Wenn Kreisobmann Gerhard Völkel eine vorläufige Bilanz der Erntesituation zieht, kann er nur sagen: "Bisher ist es ein katastrophales Jahr für uns." Die Höhe der Einbußen sei noch nicht bezifferbar. Die Landwirte wollen erst den Herbst abwarten, bevor sie sagen können, ob ein Teil ihrer Ausfälle ausgeglichen werden kann.
Noch nie hat Völkel solche "extremen Witterungsbedigungen" erlebt. Es begann mit dem ungewöhnlich langen Winter, der Aussaat und Auspflanzung des Gemüses im Knoblauchsland um einen halben Monat verzögerte und die Heizkosten in den Gewächshäusern in die Höhe trieb. Durch den kühlen und feuchten Mai lief dann die Spargelernte schlecht.
Beim Edelgemüse gab es 20 Prozent weniger Ertrag als sonst; der höhere Preis konnte den Verlust zumindest teilweise wieder wettmachen. Der 11. Mai war ein schwarzer Tag für die Knoblauchsländer Bauern: Das Unwetter mit schwerem Hagel hat ihre gesamte erste Ernte vernichtet. Ob bunte Salate oder Kohlrabi - alles lag zerschlagen auf den Feldern. Fünf Millionen Schaden, lautete die bittere Bilanz. Die ersten Einnahmen des Jahres fielen einfach aus.
Die wochenlange brütende Hitze mit Temperaturen bis 35 Grad Ende Juni und im Juli trieben die Bewässerungskosten in die Höhe. Durch den großen Regen im August konnte ein Teil der Getreideernte überhaupt nicht eingebracht werden. Die Salate litten, büßten an Qualität ein, viele Pflanzen wurden schon kurz nach dem Auspflanzen vom Mehltau befallen. Rettiche, Radieschen und Karotten standen zu lange im Wasser und verfaulten auf dem Feld.
"Die vor drei Wochen gepflanzten Zucchini bewegen sich durch die Nässe und Kälte nicht weiter", berichtet Renate Höfler aus ihrem Gemüseanbaubetrieb, "und wenn sie mit drei Wochen Verspätung reif sind, werden sie kaum ihre sonstige Qualität erreichen." Ähnliches befürchtet Gerhard Völkel jetzt schon für die Kartoffelernte.
Nasse und unter Wasser stehende Felder, einsinkende Mähdrescher, auf dem Halm keimendes Getreide und immer wieder Regengüsse. Auch die fränkischen Getreidebauern haben so ihre Probleme mit dem Sommer. „Es ist dieses Jahr zum Verzweifeln“, sagt Leonhard Keller, Getreidepräsident des Bayerischen Bauernverbandes.
Nach einem zu trockenen April, einem nass-kalten Mai und Hitze und Trockenheit von Mitte Juni bis Ende Juli und den anhaltenden Regenfällen im August droht in vdie Getreideernte zum Desaster zu werden. „In vielen Regionen ist es schon Realität,“ so Keller. „Etliche Getreidebauern nahmen zwar hohe Feuchtewerte in Kauf - Hauptsache, das Korn kam vom Halm. Nach den heftigen Regenfällen Anfang der Woche hat sich aber auch das erledigt, da die Befahrbarkeit der Felder nicht mehr gegeben ist,“ beschreibt Keller die Situation. Vor allem in Ober- und Mittelfranken haben die Bauern Getreide geerentet, das jetzt nur noch als Futtermittel zu gebrauchen ist. Vom überdurchschnittlich hohen Weizenpreis, den europäische Bauern dem russischen Exportstopp zu verdanken haben, kann deshalb kaum einer profitieren.
Wie eine Umfrage des Bayerischen Bauernverbandes zeigt, stehen bei einigen Getreidearten zudem noch große Mengen Getreide auf den Feldern, da die Böden zu nass sind, um die schweren Mähdrescher zu tragen. Nur die Ernte der Wintergerste ist nahezu abgeschlossen.
Bei Sommergerste, Triticale und Roggen sind im Durchschnitt der Meldungen ca. 60 bis 70 Prozent der Bestände geerntet. Bei Weizen und Hafer steht über die Hälfte noch auf den Feldern. Nach Kellers Einschätzung war im Juli schon klar, dass die bayerischen Bauern infolge der Trockenheit mindestens 10 bis 15 Prozent weniger Getreide an Ertrag ernten. Dies hat sich durch die Umfrage mehr als bestätigt. Regional werden sogar Ertragsausfälle von bis zu 35 Prozent gemeldet. Das feucht-warme Wetter der letzten Wochen sorgt nun beim reifen Getreide für Auswuchs und schlechte Qualitäten. So sind die Qualitätsparameter meist nur bei Partien zufriedenstellend, die bis Anfang August geerntet wurden. Es werde aus allen Regionen Auswuchs gemeldet, so der Getreidepräsident. Die Folge seien niedrigere Fallzahlen bei Brotgetreide.
Für Keller ist die Fallzahl aber nur eines von vielen Kriterien zur Bestimmung der Weizen- und Roggenqualität: „Ich gehe davon aus, dass auch Getreide mit einer niedrigeren Fallzahl noch backfähig ist.“ Einige Mühlen in Bayern hätten angesichts der sich abzeichnenden Probleme mit den Fallzahlen bereits Kompromissbereitschaft signalisiert. Beim Marktgespräch der Landesvereinigung der Erzeugergemeinschaften Ende August will Keller diesen Sachverhalt mit den Müllereivertretern weiter diskutieren.
Für viele Bauern sei das jedoch ein schwacher Trost, denn ihr Getreide werde nach den neuerlichen Niederschlägen oft nur als Futtergetreide Verwendung finden. Pilzbefall sorgt teilweise dafür, dass es nicht einmal als Futtergetreide geeignet ist. „Als Absatzmarkt helfen hier nur Biogasanlagen, allerdings mit deutlich niedrigeren Preisen,“ sagt Keller. Damit gehe der aktuelle Preisanstieg, ausgelöst durch die Rücknahmen der Ernteerwartungen in Europa, Kanada und vor allem Russland, an vielen bayerischen Landwirten vorbei.
Die „reflexartige Ankündigung von Preiserhöhungen“ von Seiten einiger Großbäcker und deren Verbände kann Keller dagegen nicht verstehen. „Aus 100 Kilogramm Brotgetreide bäckt ein Bäcker mindestens 2.200 Semmeln oder 200 Pfund Brot. Daran kann man ohne zu rechnen erkennen, dass der Einfluss des Getreidepreises marginal ist“, stellt Keller fest. Eines müsse aber den Verbrauchern auch klar sein: Die Zeiten, in denen hochwertige Lebensmittel immer billiger werden, seien vorbei.