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Ein grimmiger Wind weht durch die Karolinenstraße. Wer hier Stellung bezogen hat, muss die Zähne zusammenbeißen. Vor allem aber muss er von seiner Sache überzeugt sein. So wie Thomas Krämer. Das Wetter, findet er, sei genau richtig. „Es passt zu unserem Thema: In Deutschland herrscht soziale Kälte, die Leute stehen im Regen. Darum geht es uns hier. Wir wollen die Menschen nicht im Regen stehen lassen.“ Krämer ist im Einsatz für den „Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt“ (KDA), trägt ein grünes Papierhütchen auf dem Kopf und sammelt Unterschriften: für eine „Robin-Hood-Steuer“ gegen Armut. Gemeint ist die seit der Finanzkrise viel diskutierte Transaktionssteuer, die unter anderem das maßlose Spekulieren an der Börse eindämmen soll. Für Thomas Krämer, den Diplom-Volkswirt, ist die Finanztransaktionssteuer ein wichtiger Baustein zu einer sinnvollen Regulierung der Finanzmärkte. Davon möchte er die Menschen, die an seinem Stand vorbeiziehen, überzeugen.
Samstag ist Einkaufstag, und so tragen die Passanten schwere Tüten an den Ständen der Sozialverbände vorbei. Ein Geldtransporter schiebt sich durch die Menge, kommt auch am „Job-Monopoly“ vorbei, das der ver.di-Bezirkserwerbslosenausschuss Mittelfranken aufgebaut hat. Ein Mitspieler wirft den gelben Schaumstoffwürfel und kommt vom Regen in die Traufe. Von der Leiharbeit zur nächsten Leiharbeit. Dieses Monopoly ist ein Spiel des Lebens, es handelt von Gewinnern und Verlierern.
Stephan Doll, der DGB-Chef für die Region Mittelfranken, steht auf dem Podium vor der Lorenzkirche und erklärt, worum es dem breiten Aktionsbündnis geht, das aus der Einkaufsstraße an diesem Tag eine Mahnmeile gemacht hat. „Wir brauchen eine andere Politik in diesem Land und daran arbeiten wir gemeinsam.“ Ein mächtiges Signal hat er sich gewünscht und findet, dass er es bekommen hat. „Wir können nicht jedes Jahr eine solche Großdemonstration organisieren wie 2010, aber die Sozialmeile ist eine gelungene Fortsetzung.“ Doll freut sich, dass so viele Organisationen dabei sind. Die Arbeiterwohlfahrt, die Prostituiertenselbsthilfe Kassandra, der Mieterverein, Attac, das Sozialforum Nürnberg, die Stadtmission, die Katholische Arbeitnehmerbewegung, das Friedensforum, die Schülerverwaltung, die Falken, die IG Bau, der Kreisjugendring, der Straßenkreuzer, der paritätische Wohlfahrtsverband, das Bündnis Sozialticket – und noch viele, viele mehr.
„Ich glaube“, sagt Stephan Doll, „dass unsere Aktion lange nachwirkt.“ Alle Organisationen zusammen haben ein Manifest erstellt, in dem sie unter anderem gute Arbeit für alle fordern – also keine Beschäftigungen, von denen Menschen nicht leben können, keine Ausnutzung von Leiharbeitern, das Ende der Niedriglohnpolitik. Sie fordern kostenlose Bildung und Ausbildung für alle – von der Kindertagesstätte bis zur Universität, die Rücknahme der Kürzungen im Sozialbereich und einen öffentlich geförderten Arbeitsmarkt für Nürnberg. Denn Nürnberg ist die Stadt mit dem bayernweit höchsten Anteil an Langzeitarbeitslosen. 70 Prozent der Menschen ohne Job sind betroffen.
Ein Häuflein ver.di-Mitglieder zieht als Bettelmönche verkleidet durch die Karolinenstraße. Es wirbt für einen Mindestlohn von 8, 50 Euro pro Stunde.
Auch am Monopoly kommen die Mönche mit den Gummiglatzen vorbei. Da hat ein Mitspieler gerade das Ereignisfeld erreicht. „Dein ArbeitslosengeldI läuft aus, du bist jetzt Hartz-IV-Empfänger.“ Das Spiel des Lebens kennt kein Pardon. Doch es soll neue Regeln bekommen. Dafür haben all die Vertreter des Sozialforums am Samstag in der Kälte gestanden.