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Energiewende: Menschen werden Lebensstil ändern

„Besser, anders, weniger“ - 17.01.2013 10:19 Uhr

Nürnberg  - Rund 25 Prozent des Stroms in Deutschland wurden im vergangenen Jahr aus Wind, Sonne, Wasserkraft und Biomasse erzeugt. Tendenz steigend. Doch die Energiewende, die in den nächsten zehn Jahren sukzessive angestrebt wird, ist weit mehr als nur die Steigerung des Stromanteils aus erneuerbaren Energieträgern oder der Ausbau der Speichertechnologie.

Die Energiewende wird auch das Bildungszentrum und die Stadtbibliothek beeinflussen.
Die Energiewende wird auch das Bildungszentrum und die Stadtbibliothek beeinflussen.
Foto: Stefan Hippel
Die Energiewende wird auch das Bildungszentrum und die Stadtbibliothek beeinflussen.
Die Energiewende wird auch das Bildungszentrum und die Stadtbibliothek beeinflussen.
Foto: Stefan Hippel

Wenn die Energiewende gelingen soll, dann wird es Umstellungen in allen gesellschaftlichen Bereichen geben müssen. Es werden sicherlich auch Mentalitäten und Verhaltensweisen auf Nutzer- und Angebotsseite hinterfragt werden. Die NZ hat Politiker, Wirtschaftsfachleute, aber auch Spezialisten aus dem kulturellen und sozialen Bereich gebeten, sich Gedanken zu machen, worauf es bei der Energiewende in den nächsten Jahren ankommt und auf was sich die Bevölkerung einstellen muss.

Die NZ-Serie ist ein Versuch, etwas Licht in das Gerede über die Energiewende zu bringen: Auch wenn die Thematik sehr kompliziert ist und die Lektüre nicht immer einfach sein wird – die Energiewende geht alle an.Im vierten Teil der Serie stellt Wolfgang Eckart, Leiter des Bildungscampus, seine Version der Energiewende vor. fis


Wolfgang Eckart, Leiter
 des Bildungscampus.
Wolfgang Eckart, Leiter des Bildungscampus.
Wolfgang Eckart, Leiter
 des Bildungscampus.
Wolfgang Eckart, Leiter des Bildungscampus.

Ein großes gesellschaftliches Projekt steht an: der Umbau unserer Energieversorgung. Hier verstanden als Element einer nachhaltigeren Entwicklung in allen Bereichen, also in der Produktion, im Konsum, aber auch in Bildung und Kultur. Was können wir alle tun, um dieses Ziel zu erreichen? Und welche Beiträge kann eine Einrichtung wie das Bildungszentrum (BZ) dazu leisten – im Einklang mit den Zielen der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, die (nur) noch bis zum Jahr 2014 läuft?

Bei aller Skepsis gegenüber drastischen Szenarien einer „Besorgnisindustrie“ und ihres „Krisotainments“ sehe ich ganz persönlich in dem Projekt vor allem große Chancen. Sie liegen meines Erachtens darin, dass wir wegkommen vom jetzigen Motto unseres Konsums „Immer weiter, immer schneller, immer mehr“ zu einem neuen Motto des Lebensstils, nämlich des „besser, anders, weniger“. Besser heißt zum Beispiel, Produkte gezielt nachzufragen, die energieeffizienter und umweltverträglicher hergestellt wurden, „anders“ heißt zum Beispiel, weniger – oder kein – Fleisch zu essen oder noch häufiger vom Pkw aufs Fahrrad umzusteigen. „Weniger“ heißt: Mit weniger materiellen Dingen besser leben, die eigene Lebensorientierung überdenken. Wie wäre es mit „gut leben statt viel haben“ als Leitbild?

Wir wissen aber auch: Das gelingt uns nur praktisch, nicht durch Appelle, sondern durch die Einübung eines anderen Lebensstils. Und: Die Verantwortung jedes Einzelnen nimmt dabei deutlich zu und wird künftig noch mehr steigen. Denn je mehr das bisherige Großsystem der Energievollversorgung zugunsten dezentralisierter und regionaler Einheiten verändert wird, desto mehr muss sich auch der einzelne Verbraucher damit beschäftigen und Entscheidungen treffen. Voraussetzung dafür ist, dass er das nötige Wissen und Verständnis hat oder es sich aneignen kann.

Die spannende Frage ist: Was kann das Bildungszentrum dafür tun, dass solche Entwicklungen unterstützt und die Bürgerinnen und Bürger dabei nicht allein gelassen, sondern gut beraten und begleitet werden? Durch welche Bildungsangebote kann ein „nachhaltiger“ Beitrag geleistet werden, damit Energiewende und nachhaltige Entwicklung gelingen können?

Ich sehe zwei Bereiche: Konkrete Kursangebote vom Vortrag bis hin zur Ausbildung mit Zertifikat und Veränderungen in der Institution selbst, von den Gebäuden und ihrer Technik bis hin zur Erreichbarkeit und somit „Mobilitätsbilanz“.

Schon jetzt gibt es zahlreiche BZ-Kurse, die sich mit „Wohnen und Energiesparen“, mit der energetischen sowie baubiologischen Gebäudesanierung befassen und über die Fördermöglichkeiten informieren. Ganz praktisch wird es bei den Kursen „Wie kann ich Heizkosten sparen?“, „Was ist die richtige Heizungsanlage für mich?“ oder „Wärmepumpe – kommt das für mich in Frage“? Da es zur Aufgabe einer Volkshochschule gehört, Wissen über komplexe Zusammenhänge in verständlicher Form zu vermitteln, beschäftigt sich auch jetzt schon das Planetarium – als Teil des BZ und als idealer Ort für die anschauliche Vermittlung naturwissenschaftlicher Bildung – mit Fragen unserer Energiezukunft. Künftig wird das Schwerpunktthema „Energiewende“ im Zusammenhang mit „Nachhaltiger Entwicklung“ dort deutlich erweitert und am BZ insgesamt fest in das Kursprogramm verankert sein.

Neben dem Thema „Energiewende“ stehen auch die Themen „nachhaltiger Konsum“ bzw. „nachhaltige und klimaschonende Ernährung“, „klimaschonende Mobilität“, „nachhaltige Stadtentwicklung“ und „nachhaltiger Lebensstil“ auf dem Programm. Ziel ist es, die Wissensvermittlung mit praktischer Umsetzung zu verbinden – also nicht folgenlose Betroffenheit herzustellen, sondern Anstöße zum eigenen Handeln zu geben.

Angesichts stark ansteigender Energiepreise stellt sich die Frage, inwieweit die Energiewende zu einer Vertiefung der sozialen Kluft in unserer Gesellschaft führt. Wie kann man dafür sorgen, dass die Energiewende nicht auf dem Rücken der ärmeren Schichten ausgetragen wird und damit zu (noch) größeren Akzeptanzproblemen führt? Das BZ wird in Streitgesprächen versuchen, die politische Brisanz des Themas für die Stadtgesellschaft deutlich zu machen und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Es gilt aber auch, die Chancen sichtbar zu machen, die in der Herausbildung neuer Kompetenzen und neuer Berufsfelder liegen werden. So könnte man sich vorstellen, künftig in Kooperation mit einer Hochschule eine Weiterbildung zum „Umwelt- und Energiesparmanager mit Zertifikat“ anzubieten, gegebenenfalls für spezielle Zielgruppen wie Arbeitsuchende und Berufsrückkehrer. Ähnlich auch die Idee einer beruflichen Weiterbildung in Richtung „Energieberater“ oder „Energiecoach“.

Seit 2011 ist das BZ bekanntlich mit der Stadtbibliothek zu einer organisatorischen Einheit, dem Bildungscampus, zusammengefasst. Das bietet die Chance, gemeinsam nach Wegen zu suchen, beide Einrichtungen noch energieeffizienter zu machen und in den eigenen Reihen das Bewusstsein um die ökologische Eigenverantwortung weiter zu stärken. Die Voraussetzungen dafür sind hervorragend: So ist der „südpunkt“ als gemeinsam betriebenes Bildungs- und Kulturzentrum ein schon mehrfach ausgezeichnetes Passivhaus, dessen Strom- und Wärmeverbrauch sich sukzessive den Niedrigenergie-Zielwerten nähert. Das Haus dient somit als Modell für den sparsamen Umgang mit Energie für alle Nutzerinnen und Besucher des „südpunkt“ und kann durchaus als Vorbild für andere kommunale und private Bauten dienen.


Auch die im Oktober 2012 eröffnete Stadtbibliothek im Zentrum ist ein energetisches Modellprojekt, ermöglicht durch hohe finanzielle Förderung durch den Bund. Erfreulicherweise zählt auch das historische Gebäude in der Unteren Talgasse, in dem die „Zentrale Anlaufstelle Migration“ des BZ untergebracht ist, zu den vorbildlich energetisch sanierten Häusern der Stadt.

Aber nicht nur die Gebäude zählen, sondern natürlich auch die Verhaltensweisen derer, die in diesen Gebäuden ein- und ausgehen und in ihnen arbeiten. Denn was nützt es, wenn wir in Kursen für energiebewusstes Denken und Handeln werben, uns aber selbst nicht danach richten?

Schließlich steht das BZ selbst wie alle Unternehmen – kleine und mittlere ebenso wie große – vor der Herausforderung, ein eigenes Nachhaltigkeitsmanagement glaubwürdig zu installieren, zu praktizieren und in entsprechender Form zu kommunizieren sowie die Grundsätze von Corporate Social Responsibility in die eigene Unternehmensstrategie zu verankern.

Das fängt damit an, dass sich das BZ dem Wettbewerb am Bildungsmarkt um gute Geschäfte – für heute und auch morgen – stellt und im eigenen Hause auf Ressourcenschonung und Energieeffektivität achtet. Dies erfordert auch entsprechende Organisationsstrukturen und -prozesse. Entsprechend den drei Komponenten von Corporate Social Responsibility geht es um das Hinterfragen des eigenen Handelns als Bildungsanbieter auf den drei Ebenen Ökonomie, Ökologie und Soziales sowie die Suche nach jeweils passenden Antworten.

Für das BZ bedeutet dies insbesondere, sich der Herausforderung zu stellen, einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag zum lebenslangen Lernen zu leisten, der zukunftsfähig ist und eine Balance herstellt zwischen Marktorientierung einerseits und Gemeinwohlorientierung sowie öffentlichem Bildungsauftrag andererseits.
  

Wolfgang Eckart


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