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Wie viele Grundstücke, sanierungsbedürftige Häuser, Reiheneckhäuser, Doppelhaushälften und Mehrfamilienhäuser sie in den letzten zwei Jahren besichtigt haben, wissen Seyde und Peter Sosnovski nicht genau. Alle zwei, drei Wochen begutachteten sie ein weiteres Gebäude, das vielleicht das neue Heim der dreiköpfigen Familie sein könnte.
Doch stets scheiterte sie: zu klein, zu teuer, direkt an der Straße, abbruchreif. Einmal, bei einem Einfamilienhaus in Thon, sagten sie eine Stunde nach dem Besichtigungstermin zu – da war es schon weg. Der hiesige Immobilienmarkt ist zum Zerreißen gespannt. Die Sosnovskis sind Stadtmenschen, sie möchten in Nürnberg bleiben. Doch Nürnberg hat ein großes Problem: Es hat viel zu wenig Platz.
Dass es eng wird, weiß die Verwaltung schon lange. „Wir wachsen seit dem Jahr 2000. Inzwischen hat Nürnberg knapp 510000 Einwohner, diese Zahl haben wir schneller erreicht als gedacht“, sagt Hans-Joachim Schlößl, der Leiter des Amts für Wohnen und Stadtentwicklung. „Wir müssten permanent Wohnungen produzieren.“
Gerade das aber schafft Nürnberg nicht. Ginge es nach dem Flächennutzungsplan, entstünden jährlich etwa 1750 Wohnungen. Tatsächlich aber wurden im vergangenen Jahrzehnt durchschnittlich nur 1270 Wohnungen pro Jahr realisiert. Die Folge: Der Bedarf an Wohnraum schwillt an. Für immer mehr Bürger wird der Wunsch nach einem Heim unbezahlbar. Dazu passt, dass der Nürnberger Grundstücksmarktbericht „deutliche Preissteigerungen auf den Teilmärkten“ von 2009 auf 2010 verzeichnet. Dagegen will die Stadt vorgehen, mit ungewöhnlichen Mitteln.
Im Fokus stehen Bauflächen innerhalb der Stadtgrenzen – ihr bleibt auch nichts anderes übrig. Denn die Frankenmetropole ist begrenzt von Bannwald, Landschaftsschutzgebieten, Lärmschutzzonen des Flughafens. Hier ist eine Bebauung unmöglich. Vergrößern könnte sich Nürnberg also nur noch im Süden oder auf Kosten des Knoblauchslands.
Am naheliegendsten ist es, die Eigentümer von brach liegenden Grundstücken aktiv anzusprechen. Denen gehören im Idealfall Bauflächen, die schon erschlossen sind oder früher genutzt wurden. Die Ansprache soll einen „Denkprozess“ in Gang setzen, sich mit dem Grundstück auseinanderzusetzen, hoffen Baureferat und Stadtplanungsamt. Um den Aufwand klein zu halten, will man zunächst die Eigentümer größerer Flächen kontaktieren.
Und: Fehlt dem potenziellen Baugrund noch die Erschließung, gibt es diese in Zukunft nicht mehr ohne weiteres. Erst, wenn der Eigentümer Bereitschaft zeigt, in absehbarer Zeit Bagger und Betonmischer auf seinem Grundstück einzusetzen, will die Stadt Baurecht schaffen. In der Vergangenheit war sie mit voreiligen, teuren Erschließungen auf die Nase gefallen.
Neben sanftem Druck erfahren die Bauherren auch spürbare Entlastung. Jedenfalls, wenn es nach den Plänen der SPD und der wbg geht. Die Sozialdemokraten regen in ihrem Antrag für den nächsten Stadtplanungsausschuss am 9. Februar eine „Reduzierung des Stellplatzschlüssels“ an. Die wbg fordert das seit Jahren.
Als Beispiel nennt das Immobilienunternehmen die Elbinger Straße in der Nordstadt. Für die Wohnungen, die dort auf einem kleinen Grundstück entstehen, muss wegen der Stellplatzverordnung eine Tiefgarage her. Um auf ihre Kosten zu kommen, so schreibt die wbg in einem Brief an das Stadtplanungsamt, „müssen alle Wohnungsmieter zur Anmietung eines Tiefgaragenstellplatzes verpflichtet werden“. Dabei könnten sich viele der einkommensschwachen Mieter keinen Platz leisten. Es sei auch davon auszugehen, dass sie nicht einmal ein Auto haben.
Überhaupt ist es nicht einfach, Wohnraum zu schaffen. Das Immobilienunternehmen verweist darauf, dass Neubau barrierefrei sein sollte und energetisch auf dem aktuellen Stand. Grundsätzlich gehört in Nürnberg zu jeder Wohnungseinheit ein Stellplatz. Eine Verringerung der Quote, so wie in München, wäre eine Erleichterung, so die wbg.
Das hört Hermann Renner gar nicht gern. Der Leiter der Bauordnungsbehörde verweist darauf, dass beispielsweise aus einem Studentenheim mit vor allem Fahrrad fahrenden Bewohnern im Laufe der Zeit auch ein Haus werden könnte, das nur motorisierte Menschen beherbergt. Daher müssten genügend Stellplätze her. Hans-Joachim Schlößl vom Stadtplanungsamt sieht das anders: „Wenn mal zehn Plätze weniger gebaut werden, geht die Welt nicht unter. Das Attraktive an einem Haus ist nicht der Stellplatz.“
Am 9. Februar hat der Stadtrat zu entscheiden: ob zugunsten mehr Wohnungen weniger Stellplätze gebaut werden können, ob die Verwaltung Eigentümer von Grundstücken unter sanften Druck setzen darf. „Für die Stadt Nürnberg besteht derzeit die Möglichkeit, das Bevölkerungswachstum in Mittelfranken noch aktiv und positiv zugunsten der Stadt zu beeinflussen“, ist das Fazit von Baureferat und Stadtplanungsamt in ihrem Bericht an die Fraktionen. „Werden die entsprechenden Weichen nicht jetzt gestellt, werden Haushalte ihren Bedarf außerhalb Nürnbergs decken.“