Der rote Polo ist verkabelt wie ein Patient auf der Intensivstation. Nur dass ihm nicht lebenswichtige Säfte zugeführt werden. Er wird ausgesaugt. Alles muss raus. Das Benzin, die Brems- und die Kühlflüssigkeit, das Motoröl, das Frostschutzmittel. Ein Auto vor seiner letzten Fahrt muss trockengelegt werden, so heißt es in der Fachsprache. Die Reifen sind bereits abmontiert, die Batterie ist ausgebaut, der Katalysator entfernt, pyrotechnische Bauteile wie Airbag oder Gurtstraffer werden ausgelöst, damit es später keine gefährlichen Explosionen gibt. Ein paar Meter entfernt ist dann schon Endstation: Hier steht die Schredderanlage, ein Ungetüm von einem Bauwerk, in dessen Bauch alles zerklopft und zerkleinert wird, was man ihm zuführt.
Eckard Feyser kennt die üblichen Abschiedsszenen, er ist für die Annahme alter Autos zuständig und steht gerade unter dem roten Polo. Der schwebt auf einer Hebebühne und macht einen traurigen Eindruck. „Manche Leute fragen, wo ihr Wagen jetzt hingeht. Dann zeige ich ihnen den Schredderschrotthaufen, den Berg, auf dem das liegt, was von den Autos übrig geblieben ist.“ Eine graue, kleinteilige Masse. „Viele hängen irgendwie an ihrem Wagen.“ In Zeiten der Abwrackprämie war das allerdings anders, da wurden Autos zum Entsorgen gebracht, die gerade mal 60000 Kilometer zurückgelegt hatten. „Da fiel die Entscheidung plötzlich leicht.“
Wer sein Auto beim Entsorgungsfachbetrieb Max Aicher Recycling am Hafen abgibt – etwa 250 Wagen im Jahr werden dort angeliefert –, der braucht für die Entsorgung nichts zu bezahlen. Aber er bekommt auch nichts für sein altes Gefährt. „Wir betreiben keinen Ersatzteilhandel“, sagt Roland Fischer, Umweltingenieur und Assistent der Geschäftsführung. „Wer ein höherwertiges Fahrzeug hat, sollte es zu einem Fachbetrieb bringen, der Ersatzteile ausbaut und vermarktet. Die zahlen meist ein paar Euro.“ Damit sich der Entsorgungsaufwand für die Recycling-Firma lohnt, nimmt sie ausgeschlachtete Wagen nicht kostenlos an. Der Motor sollte schon noch da sein, auch Achsen und Getriebe. Wenn nur Karosserie und Polster in der Schredderanlage landen, kommt am Ende wenig Brauchbares heraus. Und das bedeutet weniger Ertrag.
Bewahrt vor den gewaltigen Hämmern der Schredderanlage werden Stoßstangen aus dem Kunststoff Polypropylen (PP). Die werden vollständig recycelt. Der Rest von dem, was einmal ein Auto war und nicht mehr zu gebrauchen ist, landet nach dem Trockenlegen erst einmal auf einem Berg, trifft dort zusammen mit Bettgestellen, Fässern, Maschendraht, Rohren, Waschmaschinen, Wasserkesseln, Campingstuhl-Skeletten – all das zusammen ist das sogenannte Schreddervormaterial.
Immer wieder schaffen Lkw diverser Entsorgungsfirmen neue Ladungen heran. Bevor sie ihre Last losbekommen, werden sie kontrolliert – etwa, ob sie strahlen. „Es wäre der worst case, wenn im Stahlwerk etwas Radioaktives eingeschmolzen würde“, sagt Roland Fischer. Deshalb müssen die Transporter eine Schleuse passieren, die die Strahlung im Container misst. Ist die Toleranzgrenze überschritten, wird Alarm ausgelöst. „Man findet immer wieder mal etwas schwach Radioaktives. Höhenmesser aus der Flugzeugindustrie etwa. So etwas wird mit einem Handsuchgerät aufgespürt, aussortiert und einer geordneten Entsorgung zugeführt.“ Damit am Ende ein guter Schreddermix entsteht, muss die Anlage möglichst ausgewogen gefüttert werden. Mit Hilfe zweier Bagger wird das Material vorsortiert. Auf einem Förderband fährt der Wohlstandsmüll seinem Ende entgegen. Ein 3000-PS-Motor schafft es, ein altes Auto innerhalb einer Minute in Kleinteile zu zerreißen. 16 Hämmer, jeder 110 Kilo schwer, treibt er an, sie dreschen mit voller Kraft auf den Schrott-Mix ein. Selbst Motorblöcke – kein Problem. Ist etwas bei aller Krafteinwirkung trotzdem unkaputtbar, kann es durch eine Notauswurfklappe entfernt werden – damit die Technik keinen Schaden nimmt. Ist das Material klein genug gehackt, fällt es durch einen Rost auf ein Band und wird weitertransportiert. Staub, der dabei herumfliegt, wird abgesaugt. Was am Ende bleibt, ist die Schredderleichtfraktion – dazu gehört, was mal die Sitzpolster im Auto waren, oder leichter Kunststoff. Ein Großteil davon landet in thermischen Verwertungsanlagen – Heizkraftwerken zum Beispiel.
Zur Schredderschwerfraktion gehören die Stoffe, die nicht eisenhaltig, also nicht magnetisch und absaugbar sind. Sehr wertvolle Bestandteile wie Kupfer, Messing, Aluminium oder Zink werden per Hand aussortiert. Zwischen 300 und 500 Euro bringt die Tonne ein, je nachdem, wie gerade die Metallpreise stehen.
Der schwere Schredderschrott aus Eisen wird an die Lech-Stahlwerke in Meitingen im Landkreis Augsburg geliefert, dem Mutter-Unternehmen der Max Aicher Recycling. Dort wird das Material eingeschmolzen.
Der rote Polo ist ausgesaugt. Das bisschen Benzin, das er auf seiner letzten Reise dabei hatte, wird auf dem Betriebsgelände weiterverwendet. „Viel Kraftstoff landet bei uns nicht“, sagt Eckard Feyser. „Wer tankt bei den Preisen ein Schrottauto schon nochmal voll?“
Max Aicher Recycling,
Linzer Straße 10, 642920,
Internet: www.mar.de