Ich stelle mir die Frage: Wie bereitet man sich auf eine Talentshow vor, die alles, wofür man die wunderbare Kunst der Musik liebt, mit Füßen tritt? So, da stehe ich nun zwischen trällernden Teenies in Leoparden-Leggins und High-Heels und warte darauf, dass sich vor mir die Hölle auftut. Auffällig ist, dass neben der relativ geringen Anzahl an Kandidaten ein beeindruckendes Presseaufgebot auf potenzielle "Rampensäue" lauert. Auch eine Boulevard-Reporterin sagt mir, ich sei ihr nicht abgefahren genug, um über mich zu berichten. Schließlich will man den Erwartungen entsprechend peinliche Paradiesvögel und nicht musikalisches Talent in den Vordergrund rücken.
Überhaupt scheint man etwas enttäuscht über die eher unspektakulären Teilnehmer zu sein. Auch als ich den zahlreichen Sängern zuhöre, die ihre vorbereiteten Songs in diverse Radiosender-Mikrofone und TV-Kameras zum Besten geben, bin ich überrascht über die doch ganz passable Qualität. Ein bisschen Fremdschämen kommt dann aber doch auf, als sich die Linsen sämtlicher Lokalmedien auf die erste Kandidatin stürzen, die es in die nächste Runde geschafft hat, um diese zum Räkeln und Grinsen zu animieren.
Während ich also in der Reihe stehe, warte und versuche, voller Scham über meine Anwesenheit, jeder Kamera aus dem Weg zu gehen, versuchen sich andere, gekonnt in Szene zu setzen, indem sie unaufgefordert eigentlich gefühlvolle Balladen über den Platz schmettern. Ich besinne mich auf meine eigentliche Aufgabe und will wissen, warum die Leute, trotz des Scheiterns aller Gewinner der vorherigen Staffeln, immer wieder an solchen Shows teilnehmen.
Die meisten wollen einfach mal testen, wie sie von einer Jury bewertet werden, erfahre ich. Andere halten es für eine lustige Anekdote und nur wenige wollen tatsächlich dadurch berühmt werden. Zwei Jungs erzählen mir sogar, sie hätten eine Punkband gegründet und stünden eigentlich eher auf Rockmusik. Warum sie dann hier teilnehmen, können sie mir nicht genau erklären. Die ersten Kandidatinnen stürmen aus dem Casting-Truck, brechen sofort in Tränen aus und stürzen sich in die Arme der besten Freundin. Wie kann man sich da so reinsteigern, frage ich mich?
Irgendwann bin ich dann auch an der Reihe. Ich trete mit meinem Personalausweis, der meine Volljährigkeit beweisen soll, vor, um mit einem mulmigen Gefühl einen ellenlangen Vertrag zu unterzeichnen, der es RTL erlaubt, alles mögliche mit den Ton- und Bildaufnahmen von meiner Person anzustellen. Dann werde ich in einen kleinen, weißen Pavillon gewunken, der vor dem eigentlichen Casting-Truck steht. Hier bin ich mit sechs aufgeregt wuselnden und trällernden Kandidaten auf engstem Raum eingepfercht. Die Anspannung meiner "Konkurrenten" steigt ins Unermessliche.
Jetzt habe ich schon unzählige Konzerte mit meiner Rockband hinter mir, habe viele Jahre im Nürnberger Opernhaus gesungen und mein Jazzchor ist Deutscher Meister geworden - und trotzdem kann ich mich nicht dagegen wehren, einen Anflug von Aufregung zu spüren. Ich bin sauer auf mich selbst und wundere mich, wie mich eine Sache, die mir eigentlich egal ist, trotzdem so beschäftigen kann. Irgendwann betrete ich dann den Truck. Die Jury, eine spitzfindige junge Frau und ein unangenehmer Hipster, fordert mich trocken zum Singen auf.
Während ich "Heavy Cross" von Gossip vortrage, verziehen sie keine Miene. Ich weiß nicht genau, wie lange ich singen soll, also höre ich zur Verwunderung der Musikexperten einfach nach dem Refrain auf. Irgendwie scheinen diese Leute doch Menschenkenntnis zu besitzen, denn nach meinem Vorsingen lautet die Beurteilung: "Von der Stimme her würden wir dich schon mitnehmen, aber irgendwie glauben wir dir nicht, dass du das wirklich willst!" Vielen Dank, ich freue mich, dass ich anscheinend doch zu sehr ich bin, um ein Casting-Popstar zu werden.