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Ulrich Malys Gedanken zur Energiewende

Worauf muss sich der Bürger einstellen? - Nürnbergs OB macht den Anfang in neuer NZ-Serie - 05.01.2013 14:11 Uhr

Nürnberg  - Natürlich habe auch ich kein geschlossenes Konzept parat, aber ein paar Gedanken zur aktuellen Diskussion ergeben sich aus der Tatsache, dass wir mit der N-Ergie einen großen Regionalversorger haben, aus Diskussionen im Bayerischen und Deutschen Städtetag und mit vielen Kollegen.

Der Anteil der Stromgewinnung aus erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne hat in den letzten Jahren deutlich zugelegt. Für eine erfoglreiche Energiewende bedarf es aber noch großer Anstrengungen.
Der Anteil der Stromgewinnung aus erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne hat in den letzten Jahren deutlich zugelegt. Für eine erfoglreiche Energiewende bedarf es aber noch großer Anstrengungen.
Foto: dpa
Der Anteil der Stromgewinnung aus erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne hat in den letzten Jahren deutlich zugelegt. Für eine erfoglreiche Energiewende bedarf es aber noch großer Anstrengungen.
Der Anteil der Stromgewinnung aus erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne hat in den letzten Jahren deutlich zugelegt. Für eine erfoglreiche Energiewende bedarf es aber noch großer Anstrengungen.
Foto: dpa

Die Energiewende ist ein dreifacher Paradigmenwechsel in unseren eingefahrenen Denkbahnen. Zuerst ein technologischer, den Ausstieg aus der Atomtechnologie und den Ausbau von regenerativen Energien betreffend.

Zum Zweiten ein struktureller: Aus einer zentral geplanten und gebauten Struktur mit Großkraftwerken, von denen aus mit Leitungen alle bis zum letzten Einödhof versorgt wurden, wird eine dezentralere Struktur. Morgen produziert der Einödhof Strom für die Fabrik in der nahen Großstadt. Diese Dezentralität, die aus unseren Einbahnstraßen-Leitungen einen „Gegenrichtungsverkehr des Stroms“ macht, stellt enorme Herausforderungen an Netze und Netzsteuerungstechnik.


Der Dritte ist ein raumordnungspolitischer: Die oben beschriebene Dezentralität verändert das Stadt-Land-Verhältnis, und zwar in raumordnungspolitisch durchaus positiver Sicht. In dem Maß, in dem der volkswirtschaftliche Produktionsfaktor Energie im ländlichen Raum erzeugt wird, entsteht dort auch neue Wertschöpfung, entstehen neue Chancen für das Ziel der gleichwertigen Lebensverhältnisse in allen Landesteilen.

Der beste Strom ist der, der nicht verbraucht wird. Da werden noch lange nicht alle Möglichkeiten genutzt. Man denke an alte stromfressende Haushaltsgeräte, die Standby-Modus-Manie der Unterhaltungselektronik und natürlich an die energetische Sanierung im Altbaubestand.


Oberbürgermeister Ulrich Maly
Oberbürgermeister Ulrich Maly
Oberbürgermeister Ulrich Maly
Oberbürgermeister Ulrich Maly

Der Neubau ist mit der Energiesparverordnung wunderbar ökologisch geregelt, nur leider beträgt der Neubau weniger als zwei Prozent des gesamten Gebäudebestands in Deutschland pro Jahr. Wir brauchen also Anreize zur Sanierung im Altbaubestand, steuerliche für die Eigentümer und Energiekosteneinsparungen für die Mieter. Aber auch dann gibt es noch eine nicht finanzierte Lücke, die durch zinsgünstige Kredite und staatliche Subventionen geschlossen werden muss.

Zahlen von der wbg belegen: Wenn wir heute im Altbau energetisch sanieren, sind wir im Durchschnitt mit drei Euro für den Quadratmeter dabei. Durch Energiekosteneinsparung kommt aber nur ein Euro davon wieder herein. Der Rest wäre – wenn nicht vom Staat geholfen wird – über Mieterhöhungen zu finanzieren, das kann und darf nicht sein.

Ich finde auch, dass wir über die Sanierungsziele reden müssen, weil man nicht jeden Altbau auf Neubaustandard bringen kann. Zumindest nicht zu vernünftigen Kosten. Hier braucht man einen Ausgleich des ökologisch Vernünftigen mit dem volkswirtschaftlich Sinnvollen.

Es wird heute gerne behauptet, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sei eine Fehlsubvention, die den zuvor funktionierenden Stromerzeugungsmarkt durcheinander bringe. Das ist eine Subventionslüge. In Deutschland wurden praktisch alle Energieerzeugungsarten schon immer staatlich subventioniert oder die Kosten durch Gesetze auf die Verbraucher umgelegt (siehe Stichwort rechts, die Redaktion).

Ich finde das zunächst auch völlig unproblematisch. Eine gute, sichere und bezahlbare Energieversorgung ist die Basis für unsere moderne Volkswirtschaft. Dass der Staat hier eingreift, ist meiner Meinung nach völlig in Ordnung. Die Subventionen müssen aber besser auf ihre Wirkung und Wechselwirkung hin abgestimmt werden. Das EEG ist, was den Ausbau der erneuerbaren Energien anbelangt, eine Erfolgsgeschichte. Es ist aber auch ein bisschen undifferenziert und soll deshalb nachgebessert werden. Die vorhandene Leitungsinfrastruktur, die Zahl der Leistungsstunden und die ökologische sowie die energetische Effizienz werden auf Seiten der Einspeisevergütung bislang zu wenig berücksichtigt. Außerdem gibt es zu viele Ausnahmen.

Auch wenn es legitim ist, sehr energieintensive Unternehmen zu befreien oder nur zu ermäßigten Sätzen zu belasten, sollte man bedenken, dass auch diese Unternehmen bei den Strombezugspreisen von den erneuerbaren Energien profitieren, weil diese die Strompreise zu den Spitzenlastzeiten gedämpft haben.

Problematisch – auch für uns bei der N-Ergie - ist die Abnahmeverpflichtung für alle Einspeiser von Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Wir bezahlen damit immer häufiger Strommengen, die wir abnehmen müssen, für die wir aber keinen Verbraucher haben.

Wer produziert den Strom, wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht? Das ist das Kardinalproblem der Energiewende. Wenigstens so lange, bis wir ausreichend Speicherkapazitäten besitzen, wovon wir allerdings weit entfernt sind. Hier besteht die große Gefahr, dass betriebs- und volkswirtschaftliche Überkapazitäten entstehen: Für dunkle Flautezeiten müssen wir entweder andere Stromerzeuger, die Kohle, Gas, Biogas oder Geothermie einsetzen, bereitstellen oder aber Strom aus dem Ausland kaufen.

Ein modernes Gaskraftwerk hat von allen fossilen Kraftwerkstypen den höchsten Wirkungsgrad und den geringsten Ausstoß von Kohlendioxid pro Kilowattstunde. Es rechnet sich betriebswirtschaftlich aber nur, wenn es unter Volllast ganzjährig läuft. Das sind 4000 bis 5000 Betriebsstunden. Wenn ein solches Kraftwerk aber nur 1000 Stunden oder weniger läuft, bleibt der Betreiber auf hohen Verlusten sitzen.

Weil es sich aber nicht rechnet, werden derzeit auch keine solchen Kraftwerke gebaut. Diese Wirtschaftlichkeitslücke muss durch den Bund geschlossen werden, sonst droht ein Szenario, dass die ganzen alten abgeschriebenen „Kraftwerksmühlen“ aus der Braun- und Steinkohlezeit häufiger am Netz bleiben oder wieder ans Netz genommen werden. Wenn die Anlage einmal abgeschrieben ist, dann geht das zu variablen Kosten, was Einsatzstoffe und Personal anbelangt, sehr günstig. Günstiger jedenfalls als beim modernen Gaskraftwerk, das noch mit hohen Kapitalkosten belastet ist.

Neben der Wirtschaftlichkeitslücke entsteht in diesem Bereitstellungsmarkt also auch noch ein Kohlendioxid-Dilemma. Das kann nur dadurch gelöst werden, dass parallel zum Ankauf oder zur Ausschreibung von Bereitstellungskapazitäten der gesetzlich erlaubte Kohlendioxid-Ausstoß pro Kilowattstunde schrittweise abgesenkt wird.

Die Strompreisfalle: Durch die EEG-Umlage steigt der Strompreis, wenigstens für die, die nicht von der Umlage befreit sind. Die EEG-Umlage zählt zu den administrativen Kosten im Strompreis. Dazu gehören auch die Mehrwertsteuer oder die Stromsteuer.

Die Preise für Erzeugung und Vertrieb sind seit Jahren stabil. Man könnte also auf die Idee kommen, dass der Bund, wenn er denn bereit wäre, hier auf Steuereinnahmen zu verzichten, durchaus einen Beitrag zu Stabilität und Bezahlbarkeit der Strompreise leisten könnte.

Optische Beeinträchtigungen werden wir hinnehmen müssen

Das Hauptrisiko der Energiewende sind die volks- und betriebswirtschaftlichen Überkapazitäten. Das Risiko ist so lange akut, bis wir verlässliche und ausreichende Speicherkapazitäten für die diskontinuierlich anfallenden regenerativen Energien haben. Zu den Nebenwirkungen gehört vor allem die Beeinträchtigung des Landschaftsbilds.

3000 bis 4000 Kilometer an Höchstspannungsleitungen, großflächige Photovoltaikparks und Tausende von Windrädern sind kein ästhetischer Genuss, aber wir werden uns alle damit anfreunden müssen, denn ohne diese optische Beeinträchtigung gibt es keine Energiewende.

 

Info:

Rund 25 Prozent des Stroms in Deutschland wurden im vergangenen Jahr aus Wind, Sonne, Wasserkraft und Biomasse erzeugt. Tendenz steigend. Doch die Energiewende, die in den nächsten zehn Jahren sukzessive angestrebt wird, ist weit mehr als nur die Steigerung des Stromanteils aus erneuerbaren Energieträgern oder der Ausbau der Speichertechnologie. Wenn die Energiewende gelingen soll, dann wird es Umstellungen in allen gesellschaftlichen Bereichen geben müssen. Es werden sicherlich auch Mentalitäten und Verhaltensweisen auf Nutzer- und Angebotsseite hinterfragt werden. Nur ein Beispiel: Wer selber Strom erzeugt, wird zum Konkurrenten für die Energieriesen.

Die NZ hat Politiker, Wirtschaftsfachleute, aber auch Spezialisten aus dem kulturellen und sozialen Bereich gebeten, sich Gedanken zu machen, worauf es bei der Energiewende in den nächsten Jahren ankommt und auf was sich die Bevölkerung einstellen muss. Es geht dabei um grundsätzliche Ziele und Problemfelder, die berücksichtigt werden müssen, wenn es einen neuen Energiekonsens in der Gesellschaft, der die unterschiedlichsten Interessen integriert und ausgleicht, geben soll. Ohne ein klares Konzept wird es weder Versorgungssicherheit noch einen bezahlbaren Strompreis geben. Beides Ziele, der sich eigentlich alle Parteien verpflichtet fühlen. Doch die Menschen müssen auch mitgenommen werden.

Die NZ-Serie ist ein Versuch, etwas Licht in das Gerede über die Energiewende zu bringen: Auch wenn die Thematik sehr kompliziert ist und die Lektüre nicht immer einfach sein wird – die Energiewende geht alle an. Den Auftakt der Serie macht Oberbürgermeister Ulrich Maly. 

von Ulrich Maly


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