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In den 80er Jahren waren Wohnungen rund um die Pirckheimerstraße bei Familien, Beamten und der bürgerlichen Mittelschicht noch sehr gefragt, erzählt Johannes Fuchs, der seit über 20 Jahren das Piaggio-Center in der Pirckheimerstraße betreibt. Bei den Einzelhändlern fand man alles, was man zum Leben brauchte, der Stadtpark ist nur einen Steinwurf entfernt, um auszuspannen.
Doch mit dem Bau von neuen großen Einkaufscentern veränderten sich auch die Kundenströme. „Seit es im Mercado in der Bayreuther Straße einen Media Markt gibt, macht hier ein Elektrogeschäft nach dem anderen dicht.“ Genauso erging es vielen Lebensmittelläden, Schuh- und Kleidungsgeschäften. „Ein Stadtviertel ist wie eine Lebensgemeinschaft. Doch die verliert sich hier zusehends.“
Seit einigen Jahren sieht Johannes Fuchs nun mehrmals täglich eine „Sixpack-Rallye“ an seinem Schaufenster vorbeilaufen. Eingezwängt zwischen einem Getränkeladen und einem Wohnheim für die ärmsten der Armen, kann er den steigenden Alkoholkonsum im östlichen Teil der Pirckheimerstraße täglich beobachten.
Fuchs versteht, dass Familien weg- und immer mehr junge Leute zuziehen, die auf der Suche nach einer günstigen und zeitlich befristeten Bleibe sind. Dazu kommen die vielen leerstehenden Läden, in die derzeit eine Spielhalle nach der nächsten einzieht. Der sogenannte „Trading-Down-Effekt“ hat hier schon eingesetzt, als der neudeutsche Begriff noch Niedergang eines Viertels hieß.
Doch Petra Schinz und Nele Gilch konnte das alles nicht schrecken. Mit ihrem Waschsalon-Café Trommelwirbel in der angrenzenden Bayreuther Straße sind sie der „Leuchtturm in der Mitte“, wie Tobias Schmidt, Vorsitzender des Vorstadtvereins Nürnberg-Nord, es formuliert. Vor gut zwei Jahren haben sie den Laden, umgeben von Wettbüros, Handyläden und Nagelstudios, eröffnet. „Ursprünglich wollten wir mit unserem Geschäft auf den Friedrich-Ebert-Platz.
Doch ein Spielcasino erschien den Vermietern lukrativer“, sagt Schinz. Der Laden dort stünde nun wieder leer. „Und uns gibt es immer noch.“ Nur ein Drittel der Trommelwirbel-Kunden sind Anlieger. Die Mehrzahl nimmt weite Wege auf sich, um dort Wäsche zu waschen und den Siebziger-Jahre-Flair in dem Eckladen zu genießen.
„Wir müssen dafür sorgen, dass die Leute aus dem ganzen Stadtgebiet gerne zum einkaufen in die Pirckheimerstraße kommen“, sagt Schmidt. Dafür brauche es auch ein ausgewogenes Angebot an Einzelhändlern – und pfiffige Ideen wie die, aus einem Waschsalon ein Erlebniscafé zu machen. „In diesem Punkt sind auch die Vermieter gefragt, die in ihren Laden nicht eine Spielhalle einziehen lassen, nur um Leerstände zu vermeiden.“ Man müsse auch Existenzgründern wie Schinz und Gilch eine Chance geben und nicht nur aufs Geld schauen.
Derselben Meinung ist auch Roman Mader, der seit fünf Jahren das Lottogeschäft an der Ecke Maxfeldstraße betreibt. Quasi über Nacht wurden an einem leerstehenden Laden gegenüber große Aufkleber eines Wettanbieters angebracht. „Klassische Einzelhändler gibt es nach wie vor hier. Aber es werden immer weniger“, sagt Mader.
Obwohl vor knapp zwei Monaten die Linie 9 eingestellt wurde, sieht er seitdem einige neue Gesichter in seinem Geschäft – und viele, vor allem ältere Menschen, gar nicht mehr. „Die, die noch kommen, schimpfen ungeheuer. Ich kann nicht verstehen, dass nun gar nichts mehr durch die Pirckheimerstraße fährt.“ Ob man denn nicht wenigstens die Buslinien 46 und 47, die derzeit nur durch die Rollnerstraße führen, einen Teil der Pirckheimer entlang fahren lassen könnte, fragt er sich. „Diese Straße wird langsam zur toten Straße.“
Die Linie 9 war ein „rollendes Schaufenster“ für die Einzelhändler – kostenlos noch dazu. Jetzt ist dieser Werbeeffekt weg und die Ladenbesitzer sind in eine Art Schockstarre verfallen. Einige, wie die Inhaberin des Blumengeschäfts neben dem Lottoladen oder die Goldschmiedin Tanja Mangold überlegen, die Pirckheimerstraße aufzugeben, irgendwo hinzuziehen, wo mehr Laufkundschaft zu erwarten ist.
„So oder so muss für diese Straße ein Entwicklungskonzept her“, drängt Tobias Schmidt. Die Stadtverwaltung sieht das anders. „Die Pirckheimerstraße ist in einem überwiegend guten Zustand, das gilt auch strukturell. Die Leerstände sind nicht das Problem“, sagt Johannes Hinnecke vom Baureferat.
Petra Schinz will jedenfalls bleiben und vielleicht bald einen zweiten Waschsalon eröffnen. „Wir suchen uns den Standort nicht nach dem Anteil der Single-Haushalte aus“, sagt die 48-Jährige. „Eher danach, wo die Menschen keinen Treffpunkt mehr in ihrem Stadtviertel haben, in dem sie mal ein Schwätzchen halten können“ Auch Vespa-Händler Johannes Fuchs will in der Pirckheimerstraße bleiben. Er sorgt sich um die Straße, das ja – aber er ist sich sicher, dass sie noch zu retten ist.