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Extrem gefährliches Heroin im Umlauf

Zahl der Drogentoten nahm dramatisch zu - 19.08.10

Nürnberg  - Schon 17 Drogentote hat die Nürnberger Polizei dieses Jahr gezählt. Der Grund: Derzeit ist sehr reines und extrem gefährliches Heroin im Umlauf. Nur die kontrollierte Einnahme könne Schwerstabhängige retten, sagt die Drogenhilfe und fordert Konsumräume – bislang erfolglos.


Ein Mann geht an einem Infoplakat über „Sucht und Drogenhilfe“ der „alternativen Jugend- und Drogenhilfe e.V. – mudra“ vorbei.
Ein Mann geht an einem Infoplakat über „Sucht und Drogenhilfe“ der „alternativen Jugend- und Drogenhilfe e.V. – mudra“ vorbei.
Foto: dpa

In einem Bäckerei-WC am Nürnberger U-Bahnhof Plärrer hat sich eine 22-Jährige die letzte Heroinspritze ihres Lebens gesetzt. Eine geschockte Verkäuferin fand die Leiche der zierlichen Frau. Sie ist eine von insgesamt 17 Drogentoten, die die Nürnberger Polizei in diesem Jahr bislang gezählt hat. Seit 2005, als nur sechs Menschen in Nürnberg an einer Überdosis starben, fallen in der mittelfränkischen Metropole jedes Jahr mehr Abhängige ihrer Sucht zum Opfer. Der negative Trend der vergangenen Jahre droht sich auch heuer fortzusetzen – die Gesamtzahl von 21 Toten des Vorjahres könnte schon bald übertroffen werden.

Ähnlich sieht die Entwicklung in ganz Bayern aus. 2005 wurden 197 Drogenopfer im Freistaat gezählt, 2009 waren es 250. Ausnahme ist München, wo die Zahl der Drogentoten zuletzt mit ungefähr 50 konstant blieb. „Im Augenblick ist viel Heroin unterwegs, deswegen fällt der Preis. Dazu steigt seit Jahren die Qualität des Stoffes“, berichtet Klaus Thieme von der Nürnberger Drogenhilfe Mudra. Besonders gefährlich sei das sehr reine Heroin, das zurzeit in Mittelfranken zu bekommen sei. Bis zu 60 Prozent Reinheitsgrad seien im Umlauf, normal seien 10 bis 15 Prozent.

Ein Skelett streckt dem Betrachter die goldene Nadel und einen Löffel entgegen – mit solchen Plakaten warnt die Drogenhilfe deshalb in Nürnberger U-Bahnen seit kurzem vor Überdosierungen. „Gefährdet sind vor allem Abhängige, deren Körper wegen Therapie oder Haft entwöhnt sind“, sagt Thieme. So setzte sich im Juli ein Häftling im Nürnberger Gefängnis den goldenen Schuss. Auch der unhygienische Konsum „im Busch oder im Bahnhofsklo“ berge hohes Risiko. In der Hektik, entdeckt zu werden, spritzten sich die Abhängigen oft zu schnell. Bei der 22-Jährigen kamen beide Faktoren zusammen. Sie erlitt den tödlichen Rückfall kurz nach dem Ende einer Entzugstherapie. „Ihr wäre vielleicht zu helfen gewesen, sie hatte sich noch nicht aufgegeben“, sagt Klaus Thieme.

Mudra fordert einen Konsumraum

Seit längerem fordere Mudra die Einrichtung eines sogenannten Konsumraums in Nürnberg. Dort könnten sich Schwerstabhängige unter Aufsicht Heroin spritzen, das sie selbst mitbringen. Konsumräume gibt es in sechs Bundesländern. Ihre Logik sei so schlicht wie zwangsläufig, sagt Thieme. „Ich kann nur jemanden von den Drogen herunterholen, der sie überlebt.“

Für einen Konsumraum müsste der Freistaat eine Verordnung erlassen, aber Bayerns Regierung ist trotz eines Antrags des Nürnberger Stadtrats dagegen. „Besser Drogentherapie als Fixerstuben“, sagt Gesundheitsminister Markus Söder (CSU). Er sehe die Gefahr von rechtsfreien Räumen, einer Sogwirkung auf Dealer und Konsumenten und die Verlängerung der Abhängigkeit Betroffener. „Drogenkonsumräume führen nicht zu weniger Drogen“, urteilt Söder.

„Von rechtsfreiem Raum kann keine Rede sein“

„Im Konsumraum ist alles bis ins letzte Detail geregelt – von rechtsfreiem Raum kann keine Rede sein“, entgegnet Thieme. Wer in die an Krankenhäuser erinnernden Zimmer komme, habe schlicht Angst um sein Leben. Dealen sei dort strikt verboten. Außerdem bekämen die Sozialarbeiter Kontakt zu Schwerstabhängigen, die freiwillig nie in die Beratung kommen würden. Thieme geht von bis zu 2.500 Heroinsüchtigen in der Region aus, nur 1.600 seien der Mudra bekannt.

„Viele setzen sich die Spritzen in der eigenen Wohnung“, sagt auch Polizeisprecher Peter Schnellinger. Denn dort könne die Polizei schwerer kontrollieren als auf der Straße. 2009 klärten die Nürnberger Beamten 1.846 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz auf. Doch die hohe Zahl führt in die Irre, denn bei Drogen gilt: Je mehr die Beamten suchen, desto mehr fliegt auf. 





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