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Das Geschäft mit Andenken kennt weder Jahreszeiten noch Lokalstolz, es lebt von Nostalgie und Moderne gleichermaßen. „Souvenir kann alles sein, vom Kerzenleuchter bis zum Silberlöffel“, sagt Gerhard Wagner, der Inhaber des „Töpferladens“ am Hauptmarkt. Das Gefühl für die Dinge, die Touristen mögen könnten, muss ihm im Blut liegen: Seine Familie verkauft in fünfter Generation Mitbringsel und Kunstgewerbe. Den „Töpferladen“ gibt es seit 1865.
Damals, erinnert sich der 76-Jährige, hatten die Menschen noch Verwendung für Steinzeug. In den großen Einweckkrügen legten sie Essiggurken ein, gärten Sauerkraut. Ebenso beliebt waren in den 60ern praktisches Kupferzeug und allerhand aus Zinn. Noch immer mögen Touristen die traditionellen Herzteller, von denen die Sechs auf Kraut besonders gut schmecken. Doch es arbeiten kaum noch Zinngießer, Zinn ist den meisten Touristen zu teuer geworden und wiegt im Koffer zu schwer. Zwar hängen an den Wänden des vollgestellten Ladens noch Zinnteller, doch der Renner sind sie nicht.
Denn Nürnbergs Tourismus hat sich verändert. Besuchten die Menschen früher vor allem im Auto die Frankenmetropole, so kommen sie heute oft mit dem Flugzeug, aus Amerika, aus Russland, aus China. In einem Irrsinnstempo durchmessen diese Touristen Europa, für ausgedehnte Erkundungen haben sie keine Zeit. Manchmal ist Nürnberg ihre einzige Station in Bayern.
Daher gibt es hier auch Souvenirs, die an Berlin, München oder Heidelberg erinnern sollen. An das Oktoberfest, an Schloss Neuschwanstein. Wer mag, kann echte Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald erwerben. Alles steht für Deutschland – da ist der Wiedererkennungswert fränkischer Fachwerkhäuser vergleichbar mit dem des Brandenburger Tors. In welcher Stadt das Mitbringsel in die Einkaufstasche wanderte, ist dabei völlig egal.
Bei Ausgewanderten trifft das Sortiment an romantischen Weihnachtskugeln und festlichem Nippes den sentimentalen Nerv. „Da kommen die zum ersten Mal wieder nach Deutschland, wahrscheinlich im Sommer. Die kaufen dann natürlich trotzdem Weihnachtsartikel“, erzählt Gerhard Wagner.
Auch die klassischen Souvenirteller aus Porzellan mussten dem modernen Reiseverhalten weichen. Denn im Koffer, beim langen Transport, zerbrechen sie leicht. Robustes Polyresin ist das Material der Stunde, Anstecker aus gelasertem Holz sind ebenfalls schon sehr beliebt.
Soll es doch mal ein bemalter Teller sein, hat Wagner kulturelle Unterschiede festgestellt. So lieben Russen „viel Gold“, daher gibt es eigens für diese Käufergruppe Exemplare mit breitem Goldrand. „Meins ist es nicht“, sagt Wagner. „Aber Kitsch ist ein Unwort! Ein schönes Andenken soll einfach Spaß machen.“ Zu den nahe platzierten Rosenkränzen greifen russische Touristen auch gerne – warum, kann sich der 76-Jährige allerdings nicht erklären.
Die Motive auf Silberlöffeln, Handtüchern, Schlüsselanhängern, Ansteckern und Kugelschreibern ähneln sich. Markantes ist gewünscht, Altbekanntes gewollt. Daher zeigen Souvenirs, die an Nürnberg erinnern sollen, immer wieder Fachwerkhäuser, Bratwürste und den Schönen Brunnen.
Doch Nostalgie ist nur bis zu einem gewissen Grad erträglich. Neue Lebensverhältnisse erfordern neue Souvenirs. Das beste Beispiel dafür sind Kühlschrankmagnete, die seit Jahren immer beliebter werden. Diesen Trend haben die Amerikaner begründet, in deren Küchen große Kühlschränke stehen, die nicht eingebaut sind. Seit einiger Zeit bieten Gerhard Wagner und sein Sohn Marko auch Schutzhüllen für das iPhone an. Die Motive sind, wie kann es anders sein: der Schöne Brunnen, die Burg und die Frauenkirche.