15°C

Samstag, 20.09. - 03:52 Uhr

|

Nur Dummheit ist gefährlich

Rolf Schieder fragt: Wie riskant ist Religion? - 16.01.2009

Der in Coburg geborene Pfarrerssohn lehrt als evangelischer Theologe an der Berliner Humboldt-Universität. Er räumt mit einer Reihe von Vorurteilen auf. Dass etwa der Polytheismus eine friedvollere und harmonischere Lebensweise fördere als der jüdisch-christliche-islamische Ein-Gott-Glaube mit seinen Gewaltpotentialen. Viele Autoren, unter anderen Ulrich Beck und Peter Sloterdijk berufen sich auf den Ägyptologen Jan Assmann, der die These vertritt, wonach durch Moses der Monotheismus als Gegenentwurf zum Polytheismus erfunden wurde und so die gewalttätige Vernichtung aller anderen Religionen in die Welt kam. Ein fataler Denkfehler, meint Schieder. Denn in der Exodusgeschichte manifestiere sich die erste Freiheitsbewegung eines Volkes, das sich zudem noch auf ein Gesetz berufen konnte.

Gewalttätig waren hingegen die einer nordischen Götterwelt nachweinenden Nationalsozialisten, gewalttätig ist auch die nationalistische Hindu-Bewegung in Indien. Und auch die höchst zerstrittene Götterwelt der Griechen verführte nicht gerade zum harmonischen Zusammenleben, wie der Krieg um Troja bewies. Rolf Schieders Sprache ist erfreulich konkret und verständlich. Auch das zeichnet dieses Buch aus.

Weil man den Juden nie missionarische Überwältigungsversuche nachsagen konnte, wurde ihnen ihr Exklusivismus und Separatismus vorgeworfen. Religionen sind nicht gefährlich, sondern riskant, meint Schieder. Das heißt, wer sich wirklich intensiv mit seiner Religion beschäftigt, wird daraus keine Hassbotschaften ziehen können und letztlich zur Toleranz erzogen.

Wollt ihr den «totalen Islam»?

Riskant ist es jedoch, wenn Religion zum Motor der Gewalt wird. Religiös motivierte Terroristen verachten normale Gläubige als unentschlossene, nur äußerlich Glaubende. Liberalismus ist in ihren Augen Schwäche, Demokratie ein Mangel an Entschlossenheit. Religiös motivierte Terroristen sind vom oberflächlichen Konsumismus der Mehrheitbevölkerung abgestoßen. Sie leiden an der ideellen Leere ihrer religiösen Gemeinschaften.

Die zumeist kulturell entwurzelten und sexuell frustrierten jungen Männer fantasieren sich mit Hilfe einer laienhaft zusammengebastelten Weltanschauung in die Rolle der Retter hinein. Durch ihren Tod wollen sie dem Leben eine verzweifelte Bedeutung geben.

Islamisten lernen den Islam nicht als kulturell eingebettete Religion kennen. Sie erfinden sich ihren Islam selbst. Dieser «totale Islam» ist kein traditioneller, überlieferter, sondern ein neuer, von Autodidakten zusammengeschusterter Glaube. In diesem Zusammenhang greift Schieder das neue Buch des Soziologen Ulrich Beck an, der dafür plädiert, dass jeder Mensch für sich einen «eigenen Gott» (so der Titel des Buches) finden müsse. Schieder warnt vor einem solchermaßen religiösen Wildwuchs.

Wichtig sei vielmehr eine Wiedererlangung religiöser Kompetenz. Denn alle Untersuchungen zum religiös motivierten Terror zeigten einen Mangel an religiöser Bildung sowohl auf Seiten der Anhänger radikaler Gruppen, als auch auf Seiten ihrer Führer, die ein Gewalt legitimierendes Gottesbild predigten. «Die beste Gewaltprävention», so Schieder, «ist religiöse Bildung.» Und weil es ihm damit ernst ist, gibt der Autor im letzten Kapitel 40 Hinweise und Empfehlungen für eilige Leser. Es sind kluge Regeln, die Politiker, Lehrer und auch Redakteure vor allzu schnellen und oberflächlichen Urteilen bewahren. Raimund Kirch

Rolf Schieder. Sind Religionen gefährlich? Berlin University Press. 332 Seiten. 29,90 Euro.  

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.