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Der Herzog von Croy, allem Neuen aufgeschlossen, brannte darauf, Monsieur Franklin zu besuchen. Freilich nicht nur aus politischen Motiven: „Man weiß, dass dieser berühmte Doktor aus Philadelphia uns als erster mit der Elektrizität, ihren schönsten Phänomenen und ihrer Verquickung mit den Gewitterkräften vertraut gemacht hat“, notiert Croy in sein Tagebuch.
„Es ist sehr bemerkenswert, dass diese vortrefflichste Entdeckung des Jahrhunderts in Amerika gemacht wurde, und aufschlussreich war es, mit ihrem Entdecker darüber zu fachsimpeln ... Er (Franklin) war sehr groß und stattlich, hatte wallendes weißes Haar, trug außer Haus immer eine Lederkappe und wirkte ein wenig wie ein Quäker. Da er alle möglichen Zwicker besaß, war er nie ohne Augengläser gesehen worden. Es bleibt erstaunlich, wie viele Gelehrte mit schwachen Augen so vieles erkannt haben!“
Ein zentraler Satz! Benjamin Franklin (1706–1790) war alles andere als ein Stubengelehrter, der Schule und Universität besucht und sich in Lesesälen einschließt. Er war ganz einfach neugierig bis ans Lebensende. Und obendrein der Selfmademan schlechthin, für Generationen amerikanischer Schulkinder bis heute das Vorbild, wie man mit Fleiß, Neugier und Cleverness sich emporarbeiten kann, und sich obendrein von Macht und Reichtum nicht korrumpieren lässt, sondern zum Wohle aller wirkt. Das klingt derart vorbildlich, dass es nicht zum Aushalten ist! Hat der Kerl denn keine Marotten?
In Boston als Sohn eines Seifensieders und Kerzenziehers geboren, bestimmte ihn sein Vater für die geistliche Laufbahn. Der Grund: Benjamin war der zehnte Sohn seines Vaters, und den zehnten Teil seines Ertrags soll man ja dem Herrn opfern. Doch nach einem Jahr auf der Lateinschule ging dem Vater das Geld aus. Der zwölfjährige Benjamin begann daraufhin die Ausbildung zum Drucker im Betrieb seines älteren Bruders James, der ihn ordentlich ausnutzte. Mit 17 Jahren floh Benjamin aus der Knechtschaft nach Philadelphia, schlug sich dort als Drucker durch, fiel durch Fleiß und Kenntnis auf und ging nach London, wo er seine Druckerkenntnisse vervollkommnete.
Zurück in Philadelphia ging es rasant bergauf. Er gründete eine Zeitung. Ihm glückte, wovon wir Zeitungsleute träumen: Er erreichte mit seiner Schreibe das große Publikum, sowohl die schlichten Gemüter wie die Intellektuellen. Er bestückte den „Poor Richard’s Almanack“ mit Binsenweisheiten und traf damit voll ins Schwarze. Mit 25 Jahren war er bereits ein gemachter Mann, doch anstatt sich zurückzulehnen, arbeitete Franklin weiter. Auch an sich selbst, unermüdlich bildete er sich autodidaktisch weiter fort.
So um 1748 hatte Franklin Zeit und Muße, sich mit den Wissenschaften zu beschäftigen. Vor allem hatte es ihm der elektrische Strom angetan. Damals experimentierte man mit den Leydener Flaschen. Auf Franklin geht der Name „Batterie“ zurück, der vom Kanonenverband zum Stromspeicher mutierte. Ebenso die Begriffe „plus“ und „minus“ in der Elektrizität. Auch überlegte Franklin, ob zwischen den Gewitterblitzen (die man damals als Feuer vom Himmel ansah) und der Elektrizität ein Zusammenhang bestehe.
Franklin machte die Probe aufs Exempel. Eines schwülen Tages im Juni 1752 baute er einen Drachen, bezog ihn mit Seide und – wie es sich gehört – mit Schwanz und Schlaufen, sowie einem 30 Zentimeter langen Draht. Die Schnur bestand aus Hanf. An deren Ende band Franklin einen eisernen Schlüssel und umwickelte die Schnur zwischen Hand und Schlüssel mit einem dicken Seidenband. Als sich das Gewitter zusammenbraute, ließ Franklin den Drachen in die Lüfte steigen und suchte Zuflucht in einem Viehunterstand. Und tatsächlich: Der Draht zog die Ladung der Gewitterwolke auf sich, leitete sie durch die nasse Schnur weiter zum Schlüssel, der sich prompt auflud. Franklin befand sich im Trockenen, ebenso das halbwegs isolierte untere Ende der Leine. Am Ende lud Franklin eine Batterie mit der Ladung des Eisenschlüssels auf, und damit war der Beweis erbracht: Himmelsfeuer ist elektrischer Strom.
Und wenn der Blitz in den Drachen eingeschlagen hätte? Dann wäre Franklin zumindest als tragikomischer Märtyrer der Wissenschaft in die Annalen eingegangen, als Gegenstück zu Doktor Faustus. So aber avancierte er zum Erfinder des Blitzableiters, zum Retter zahlloser Kirch- und sonstiger Türme, sowie deren Bewohner. Gemäß einer zeitgenössischen Statistik hatte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts allein in Deutschland der Blitz in 386 Kirchen eingeschlagen und mehr als 100 Küster in den Himmel befördert.
Weniger bekannt ist eine weitere Erfindung: die Glasharmonika! 1761 lauschte Franklin einem Musiker, der mit nassen Fingern auf wassergefüllten Gläsern spielte. Wie aber konnte man mehr davon zum Klingen bringen? Franklin nahm ein Spinnrad und baute es um. Auf die verlängerte Spindel setzte er 37 Glasschälchen voll Wasser. Mittels eines Pedals setzte sich die Spindel in Schwung, die Schälchen kreisten gleichzeitig, und so konnte ein Mann auch anspruchsvolle Melodien meistern. Wolfgang Amadeus Mozart komponierte noch in seinem Sterbejahr 1791 ein „Adagio und Rondo in c-moll für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Cello“ (KV 617).
Trotz seiner wissenschaftlichen Verdienste, trotz seiner Lorbeeren als Staatsmann, Diplomat und Präsident von Pennsylvanien, verstand sich Benjamin Franklin weiterhin als Drucker. Für seinen Grabstein hatte er sich folgende Inschrift ausgedacht (die leider doch nicht verwirklicht wurde): „Hier liegt der Leib des B. Franklin, Buchdrucker. Gleich dem Deckel eines alten Buches, aus dem der Inhalt herausgenommen, und der seiner Inschrift und Vergoldung beraubt ist, eine Speise für die Würmer. Doch wird das Werk nicht verlorengehen, sondern, wie er glaubt, dereinst wieder erscheinen, in einer neuen & sehr schönen Ausgabe, durchgesehen und verbessert vom Autor.“
Fr. 18.05.12
Fr. 18.05.12
Do. 17.05.12
Mo. 14.05.12