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Leichtigkeit und Lebenslust
Auch in Nürnberg besuchte Heiss Meisterkurse bei italienischen Pianisten. Dabei hat sie ihre jetzige italienische Professorin kennengelernt. „Das Erasmus-Programm hat dann bei allem Organisatorischen ungeheuer geholfen“, erzählt die Studentin. „Es ist mittlerweile im In- und Ausland eine so feste Instanz, dass es einem überall Tür und Tor öffnet.“ Das Erasmusbüro in Venedig vermittelte ihr einen Wohnheimplatz im Stadtzentrum – „Was wirklich Gold wert ist!“ – und stattete Marlene Heiss mit allen notwendigen Mensa- und Bibliothekskarten aus. Über die Nürnberger Musikhochschule bekam sie einen monatlichen finanziellen Zuschuss und alle in Venedig erbrachten Studienleistungen werden ihr auch zu Hause angerechnet. „Ohne Erasmus wäre ein derartiges Auslandssemester, wie ich es gemacht habe, niemals so einfach und gut organisiert möglich gewesen.“
Heiss wird ihren Diplomstudiengang in Nürnberg abschließen. Sie hofft aber, dass sie sich auch hier etwas von der italienischen Leichtigkeit und Lebenslust bewahren und alles neu Gelernte miteinfließen lassen kann.
Vom Ohm nach Schweden
Nürnberger Bratwürstchen in Växjö
Weil es ihm so gut gefallen hat, blieb Tobias Riegelbauer einfach noch ein halbes Jahr länger. An sein Auslandssemester hat er noch ein Urlaubssemester angehangen, um weiter an der Linneaus University in Växjö in Schweden bleiben zu dürfen. „Manche gehen nicht ins Ausland, weil sie befürchten, dadurch zu viel Zeit im Studium zu verlieren“, sagt der 25-Jährige. „Aber so viele Erfahrungen, wie man in dieser Zeit sammelt, bekommt man zu Hause in fünf Jahren nicht.“
In Nürnberg studiert Riegelbauer an der Ohm-Hochschule Betriebswirtschaftslehre. Im Herbst startet er dort in sein viertes Semester. Entgegen dem Erasmus-Klischee vom ewig feiernden Studenten, hat Riegelbauer im vergangenen Jahr eifrig gebüffelt. „Ich würde sogar sagen in Schweden hatte ich mehr Studienaufwand als in Deutschland – aber anders verteilt.“ In Nürnberg lernt der Student vor allem im Monat vor den Prüfungen geballt, alles auf einmal. „In Schweden hatte ich eigentlich jeden Tag etwas zu tun, ohne Lernpause.“ Denn die Professoren forderten jede Woche Ergebnisse ein, nicht nur am Ende des Semesters. „Dadurch kann man nichts aufschieben und hat am Ende weniger Druck.“
Gemeinsam reisten die Erasmus-Studenten aus Holland, Spanien, Österreich, Iran, Australien und China nach Norwegen, Dänemark und in Schweden umher. In seinem zweiten Semester in Växjö half Riegelbauer selbst mit, die Reisen zu organisieren und betreute selbst neue Austauschstudenten. „Ich habe mit Leuten von jedem Kontinent dieser Erde geredet, das ist einfach eine unglaubliche Erfahrung“, sagt er. Für seine Mitbewohner auf dem Campus kochte Riegenbauer Nürnberger Bratwürstchen, die ihm seine Mutter aus der Heimat per Post geschickt hatte. cm
Einmal andersherum
Deutschland als Kunst-Vorzeigeland
Nürnberg ist ihr eigentlich ein bisschen zu langweilig. „Aber dadurch kann ich mich gut auf meine Arbeit konzentrieren“, sagt Dorota Orlof auf Englisch. Zwar hat sie an der Jan Matejko Kunsthochschule in Krakau bereits ein halbes Jahr vor ihrem Austausch einen Deutschkurs belegt, aber manchmal hakt es eben noch. „Ein Jahr ist zu kurz, um die Sprache zu lernen.“
Die 25-jährige Polin hat sich für ein Erasmussemester in Deutschland entschieden, weil hier „der beste Ort für Moderne Kunst“ ist. In ihrer Hochschule hätten die Professoren stets deutsche Magazine und Ausstellungen als gute Beispiele herumgezeigt. „Den Menschen hier ist Kunst wichtig“, sagt Orlof. In Polen hätten die Leute andere Probleme. „Sie sind ärmer, darum investiert das Land lieber in andere Dinge.“ Ein Bekannter hat ihr dann die Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg empfohlen. Sie ist froh hier hergekommen zu sein. „Es herrscht eine schöne Arbeitsatmosphäre. Die Akademie ist wie ein zweites Zuhause, man kann den ganzen Tag hier verbringen.“ Seit April und noch bis Ende August ist Orlof hier. Sie studiert Grafikdesign und gestaltet derzeit eine Art Tagebuch über ihren Aufenthalt. „Hier kann ich freier arbeiten als zu Hause und mehr experimentieren.“ Gerade der Ortswechsel habe ihr neue Perspektiven eröffnet und andere Blickwinkel geschaffen. Die Heimat vermisst sie wenig. „In Polen ist der Erasmus-Austausch weit verbreitet. Das machen sehr viele“, sagt Orlof, darum wollte sie auch. Vor allem, dass sie durch das Programm feste Ansprechpartner in der zunächst fremden Stadt hat, habe ihr sehr geholfen. „Dadurch bist du nicht allein.“ In Krakau lebten die 800000 Einwohner enger beieinander. „Da ist mehr los für junge Leute und für Künstler.“ cm
Europa zu Gast in Brüssel
Belgien – ein Land der Gegensätze
Während ihres Auslandssemesters war Joanna Carrillo-Badowksa nicht nur in Brüssel, sondern auch in Barcelona, Amsterdam und St. Petersburg. Noch dazu wurde die 26-Jährige auf Kuba geboren, wuchs in Polen auf und zog dann mit ihrer Familie nach Berlin. In Nürnberg studiert sie an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg Pflegemanagement, aber in diesem Sommer arbeitet sie in Belgien für die ESTRO. Bei der Europäischen Gesellschaft für Strahlentherapie und Onkologie hilft sie während ihres Praxissemesters mit, Kongresse in aller Welt zu organisieren. „Inzwischen weiß ich, worauf ich bei indischen, amerikanischen oder asiatischen Geschäftspartner achten muss“, sagt Carrillo-Badowksa. „Ich habe gelernt, wie anstrengend und langweilig Smalltalk sein kann, aber auch wie wichtig er ist.“ Mit den unterschiedlichen Mentalitäten der Menschen konfrontiert zu werden, war für die Wahl-Nürnbergerin eine Herausforderung aber auch ein wichtiger Schritt: „Einmal im Leben muss man das gemacht haben!“ Es hat durchaus Mut und Nervenkitzel gekostet, „aber ich hatte Lust auf eine Horizonterweiterung, so wie man Lust auf Schokolade bekommt“. In Belgien konnte sie beides verbinden. „Ich habe solche Köstlichkeiten gegessen“, schwärmt die Studentin. Vor allem die belegten Baguettes, Waffeln mit Erdbeeren und die belgischen Pommes Frites haben es ihr angetan. Als Andenken wird sie eine Handtasche mit nach Hause bringen, geformt aus feinster Schokolade.
In Belgien wird Flämisch und Französisch gesprochen. In Brüssel ist das meiste zusätzlich in Englisch ausgeschildert. Darum ist für Carrillo-Badowksa Belgien auch ein„Land der Gegensätze“. „Einerseits ist es sehr international durch die vielen Menschen aus aller Welt, die hier aufeinandertreffen.“ Andererseits bildeten sich vor allem im großen Distrikt des Europäischen Parlaments Grüppchen, die unter sich bleiben. In Brüssel ist jeder dritte Student oder Praktikant durch einen Erasmus-Austausch im Land. „Ich bin davon überzeugt, dass jeder, der im Ausland gelebt oder gearbeitet hat, gewachsen nach Hause kommt“, sagt Carrillo-Badowksa. cm
Von Erlangen nach Bologna
Erasmus ist, was du draus machst
Erasmus hat einen negativen Beigeschmack. Wer für ein oder zwei Semester mit dem europäischen Förderprogramm ins Ausland geht, dem wird nicht selten unterstellt: „Du feierst da doch sowieso nur.“ Erasmus ist für viele zum Synonym geworden für ausgelassene Partys, Nichtstun, verlorene Zeit. Der Ruf kommt nicht von ungefähr. Gerade europaweite, private Erasmusorganisationen wie ESN (Erasmus Social Network) fördern das schrillend bunte Bild des Partysemesters, indem das Netzwerk oftmals nicht viel mehr macht als Motto-Feiern und Ballermann ähnliche Reisen zu organisieren. Hier in Bologna ist das nicht anders: Wer mit der Erwartung angereist ist, ein Erasmus-Semester zu verbringen, das dem Klischee entspricht, der kann sich Montag bis Samstag ungestört auf verschiedensten Partys mit quakender Chart-Musik zudröhnen.
Oder eben nicht. Jedem ist schließlich selbst überlassen, was er aus seinem Auslandssemester macht. Einmal am Tag auf dem Weg zum nächsten Aperitivo am Fakultätsgebäude vorbeizulaufen kann nicht alles sein. Sonst müsste man schließlich nicht mit der Uni ins Ausland gehen, sondern könnte genauso gut in den Semesterferien einen Sprachkurs buchen oder mit „Work and Travel“ durch das Land ziehen. Ein Erasmus-Student sollte die Zeit nutzen, die ihm während des Auslandssemesters gegeben wird und die man an der Uni zu Hause zwischen Bachelor-Modulplänen und Klausuren-Phasen so selten hat. All die Dinge tun, die man sich im Alltag stets vornimmt aber nie schafft: Andere Kurse besuchen, Sprachen lernen, Bücher lesen, die eben nicht auf der Literaturliste stehen – und natürlich auch einheimische Studierende kennenlernen. Selbstverständlich ist es bequemer im Erasmus-Rudel mitzulaufen und nicht nach links und rechts zu blicken. Doch ich hätte wohl nie so schnell Italienisch gelernt, hätte ich nicht von Anfang an versucht, viel mit italienischen Studenten zu unternehmen.
Am Ende des Semesters zeigt der Notenspiegel bei vielen Erasmus-Studenten wahrscheinlich weniger ECTS-Punkte an, als bei den Kommilitonen zu Hause. Doch dafür hat man unzählige Dinge gelernt, die einem keine Vorlesung und kein Seminar vermitteln können: Sich in einem fremden Land zurechtfinden, in einer fremden Sprache, an einer fremden Uni – ganz ohne Modulplan. Man hat neue Freunde gefunden, viel aus ihren Herkunftsländern erfahren und dadurch wohl fast genauso viel über sein eigenes Land gelernt. Und das ist allemal mehr Wert als zwei, fünf oder zehn ECTS.Pia Ratzesberger