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Deutschlands erster Skateboard-Dozent

Titus Dittmann will den Sportunterricht verändern - 18.07.2012

Titus Dittmann ist Unternehmer und Pionier der deutschen Skateboard-Szene. Bis 1984 war er selbst sechs Jahre Sportlehrer, nun sollen seine Studenten lernen, wie sie Skateboarding in der Schule unterrichten können.

Titus Dittmann ist Unternehmer und Pionier der deutschen Skateboard-Szene. Bis 1984 war er selbst sechs Jahre Sportlehrer, nun sollen seine Studenten lernen, wie sie Skateboarding in der Schule unterrichten können. © dapd


Seine Studenten sitzen nicht in Reih und Glied auf ihren Stühlen, sondern lassen die Beine locker über die Rampe der Skateanlage baumeln. „Skateboarding darf nicht verschult werden und muss seinen Charakter als rebellische Jugendkultur behalten“, predigt Dittmann. Zwei Studenten referieren auf Augenhöhe mit ihm über die soziokulturelle Wirkung von Skateboarding. Im eng vorgegebenen Raster der Prüfungsordnung nimmt der Dozent sich die größtmögliche Freiheit. Wenn schon 50 Prozent Theorie und 50 Prozent Praxis vorgegeben sind, dann in einem Umfeld, das den Studenten Lust auf den Sport vermittelt.

Er fordert Verständnis für die Jugendkultur ein

Trotzdem ist Dittmann die Theorie fast noch wichtiger als die Praxis: „Das Beherrschen der Fahrtechnik ist Nebensache. Wichtiger ist das Verständnis für die stärkste Jugendkultur, die je aus dem Sport erwachsen ist“, raunt der Idealist. Der 63-Jährige, der mit Wollmütze, Kapuzenpulli, Cordhose und Turnschuhen seiner eigenen Skatermarke „Titus“ so gar nicht seinem Alter entsprechend angezogen scheint, sagt aus dem tiefen Brustton der Überzeugung: „Skateboarding darf nicht als Schulfach begriffen werden.“ Dittmann selbst ist bis ins hohe Alter ein jugendlicher Rebell geblieben. Seine Augen funkeln, wenn er voller Inbrunst erzählt, wofür die Jugendkultur steht und was Skateboarding ihm gegeben hat, als er vor 35 Jahren das erste Mal damit in Kontakt kam: „Leistungsbereitschaft, Kreativitätsanspruch, Willensbildung, Leidensfähigkeit und Umgang mit Druck in Stresssituationen.“ Der Unternehmer, der bis 1984 selbst sechs Jahre lang Sportlehrer war, macht diese Ziele während der Unterrichtseinheit im Münsteraner Skatepark anschaulich. Seine Studenten sollen an seinem Vorbild lernen, wie sie später ihre Schüler unterrichten sollen. Er greift so wenig wie möglich ins Unterrichtsgeschehen ein, lässt die Studenten ihre eigenen Erfahrungen sammeln und in Gruppen zusammen lernen.

Am liebsten ist es dem Münsteraner, wenn nicht er die Übungen vormacht, sondern einer der fortgeschritteneren Lehramtsstudenten. „So ist es doch auch später in der Schule. In jeder Klasse gibt es inzwischen Skateboarder, die die Vorbildfunktion übernehmen können. So lernen sie auch in der Freizeit“, sagt Dittmann. Der Lehrer sollte nach seiner Auffassung nur eingreifen, wenn er um Hilfe gebeten wird oder sieht, dass es gefährlich wird.

Die Studenten üben den „Drop-in“, bei dem sie  von der Kante steil bergab in die Skateanlage fahren.

Die Studenten üben den „Drop-in“, bei dem sie von der Kante steil bergab in die Skateanlage fahren.


Bei einem sogenannten „Drop-in“, bei dem die Studenten mit dem Skateboard von einer Kante steil bergab in die Skateanlage hereinfahren, stellt sich Dittmann vor den 28-jährigen André Steinert, hält die Arme nach vorne und gibt knappe Anweisungen: „Gewicht nach vorne“, „Vorderachse auf den Beton knallen“ und „je kleiner ihr euch macht, desto weniger weh tut es, wenn ihr auf die Schnauze fallt“. Nach drei Versuchen mit Hilfestellung hat Steinert den Dreh raus und schafft den „Drop-in“ alleine. Seine 20 Kommilitonen, die ihm zugucken, klappern anerkennend mit ihren Skateboards auf der Bahn. Dann probt jeder in Eigenregie.

Ein anderer Student ist daraufhin zu eifrig, probt ohne Hilfestellung und landet prompt auf dem harten Asphalt. „Mr. Wilson“ nennt Dittmann diese Art des Sturzes. Durch falsche Gewichtsverlagerung schießt das Board nach vorne und reißt dem Fahrer den Boden unter den Füßen weg. Das Experiment macht klug, und der Blondschopf bittet Dittmann um Hilfestellung. Der Lernerfolg stellt sich ähnlich schnell ein wie zuvor bei Steinert. „Jetzt bin ich stolz wie Bolle“, sagt die Skateboard-Ikone und grinst bis über beide Ohren, als sein Student den „Drop-in“ alleine schafft.

Skateboard-Führerschein

In zwei Wochen ist Prüfung. Wer sie besteht, bekommt den sogenannten Skateboard-Führerschein. Jeder will den „Drop-in“ bis dahin können. Auch wenn dieser schon zur Kür und weniger zur Pflicht aus Slalom-Parcours, Fahren in einer Mini-Rampe und freiem Fahren mit kreativen Tricks gehört.

„Man muss nicht der Held auf dem Brett sein“, sagt Steinert, der im 16. Semester Mathe und Sport auf Lehramt studiert und im kommenden Jahr an einer Schule unterrichten will. „Für den Unterricht reichen zwei bis drei Schüler, die das können“, erklärt er. In Dittmanns Kurs lerne er die Grundlagen so gut, dass auch er als absoluter Skateboard-Anfänger den Sport im Unterricht vermitteln könne. Genauso wie er in der Uni den Skateboard-Führerschein macht, so sollen ihn später auch seine Schützlinge in der Schule erlernen.

„Das ist eine ganz neue Art des Lernens“, sagt Steinert und nickt, sodass seine Wollmütze wackelt. „Es ist lockerer und viel mehr Lernen am Modell.“ Das Modell ist in diesem Fall aber gerade nicht der Lehrer, sondern der Schüler. Vom Unterricht in seinen Hauptsportarten Fußball und Turnen kenne er das noch ganz anders. Aber da war die Philosophie auch noch eine andere. Das antiautoritäre Skateboarding wird den Schulsport verändern.
  

dapd

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