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Zeitreise kreuz und quer durch die Stadtgeschichte

Denkmalstadel als Lagerstätte und Ersatzteillager - 28.12. 08:00 Uhr

Nürnberg  - Elvis liegt in einer Kiste am Eingang, doch ohne Hülle ist bei der "Love-me-tender"-Platte von 1987 schnell der Lack ab. Ein paar Schritte weiter: ein Türemblem aus dem Jahr 1908 mit doppeltem Stadtwappen, Affe, Fuchs und Wolf. Es ist ein Mix aus Schätzen und Schrott, der in der Unteren Kreuzgasse 35 auf seinen Wiedergebrauch wartet und solange ein Schattendasein fristet. Ein Besuch in der Kruschkiste der Stadt.

Oberlichter, schmiedeeiserne Gittertore und Türen machen den Großteil des Bestands im Denkmalstadel aus. Dazwischen: allerhand Klein- und Großkram.
Oberlichter, schmiedeeiserne Gittertore und Türen machen den Großteil des Bestands im Denkmalstadel aus. Dazwischen: allerhand Klein- und Großkram.
Foto: Roland Fengler
Oberlichter, schmiedeeiserne Gittertore und Türen machen den Großteil des Bestands im Denkmalstadel aus. Dazwischen: allerhand Klein- und Großkram.
Oberlichter, schmiedeeiserne Gittertore und Türen machen den Großteil des Bestands im Denkmalstadel aus. Dazwischen: allerhand Klein- und Großkram.
Foto: Roland Fengler

Der Boden duckt sich unter den Füßen der Besucher. Die Luft ist staubig, kalt und ein wenig feucht. Dort, am Pegnitzufer, in einer Nische zwischen Wohnhäusern und Stadtmauer, verwinkelt, unauffindbar für den, der nicht danach sucht. Von außen rauscht der Regen und der Fluss durch den windigen Erker. Tritt man durch das schwere Holztor, das für die Öffentlichkeit sonst verschlossen ist, begibt man sich auf eine Zeitreise – kreuz und quer durch die Nürnberger Stadtgeschichte. Ein Stadel voller wertvoller und wertloser Zeitzeugen.

Wie Elvis Presleys Stimmvolumen auf Schellack hier gelandet ist, weiß niemand, sagt Claudia Forwerk. Das trifft auch auf vieles andere zu, das in diesem Hinterhofhaus zu finden ist. Bei den wenigsten Gegenständen ist eruierbar, wie alt sie sind und woher sie stammen. „Es ist nichts verzeichnet“, seufzt Claudia Forwerk, die im Auftrag des städtischen Hochbauamts für die Monumente zuständig ist.


Deswegen kann sie nur schätzen, dass hier zwischen 1000 und 2000 Teile lagern. „Vieles stammt von Schulen oder mittelalterlichen Häusern, die seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr existieren. Vieles ist auch nur bruchstückhaft vorhanden.“ Für eine genaue Bezifferung müsste der Bestand inventarisiert werden. „Dann könnten wir Platz schaffen und die Artikel listen“, sagt Forwerk hoffnungsvoll. Denn auf den 400 Quadratmetern ist längst nicht alles Gold, was glänzt. „Die Leute, die die Trümmer nach den Bombennächten 1945 beseitigt haben, gaben sich Mühe, das zu sammeln, was irgendwie wertvoll aussah“, erklärt sie die leicht wüste Sammlung.


Claudia Forwerk, Architektin am Hochbauamt, ist die Herrin über die Denkmäler. "Eigentlich ein Vollzeitjob", sagt sie.
Claudia Forwerk, Architektin am Hochbauamt, ist die Herrin über die Denkmäler. "Eigentlich ein Vollzeitjob", sagt sie.
Foto: Roland Fengler
Claudia Forwerk, Architektin am Hochbauamt, ist die Herrin über die Denkmäler. "Eigentlich ein Vollzeitjob", sagt sie.
Claudia Forwerk, Architektin am Hochbauamt, ist die Herrin über die Denkmäler. "Eigentlich ein Vollzeitjob", sagt sie.
Foto: Roland Fengler

Eigentlich ist Forwerk keine Denkmalpflegerin, sondern eine Architektin, die vorwiegend reguläre Baustellen betreut – vieles ist für sie daher wie Puzzlespielen. Sie vergleicht Stücke, die bei ihr lagern mit Bildern vor den Bombardements, die 1945 fast 90 Prozent der Stadt zerstörten und versucht, das Mosaik wieder zusammenzusetzen. Hilfe bekommt sie zeitweise von den Altstadtfreunden, der Unteren Denkmalschutzbehörde und sonstigen Experten.

Das sind, im Umkehrschluss, auch die Hauptabnehmer für die Fundstücke. „Bei mir rufen aber auch Privatpersonen an und sagen, dass sie zum Beispiel eine Tür suchen. Ich vergleiche dann die Größen und lade sie zu einem Termin vor Ort ein“, erläutert Forwerk. In einem geducktem Häuschen in der Oberen Krämersgasse etwa hat ein Ehepaar Verwendung für ein Paar Türblätter gefunden.

Selten Zwischenlager, oftmals letzte Ruhestätte

Doch der Denkmalstadel ist kein Warenhaus. Es gibt nichts auf Anprobe – und Maßschneiderei ist auch nicht drin. Eine kostenfreie Dauerleihgabe der Stadt ist an strenge Bedingungen geknüpft: „Das Anwesen muss in Nürnberg und unter Denkmalschutz stehen und die angefragten Teile müssen sich gut einfügen“, erklärt Forwerk. Das ist denn auch der Haken an den schmückenden, historischen Bauteilen: „Ein altes großes schmiedeeisernes Gittertor zum Beispiel kann doch nicht einfach zurechtgeschnitten werden.“

Viel hat sich demnach nicht bewegt, seitdem Claudia Forwerk vor sieben Jahren Verwalterin dieser Denkmäler wurde. Vieles, schätzt sie, ist seit dem Tag des Gebäudekaufs dort eingesperrt, gelagert. Das war 1972. Ursprünglich befand sich in den drei Haupt- und zwei Zwischenebenen seit 1571 eine Mälzerei. Wie lange die hier jedoch Malz lagerte, „wissen wir nicht“. Nachdem die Stadt den denkmalgeschützten Stadel gekauft hatte, funktionierten die Etagen als Werkstatt für Haus- und Gebäudeteile. Schnell lagerte sich der ein oder andere Gegenstand ein – die historische Schatzkammer entstand. „Ich wäre froh, wenn der ein oder andere Gegenstand wieder gebraucht würde“, seufzt Forwerk.


Hinter dem "Laster" das Damoklesschwert: Die weibliche Allegorie stand in den barocken Hesperidengärten, das Schwertrelief dahinter ab 1350 im Rathaussaal.
Hinter dem "Laster" das Damoklesschwert: Die weibliche Allegorie stand in den barocken Hesperidengärten, das Schwertrelief dahinter ab 1350 im Rathaussaal.
Hinter dem "Laster" das Damoklesschwert: Die weibliche Allegorie stand in den barocken Hesperidengärten, das Schwertrelief dahinter ab 1350 im Rathaussaal.
Hinter dem "Laster" das Damoklesschwert: Die weibliche Allegorie stand in den barocken Hesperidengärten, das Schwertrelief dahinter ab 1350 im Rathaussaal.

Es ist still zwischen den hohen Wänden, an denen Türen und Fensterrahmen lehnen, Gitteroberlichter und Zierfassaden hängen. Schwere Holzbalken auf provisorischen Regalen schweben in drei Metern Höhe von den Decken. Nur das Gebälk knarzt. Laut- und leblos hingegen lehnt eine Marienfigur in einer Nische, zugedeckt mit einem alten gelben Vorhang. Sie sieht verlebt aus, das Holz ist morsch, die Farbenpracht ist in den Jahrhunderten verloren gegangen. Statt einer Kirchengemeinde steht vor ihr eine Statue des heiligen Nikolaus – ausgemistet.

Der Stadel ist aber längst keine letzte Ruhestätte für alles, was hier eingelagert wurde: Erfolgreich wieder zutage gefördert wurde zum Beispiel ein Dacherker von 1900, der einst das Gasthaus „Seerose“ am Dutzendteich zierte, dann aber mit dem Straßenbau keine Verwendung mehr fand. Heute ziert der Erker durch einen Tipp der Altstadtfreunde den Hauptmarkt 9. Die Fassade über der Traditionsbuchhandlung „Korn & Berg“ schmückte schon vor dem Krieg ein Erker des Holzschnitzers Hans Sebald Beham.

Auch die Friesbretter aus dem zerstörten Bürgerhaus in der Karlstraße 23 könnten bald aus der Versenkung aufsteigen. Denn die Zierleiste von 1530 ist gut erhalten und zeigt eine Bauernkirchweih. „Vom Thema her könnte es sich gut in andere Bürgerhäuser einfügen“, hofft Forwerk.

Original ist auch die mittlerweile grünstichige Wappengestalt, die von 1905 bis zirka in die 50er Jahre den Westgiebel des Opernhauses schmückte. „Nach der Sanierung konnte man ihn vermutlich einfach nicht mehr unterbringen“, schlussfolgert Forwerk über das hohle Blechwerk. „Vielleicht gibt er optisch einfach nicht mehr viel her, vielleicht haben sie ihn auch schlichtweg vergessen.“ Heute liegt der Jungfrauenadler komplett, aber zerbrochen und festgezurrt in seiner eigenen Kiste.

Auf dem Stockwerk darüber finden sich Sicherungskopien: eine der Sigena-Urkunde, deren Original im Jahr 1050 Nürnberg erstmals erwähnt. Die Kopie ist zweimal zwei Meter groß, auf eine Steintafel gemalt und das Siegel abgebrochen. „Das Modell stammt sicher aus einer Schule“, meint die Denkmalpflegerin.

Auch die Stadt kann sich nur schwer trennen

Sollte beim Original von Hans Sachs, dem Herz des Ehebrunnens aus dem Jahr 1541, „die Schrift verblassen, könnte man hier spicken“, kommentiert Forwerk die große weiße Gipskopie im Regal. Noch älter ist die alte Lochwasserrohrleitung aus dem 15.Jahrhundert, die heute im düsteren Dachgeschoss des Stadels liegt. Auch damals war sie nicht zu sehen, war sie doch Teil des mittelalterlichen Kanalsystems, das unter der Burg, den Felsengängen oder auch in der Gegend des Germanischen Nationalmuseums durch den Boden verlief.


Hinter Schloss und Riegel fristen Schätze und Schund ihre Tage. Ob wertvoll oder wertlos, ob Tür, Wassermarke oder Fries – sie sind Chronisten der Stadtgeschichte.
Hinter Schloss und Riegel fristen Schätze und Schund ihre Tage. Ob wertvoll oder wertlos, ob Tür, Wassermarke oder Fries – sie sind Chronisten der Stadtgeschichte.
Hinter Schloss und Riegel fristen Schätze und Schund ihre Tage. Ob wertvoll oder wertlos, ob Tür, Wassermarke oder Fries – sie sind Chronisten der Stadtgeschichte.
Hinter Schloss und Riegel fristen Schätze und Schund ihre Tage. Ob wertvoll oder wertlos, ob Tür, Wassermarke oder Fries – sie sind Chronisten der Stadtgeschichte.

Die Mauthalle wurde Anfang der 90er Jahre ordentlich ausgeräumt, bevor sich das Restaurant Barfüßer in den mittelalterlichen „Kornkasten“ und späterem Zollhaus der Stadt einmietete. Die Relikte aus der alten Zeit – Leuchter mit vergilbten Lampenschirmchen und Glühbirnenfassungen, eine alte Kasse und ein Bierfass – wurden an den Stadel übergeben. „Hier liegt auch vieles aus den 70er Jahren, weil die Leute die Sachen irgendwann nicht mehr sehen konnten“, sagt Forwerk und zuckt mit den Schultern.

„Hier ist also nicht alles automatisch wertvoll.“ Zwischen den Resten aus der Mauthalle liegen weiß lackierte Treppenbaluster im Stil des Klassizismus. „Die passen nicht mehr zu der neuen Höhenregelung für Treppengeländer“, erklärt Forwerk lapidar zu den Streben aus der Wiesenschule. Ein Schwung Sandsteinbaluster aus dem Jahr 1607 hingegen wurde unabhängig von Verordnungen im Juli 2011 an alter Stelle im Pellerhaus wieder eingesetzt.

Epitaphe, ein alter Buchungsautomat aus dem amerikanischen Sektor in Berlin, alte Schreibmaschinen oder Engelstatuen, die das süße Laster allegorisch darstellen und längst schon nicht mehr im Hesperidengarten zu Hause sind – vieles fristet hier ein Schattendasein, in dieser vergessenen Zwischenetage der Stadt, hinter dem Kettensteg, an den Pegnitzauen.
  



Andrea Munkert

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