Zur "Beute" Julius Streichers gehörten Fachbücher und Romane ebenso wie Literatur zum Judentum oder zur Arbeiterbewegung. In seinem Hass auf die Juden hortete er die Bücher in seiner Privatvilla in der Äußeren Cramer-Klett-Straße, in der Redaktion seines Hetzblattes "Der Stürmer" in der Pfannenschmiedsgasse und in den Räumen der NS-Gauleitung in der Marienstraße.
Nach dem Krieg übergab die amerikanische Militärregierung die "Stürmer-Bibliothek" an die Israelitische Kultusgemeinde, die sie der Stadtbibliothek unter der Bezeichnung "Sammlung IKG" als Dauerleihgabe überließ. Nürnberg ist deshalb weltweit die einzige Stadt mit einem derart großen Bestand an geraubten Schriften. Die Stadt hat zur Aufarbeitung der Bücher eine eigene Stelle bei der Stadtbibliothek geschaffen: Seit über zehn Jahren geht Leibl Rosenberg den Spuren dieser Bücher nach. Die Vorbesitzer waren jüdische Deutsche, aber auch Arbeiterführer, Freimaurer oder Pfarrer.
Von den 10000 Bänden besitzen 3640 Einträge mit Hinweisen auf ihre Herkunft, 2137 davon enthalten namentlich genannte Vorbesitzer. Oft sind diese Einträge kaum zu entziffern. Bei seinen Nachforschungen stößt Rosenberg unter manchen Namen auf 20 verschiedene Quellen, die er alle zurückverfolgt. Er hat aus der Menge an Informationen eine ständig aktualisierte Datenbank aufgebaut. Vor zweieinhalb Jahren hat die Stadtbibliothek schon einmal eine Suchliste mit 121 Vorbesitzern ins Internet gestellt, die fast alle aus Nürnberg und Fürth oder Franken stammten. "Das Echo hat uns alle überrascht", sagt Bibliotheksleiterin Eva Homrighausen: Zwei Drittel dieser Fälle konnten geklärt werden. Auch wenn es sehr aufwändig und mühselig ist, versucht die Stadtbibliothek, den Familien der Besitzer die Bücher zurückzugeben.
Nicht selten leben die Angehörigen weit voneinander entfernt in verschiedenen Ländern und müssen sich einigen, wer mit der Stadt über die Regelung der Rechtsansprüche verhandelt und einen entsprechenden Vertrag abschließt. "Manchmal meldet sich jemand, doch dann reißt nach der ersten Kontaktaufnahme die Kommunikation monatelang ab", erzählt Rosenberg. Dann gibt es aber auch die Fälle, die ihn immer wieder aufs neue erschüttern: "Oft wurden ganze Familien ausgelöscht."
www.stadtbibliothek.nuernberg.de/spezialbibliothek
