13°C
Donnerstag, 24.05. - 06:06 Uhr
Login
Info
Anmeldung
Diese Funktion steht nur registrierten Usern zur Verfügung.
Loggen Sie sich bitte hier ein oder registrieren Sie sich kostenlos!
Passwort vergessen
Info
Passwort vergessen
Wenn Sie Ihr Passwort vergessen haben können Sie hier ein neues Passwort anfordern. Geben Sie bitte hierzu Ihre E-Mail-Adresse ein!

E-Mail-Adresse
Druckversion

„Für junge Flüchtlinge bin ich wie eine Mutter“

Vormund Dagmar Gerhard im NZ-Gespräch - 17.11. 23:06 Uhr

Nürnberg  - Wer als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, kurz UMF, nach Deutschland kommt, braucht Hilfe – und einen Vormund. Die Sozialpädagogin Dagmar Gerhard kümmert sich derzeit um über 40 jugendliche Flüchtlinge und bietet Fortbildungsseminare für gesetzliche Betreuer an. Die NZ sprach mit der Nürnbergerin über ihre Arbeit.


Dagmar Gerhard kümmert sich um jugendliche Flüchtlinge, die ohne sorgeberechtigte Erwachsene nach Deutschland gekommen sind.
Dagmar Gerhard kümmert sich um jugendliche Flüchtlinge, die ohne sorgeberechtigte Erwachsene nach Deutschland gekommen sind.
Foto: Hagen Gerullis
Dagmar Gerhard kümmert sich um jugendliche Flüchtlinge, die ohne sorgeberechtigte Erwachsene nach Deutschland gekommen sind.
Dagmar Gerhard kümmert sich um jugendliche Flüchtlinge, die ohne sorgeberechtigte Erwachsene nach Deutschland gekommen sind.
Foto: Hagen Gerullis

NZ: Frau Gerhard, wie wird man Vormund für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge?

Dagmar Gerhard: Man muss vom zuständigen Jugendamt für diese Aufgabe vorgeschlagen werden. Laut Gesetz haben Kinder und Jugendliche, die in Deutschland ohne sorgeberechtigte Erwachsene ankommen, einen Anspruch darauf, innerhalb von drei Tagen einen Vormund zu bekommen. In der Regel ist das ein Amtsvormund. Im Landkreis Fürth gibt es das aber nicht. Deshalb haben wir vor drei Jahren eingeführt, dass sich beruflich tätige Betreuer als Vormünder zur Verfügung stellen.

NZ: Welche Voraussetzungen sollte man für diese Tätigkeit mitbringen?

Gerhard: Als Sozialpädagoge ist man von der Ausbildung her schon recht gut auf diese Arbeit vorbereitet. Man muss sich darüber hinaus für die spezielle Thematik Ausländerrecht und Flüchtlinge interessieren. Man wird mit individuellen Geschichten konfrontiert – und muss fast immer wieder kämpfen, dass die jungen Flüchtlinge zu ihren Rechten kommen.

NZ: Was haben die jungen Flüchtlinge in ihrer Heimat erlebt?

Gerhard: Die Flüchtlinge aus dem Irak oder aus Afghanistan haben Bomben-Anschläge miterlebt und gesehen, wie Menschen dabei ums Leben gekommen sind. Sie haben in ihren Heimatländern von klein auf Unterdrückung, Erpressung und korrupte Polizeisysteme kennengelernt und die Erfahrung gemacht, dass man sich in einer Notsituation nicht an staatliche Behörden wenden kann – weil sie einem ohnehin nicht helfen, außer man gibt ihnen dafür viel Geld. Den Schutz durch staatliche Instanzen kennen sie nicht. Auch auf der Flucht haben sie oft eingepfercht in dunklen Lkw Schlimmstes erfahren.

NZ: Wie verläuft der erste Kontakt mit dem jungen Flüchtling?

Gerhard: Bei der ersten Begegnung mit dem jungen Flüchtling lasse ich mir die Geschichte gar nicht erzählen. Denn bei der Ankunft müssen sie das in der Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf und im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ohnehin mehrmals tun. Vielmehr möchte ich, dass sie Vertrauen zu mir fassen. Ich frage, wie es ihnen geht und ob sie zu Hause eine Schule besucht haben. Ich erkläre ihnen, dass ich jetzt in Deutschland wie ihre Mutter bin; nur, dass sie nicht bei mir wohnen können und auch kein Geld bekommen – aber 40 Geschwister haben.

NZ: Wie sieht Ihre Arbeit aus?

Gerhard: Ich habe natürlich viele Kontakte mit den Jugendlichen. Auch muss ich eng mit Ausländerbehörden, der Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf und dem Bundesamt zusammenarbeiten. Am Anfang wollen die Jugendlichen vor allem wissen, wann sie aus der Zirndorfer Gemeinschaftsunterkunft in eine Wohngruppe umziehen können.

NZ: Ein Flüchtling lebt ständig in Ungewissheit, ob er wieder abgeschoben wird. Ist das für einen Jugendlichen schlimmer als für einen Erwachsenen?

Gerhard: Das glaube ich schon. Die Jugendlichen kommen mit bestimmten Erwartungen und Hoffnungen. Sie wissen: In Europa gibt es Schutz und Sicherheit und auch einen gewissen Wohlstand. Sie denken zu Beginn alle, sie können sich aussuchen, wo sie wohnen und wie sie ihr Leben verbringen. Das ist aber leider nicht so. Bis vor kurzem durften sie nicht einmal den Landkreis ohne Erlaubnis verlassen.

NZ: Welche Therapie-Möglichkeiten gibt es, um den oft traumatisierten Jugendlichen zu helfen?

Gerhard: Da gibt es gar keine – wir haben uns selbst welche geschaffen. Vor zwei Jahren haben wir ein kunst- und ergotherapeutisches Projekt ins Leben gerufen. Dabei malen die Flüchtlinge oder betätigen sich anderweitig künstlerisch. Mädchen haben auch gehäkelt und gestrickt. Unsere Ergotherapeutin Christine Freund besucht mit den Flüchtlingen auch die Stadt und verbessert ihre Deutschkenntnisse. Leider ist die Finanzierung über die „Sternstunden“ jetzt ausgelaufen, aber wir haben einen neuen Antrag gestellt.

NZ: Wie weit reicht Ihr Einfluss bei politischen Entscheidungen?

Gerhard: Meine Einflussmöglichkeiten sind recht groß. Mit dem Bundesamt bestehen relativ gute Beziehungen. Rund 50 Prozent unserer Klageverfahren gegen einen negativen Bescheid gingen bislang positiv aus. Mit dem Nürnberger Ausländeramt ist die Zusammenarbeit hingegen oft schwierig. Wenn ich mit meinen Mündeln einen Ausflug machen will, muss ich immer wieder einen Antrag stellen. Man muss den Mitarbeitern verdeutlichen, in welchen Verhältnissen die jungen Flüchtlinge leben – sie bekommen ja sonst nur Name und Akte auf den Tisch.

NZ: Wie fällt Ihre Statistik aus – wie viele Flüchtlinge dürfen nach dem 18. Geburtstag bleiben?

Gerhard: Zwei Flüchtlinge mussten Deutschland verlassen, einer kehrte freiwillig nach Vietnam, ein anderer in den Irak zurück. Alle anderen aber durften bleiben – und mit vielen habe ich noch Kontakt.

 



Sharon Chaffin

Mail an die Redaktion

Ihr Kommentar

Name:
 
Info
Bestätigungswort

Um Ihren Kommentar abzusenden, geben Sie bitte das Bestätigungswort ein. Nicht lesbar? Erzeugen sie durch Klick darauf einen neuen Text.



Nachrichten aus der Region
Alle Regionen

22:32 Uhr:
22:00 Uhr:
Baustellen Vorschau
Karte zum Öffnen anklicken
Badeseen in der Region
Badeseen in der Region: Karte zum Öffnen anklicken!
Vorschau Infografik Nordanbindung
Interaktive Grafik zum Öffnen anklicken

NZ Facebook neu
            
     
User-Kommentare
Suche wird durchgeführt...

Moneyspecial regional

Wo liegen meine Stärken?
Polizei-Meldungen