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Dreieinhalb Tränen für Nürnberg

Hektischer Abschied: Pfarrer der Frauenkirche folgt Order des Erzbischofs nach Coburg - 08.09. 19:02 Uhr

Nürnberg  - Elf Jahre war Roland Huth Pfarrer der Frauenkirche. Einem von ihm gesuchten Personalentwicklungsgespräch in Bamberg folgte die überraschend schnelle Order des Erzbischofs: Coburg ist der neue Wirkungskreis des beliebten Predigers, der sich bereits am Samstag, im Abendgottesdienst um 18.30 Uhr, aus Nürnberg verabschiedet.

Das Poster mit Queen Victoria hat Roland Huth kurz nach der Entscheidung im Infokasten aufgehängt. Bisweilen konnte er die Folgen, die ein Personalentwicklungsgespräch nach sich zog, wohl vor allem mit Humor ertragen.
Das Poster mit Queen Victoria hat Roland Huth kurz nach der Entscheidung im Infokasten aufgehängt. Bisweilen konnte er die Folgen, die ein Personalentwicklungsgespräch nach sich zog, wohl vor allem mit Humor ertragen.
Foto: Roland Fengler
Das Poster mit Queen Victoria hat Roland Huth kurz nach der Entscheidung im Infokasten aufgehängt. Bisweilen konnte er die Folgen, die ein Personalentwicklungsgespräch nach sich zog, wohl vor allem mit Humor ertragen.
Das Poster mit Queen Victoria hat Roland Huth kurz nach der Entscheidung im Infokasten aufgehängt. Bisweilen konnte er die Folgen, die ein Personalentwicklungsgespräch nach sich zog, wohl vor allem mit Humor ertragen.
Foto: Roland Fengler

Huths Wunschpfarrei in Erlangen erhält der Coburger Kollege, der wiederum die kreisfreie Stadt ungern verlässt, während die Frauenkirche voraussichtlich bis zur Osterzeit 2012 ohne festen Pfarrer sein wird...



NZ: Die Gemeinde der Frauenkirche reagierte geschockt, Sie innerhalb kürzester Zeit nach Coburg ziehen lassen zu müssen. Konnten Sie sich dem Willen des Erzbischofs problemlos fügen?

Huth: Gelinde gesagt war es ein langer Entscheidungsprozess. Der Erzbischof hat sich redlich gemüht, mir deutlich zu machen, warum er mich gerne in Coburg sieht. Sagen wir es so: Als ich mich zum Personalentwicklungsgespräch angemeldet habe, hatte ich mir einen wesentlich offeneren und rücksichtsvolleren Prozess vorgestellt. Dass es sehr schnell nur noch in eine Richtung ging, wurde mir bewusst, als der Erzbischof mit seiner Meinung Maßgaben gesetzt hat.

NZ: Ist das noch zeitgemäß?

Huth: Ich weiß nicht, wie es zum Beispiel in Industriebetrieben zugeht. Machtstrukturen und das Unvermögen, nicht rechtzeitig in einen konstruktiven Prozess zu kommen – das empfinde ich in meiner Kirche als sehr bedrängend. Es gäbe ganz andere Möglichkeiten, Stellen zu besetzen. Was verwundert und auch verletzt, ist, dass man bei Entscheidungen, die über den eigenen Kopf getroffen werden, nur noch reagieren kann.

NZ: Welche Möglichkeiten bleiben einem Priester, der Gehorsam gelobt hat, in so einer Situation?

Huth: Ich habe mich durchaus gefragt, was ist mir diese Kirche, was ist mir mein Beruf noch wert. Beides noch so viel, dass ich diese Herausforderung annehme. Deswegen bleibt es meine freie Entscheidung, nach Coburg zu gehen – ich hätte mich auch aktiver wehren können. Dann jedoch bliebe die Frage: Kann ich in einem Dauerdisput leben, möchte ich das, ist das meine Art?

NZ: Was sprach eigentlich gegen Coburg?

Huth: Wohl vor allem der eindeutige Wunsch des Bischofs, dem nichts mehr zu entgegnen war. Und natürlich meine vielleicht in der Tat etwas naive Vorstellung, dass man im Jahr 2011 ein Personalgespräch im Bistum Bamberg offen führen kann. Wobei ich sagen muss, dass ein hohes Bemühen nach allen Seiten der Bistumsleitung bestand, mir Coburg redlich schmackhaft zu machen.

NZ: Und – was ist schmackhaft?

Huth (schmunzelt): Längere Bratwürste, mehr Grün, weniger Katholiken, die Nähe zum Bistum Erfurt (er lacht).

NZ: Und ohne Galgenhumor?

Huth: Coburg ist eine Kleinstadt mit 41000 Einwohnern, davon 10000 Katholiken. Diese teilen sich in zwei Seelsorgebereiche, im älteren und größeren werde ich Pfarrer. Die Frage ist, wie es dort strukturell mit der pastoralen Situation weitergehen kann. Es gibt klare Vorstellungen der Bistumsleitung und Prämissen, mit denen ich nach Coburg gehe. Doch ich möchte erst einmal Profil wahrnehmen und den Menschen die Möglichkeit geben, Profil an mir wahrzunehmen. In dieser ganzen emotionalen Diskussion, ,unser Pfarrer wird uns genommen und jetzt kommt ein Fremder, der vielleicht gar nicht gern will‘, verstellt vieles den Blick auf das, was gut und schön ist.

NZ: Wie sehen Ihre ersten Aufgaben aus?

Huth: Die Gesamtsanierung der Kirche St. Augustin steht an, ein drei bis dreieinhalb Millionen teueres Projekt. Zudem ist es eine hochaktive Gemeinde, was Kinder- und Familienarbeit betrifft. Ich würde mich freuen, wenn ich dort einen längeren Bezug zu den Familien, eine stabilere Gemeinde erleben dürfte, als in der Frauenkirche, wo durch Zu- und Wegzüge manches auf der Strecke bleibt.

NZ: Da ist ja etwas Lust zu spüren!

Huth (grinst): Die hab ich immer! Ich bin ja viel zu abenteuerlustig, als dass mich das kalt lassen würde. Man könnte es sich nur wesentlich leichter machen, wenn die Übergänge harmonischer wären. Es geht ja auch darum: Was hinterlasse ich hier? Wie geht die pastorale Versorgung weiter?

NZ: Wie sieht es denn in der Frauenkirche in den nächsten Monaten aus?

Huth: Mit Pfarrer Reinhold Seidl von Herz Jesu gibt es einen Pfarr-Administrator, der sich sicher redlich bemühen wird, mit Aushilfen wie Pensionisten und Kaplänen wie eigenem Einsatz, das pastorale Tun und alles, was finanziell und personell laufen muss im Seelsorgebereich, gut weitergehen zu lassen. Dass das in einer Gemeinde, die schon immer ein Stück weit personenbezogen war, problematisch wird, lässt sich gar nicht verhindern. Es ist schade, dass das Bistum es nicht geschafft hat, eine Regelung hinzubekommen, bei der mein Weggang und das Kommen des neuen Pfarrers ineinandergegriffen hätten. Was man dem Seelsorgebereich damit antut, halte ich für höchst problematisch!


NZ: Das heißt, in der für die Frauenkirche turbulentesten Zeit – Advent und Weihnachten, Karzeit und Ostern – wird es keinen festen Pfarrer geben?

Huth: Richtig. Dementsprechend mehr Verantwortung wird auf den Gremien, das heißt Ehrenamtlichen, und den verbleibenden hauptberuflichen Mitarbeitern liegen.

NZ: Warum geht das nicht Hand in Hand?

Huth: Soweit ich weiß, ist der neue Pfarrer aus persönlichen Gründen erst um Ostern einsatzbereit.

NZ: Konnte oder wollte das der Bischof nicht anders koordinieren?

Huth: Er wird seine Gründe gehabt haben, warum er diese Lösung so forciert hat.

NZ: Wie blicken Sie auf Ihre Nürnberger Zeit zurück?

Huth: Dazu braucht man immer eine gewisse Distanz – doch keine Frage: Diese elf Jahre waren das Filetstück meines pastoralen Wirkens. Dabei wird es bleiben. Ich habe es als Herausforderung gesehen, hier 2000, nach einer Kultfigur wie Veit Höfner, mit einem ganz eigenen Gepräge anzufangen. Ich habe allerdings in den letzten zwei, drei Jahren gespürt, wie es an meiner Kraft zehrt, oft auch bis an den Rand der Leistungsfähigkeit. Da war die Arbeit in der Stadtkirche, das stellvertretende und kommissarische Mittun als Dekan und die gesamte pastorale Arbeit. Trotzdem – ich möchte keine Stunde missen.

NZ: Was nehmen Sie mit?

Huth: Eine große Domäne in meinem Tun habe ich – und das möchte ich nie missen – in der persönlichen geistlichen Begleitung; auch wenn ich sicher nicht allen Menschen gerecht geworden bin, weil die Zeit zu knapp war. Dass gerade in der Frauenkirche und in unserem Seelsorgebereich mit diesem quirligen Publikum und den vielen Distanzierten, die oft bei uns angelandet sind, doch ganz viel stabilisiert werden konnte und gewachsen ist – das war das größte Geschenk, dafür bin ich unendlich dankbar! Ich habe das Gefühl, dass ich in jedem Gespräch dazulernen durfte, dass ich auch der Beschenkte war.

NZ: Wie schwer wird die Trennung – auch als Opernfan?

Huth: Dreieinhalb Tränen: Eine halbe – Staatstheater zu Landestheater. Drei Tränen für den Seelsorge-Bereich, das Leben in dieser Stadt und für Menschen, die ich zurücklasse.

NZ: Wie motiviert man sich in so einer Situation?

Huth: Ich bin 51 Jahre alt. Was ich von zu Hause mitbekommen habe, ist unbändiges Gottvertrauen, dazu kam in all den Jahren Realismus. Seit ich mich entschlossen habe, Theologie zu studieren, war immer ein Stück Abenteuer angesagt. Ob ich an meine drei Kaplan-Stellen denke, an die fünf Jahre Diözesan-Jugendseelsorge-Arbeit oder an 2000, als ich auch erst nicht an die Frauenkirche wollte – oh Gott, mitten in die Stadt...! Gut, jetzt geht’s nach Coburg.


Vorerst gibt es für die Frauenkirche keinen festen Pfarrer. Als „höchst problematisch“ bezeichnet Roland Huth die Situation im Gespräch mit der Autorin.
Vorerst gibt es für die Frauenkirche keinen festen Pfarrer. Als „höchst problematisch“ bezeichnet Roland Huth die Situation im Gespräch mit der Autorin.
Vorerst gibt es für die Frauenkirche keinen festen Pfarrer. Als „höchst problematisch“ bezeichnet Roland Huth die Situation im Gespräch mit der Autorin.
Vorerst gibt es für die Frauenkirche keinen festen Pfarrer. Als „höchst problematisch“ bezeichnet Roland Huth die Situation im Gespräch mit der Autorin.

NZ: Schon gepackt?

Huth (stöhnt): Gefühlte 40 von 400 Kisten. Das ist immer ein innerer und äußerer Prozess.

NZ: Wäre es möglich gewesen, zu bleiben?

Huth: Ich denke, ich hätte es erstreiten können. Doch meine Prämisse war, ich werde zwischen dem 10. und 15. Jahr die Pfarrei wechseln. Das war schon klar, als ich nach Nürnberg kam.

NZ: Nicht Coburg gram, aber dem Bischof?

Huth (schweigt lange): Ich bin dem System etwas gram. Personen sind Teil des Systems – und man darf nicht verschweigen, dass man selbst Teil des Systems ist. Manchmal muss man sich an dieses ,Ja‘ erinnern lassen – und ab und zu muss man zu diesem Ja auch nochmal ganz neu Ja sagen wollen.

NZ: Bereut man an solchen Punkten auch mal die Berufswahl?

Huth (prompt): Nie! Noch kein einziges Mal.
  



Anabel Schaffer

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