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Es ist ein guter Tag für den Leierkastenmann. Der Wind jagt die Wolken vor der Sonne weg. Die Luft fühlt sich nach Urlaub an und die Menschen, die zum Stadion strömen, sind guter Dinge. Endlich wieder Fußball. Walter Meier orgelt die WM-Hymne "54, 74, 90..." Münzen klimpern in seine Dose hinein. Die Club-Fans sind spendabel. Viele kennen den Musikanten schon. "Servus" rufen sie ihm zu oder "auf gehts wieder!" Sie klopfen ihm auf die Schulter und werfen Geld in sein Schatzkästlein. Es ist kurz vor 14 Uhr und der 70-Jährige hat schon ein beachtliches Häuflein aus 50-Cent-Stücken zusammen.
Seit zehn Jahren steht Walter Meier an der Karl-Steigelmann-Straße, die am Zeppelinfeld entlang zum Stadion führt. Immer, wenn der Club zuhause spielt, ist er mit seinem Leierkasten da. Natürlich ist auch er ein Cluberer, ganz klar, er wohnt zwar in Fürth, aber er ist in Nürnberg geboren. Das verpflichtet. Und deshalb ist er so stolz darauf, dass er FCN-Lieder spielen darf. Er habe die Rechte offiziell erstanden, erzählt er. "Die waren nicht billig. Aber das Geld gebe ich gerne aus. Die Leute sind Clubfans und wollen Club-Lieder hören."
Und schon dreht er aus seinem Instrument "Die Legende lebt, auch wenn die Zeit vergeht..." heraus. Das kommt an. Später, wenn die Heerscharen der Enttäuschten hier vorbeiziehen, wird Meier nicht mehr da sein. Nach einer Niederlage wollen doch alle nur noch eines: schnell weg. Heute sind sie stinksauer. "So ein Spiel daheim gegen Freiburg zu liefern - das geht gar nicht", sagt ein Fan aus Oberfranken. Er will jetzt auch nur noch nach Hause.
Aber zurück zum Nachmittag: Die Reiners möchten erst einmal ins Stadion hinein. Vater, Mutter und Kinder sind mit Schals und Trikots ausgestattet. Die Stimmung ist gut. 2:0 für den Club tippt Mama Sabine. Papa Thomas ist nicht ganz so optimistisch. "Ich fürchte, das wird sehr schwer", sagt er. Das sehen viele andere Fans auch so, denn schließlich hat der FCN in der vergangenen Saison Hin- und Rückspiel gegen die Freiburger verloren.
Er sei schon froh, sagt Thomas Reiner, wenn der Club den Klassenerhalt schaffe und nicht wieder in die Relegation müsse. "Es wird sicher wieder eine Zitterpartie." Ein erfahrener Clubfan formuliert seine Ansprüche an die Mannschaft seines Herzens eben bescheiden. "Ich bin ein Mini-Clubberer" steht auf Ninas T-Shirt. Sie sitzt auf Papas Arm und wird gleich die erste Club-Niederlage ihres Lebens sehen. Obwohl ihr Vater doch sagt, dass ein Sieg gegen Freiburg für den Club heute Pflicht ist. Er will am Ende der neuen Saison nicht schon wieder zittern müssen.
"Diesmal sollte die Mannschaft einen Platz im Mittelfeld erreichen", sagt Michael Sokatsch aus Uffenheim. "Ich hoffe, es wird nicht wieder ein Abstieg." Davon mag Stefan Seidel aus Schwandorf noch gar nicht sprechen. Jedenfalls nicht vor dem Spiel. "Ich bin voller Erwartung", sagt er. "Die Hoffnung auf die neue Saison ist groß." 20 Schals hat er sich um die Hüfte geschlungen. Club-Schals, Anti-Fürth- und Anti-Bayern-Schals. "Daheim hab ich auch noch 20 Stück." Vielleicht hätte es dem Club Glück gebracht, wenn er mit allen 40 gekommen wäre.
Peter Groß ist auch ein Leierkastenmann. Nur heute nicht. Heute benützt er sein Instrument als Laden und verkauft rot-schwarze Girlanden für zwei Euro das Stück. Das Geschäft ist ein mühsames. "Bis jetzt geht es noch recht langsam. Aber wenn der Club gewinnt, sieht es besser aus. Es geht schon immer was." Gerade geht tatsächlich was, Nico und Carina mit ihren Eltern aus Rohr bei Schwabach angereist, bekommen eine Girlande um den Hals gehängt. Auch sie sind zum ersten Mal dabei und was sie sehen werden, wissen wir ja nun. Die beiden sind aufgeregt. "Ich hoffe, dass es in dieser Saison besser läuft als in der letzten", sagt Thomas Pawlik, ihr Vater. "Aber ich gehe jetzt seit 39 Jahren da raus und ich bin deshalb schon einigen Kummer gewohnt."
Doch selbst wer im Frustriertsein Übung hat, ärgert sich über das 1:2. Auch Walter Meier, dem Drehorgelspieler, der einmal Maurer war, tut die Niederlage weh. Und trotzdem. Es war ein guter Tag für ihn. Endlich wieder Fußball, endlich wieder Club-Lieder. "Es macht Spaß, hier zu spielen."