medikamenten den Rang ablaufen könnte. Denn im ätherischen Öl der Kamille steckt die Substanz Alpha-Bisabolol: Sie zerstört Pilzzellen und Bakterien, etwa den gefährlichen Krankenhauskeim Staphylococcus aureus. Der Clou: Bisabolol in Reinform erledigt das dank bestimmter biochemischer Zeitabläufe, ohne anderswo im Körper giftig zu wirken - also nebenwirkungsfrei. Bäder mit hohen Dosen des farblosen Extrakts, schwärmt Pauli, seien eine sichere Alternative für Menschen, die von chronischen Entzündungen an Nägeln, Geschlechtsorganen oder Wunden geplagt werden. Pilzbefall kann immunschwache Patienten heute noch das Leben kosten.

Zusammen mit dem emeritierten Pharmazie-Professor Heinz Schilcher, der für sein Pflanzenarzneiwissen renommiert ist, schreibt der 49-Jährige Aufsätze zum Thema. «Es wäre ein Wahnsinnsfortschritt, wenn man den Angriffsweg des Naturstoffs chemisch nachahmen könnte», sagt Pauli. «Man bekäme ganz neue, individuelle therapeutische Möglichkeiten.»

Heilung für offene Beine

In seinem Bekanntenkreis macht der Zirndorfer praktische Versuche mit dem sanften Antibiotikum. Er erzählt von einem Freund, der nach einer Fußamputation monatelang an einem offenen Bein litt. Pauli gab ihm die Kamillenessenz, die er bei Kosmetikherstellern kauft. «Nach zweiwöchiger Anwendung musste er kein Morphium mehr gegen die Schmerzen nehmen und konnte wieder an Krücken gehen.»

Heilpflanzenwissen ist Jahrtausende alt. Neu aber ist, dass es heute nicht mehr allein durch Erfahrung belegt, sondern auch biochemisch verstanden wird. Die Kamillen-Weisheit steckte schon in Paulis Vorarbeit: einer monströsen englischsprachigen Datenbank.

Zehn Jahre lang listete er, nachdem er in Würzburg seinen Doktor in pharmazeutischer Biologie und Hygiene gemacht hatte, die passenden Arzneistoffe für 3000 Krankheitskeime auf, mitsamt ihren chemischen Strukturen und giftigen Eigenschaften. Sowohl pflanzliche als auch synthetische Mittel sind aufgeführt. 200 000 Datensätze umfasst «Amicbase», an die 1000 Euro kostet diese CD. «Es ist ein einzigartiges, weltübergreifendes Informationssystem», sagt der Erfinder. Vor allem sei es frei von Arztempfehlungen und Wirtschaftsinteressen gestaltet. Jeder Mediziner könnte darin einfach Wissen nachschlagen.

Das scheint auch das Verhängnis des Projekts zu sein. Wegen eines Streits mit dem Verlag liegt der Vertrieb im Moment auf Eis. Unabhängig davon befürchtet Alexander Pauli, dass sein mühselig zusammengetragenes Wissen für die Allgemeinheit nutzlos bleiben könnte, weil es «zu politisch» ist. Firmen, zu deren Umsatzknüllern beispielsweise ein Fußpilzmittel zählt, würden Werbung für preiswertere Pflanzenextrakte wohl zu verhindern wissen.

Die «Gleichschaltung des Pharmamarkts» schränke das eigenverantwortliche Arbeiten von Ärzten ein, kritisiert der Wissenschaftler. «Es wird nur noch danach therapiert, wie abgerechnet werden kann. Seit die Kamille nicht mehr verschreibungsfähig ist, haben Ärzte das Interesse an ihr verloren.»

Dass die Freien Wähler aus Mittelfranken jetzt nicht nur seine Schwester Gabi, sondern auch den Zahnarzt Peter Bauer in den Landtag schicken, gibt Alexander Pauli leise Hoffnung in der Enttäuschung. Mehr Freiräume im Gesundheitswesen sind gerade Bauers erklärtes politisches Ziel. Bei den Paulis hängen Wissenschaft und Politik in diesen Zeiten eng zusammen - wie Geschwister. 



Isabel Lauer



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