Die Tübinger Eberhard-Karls-Universität hatte in der ersten Auswahlrunde im Oktober 2010 den Zuschlag bekommen, die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg konnte im zweiten Durchgang im Februar 2011 überzeugen. Noch in diesem Herbst sollen die ersten Erlanger Studenten mit ihrer akademischen Ausbildung beginnen.
Inzwischen ist das „Department für Islamisch-theologische Studien“, so der offizielle Name, an der Philosophischen Fakultät eingerichtet worden. „Das Bewerbungsverfahren für die Professorenstellen läuft schon“, erklärt Jörn Thielmann. Der Geschäftsführer des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa (Ezire) war maßgeblich an den Verhandlungen mit dem Bundeswissenschaftsministerium beteiligt. Das Ministerium fördert das Erlanger Islam-Department mit gut vier Millionen Euro über fünf Jahre.
In den vergangenen Monaten wurden per Ausschreibung Kanditen für die drei Professorenstellen der (höchsten) neuen Besoldungsgruppe W3 gesucht. Welche Wissenschaftler aus dem In- und Ausland sich beworben haben, dürfe er noch nicht verraten, sagt Thielmann im NZ-Gespräch. Allerdings sei er positiv überrascht von der hohen Qualität der Bewerbungen. Im März und April sollen die Kandidaten bereits erste Probevorlesungen halten, zum August und September sollen die drei Professoren dann berufen werden.
Als vierter „Prof“ und Lehrstuhlinhaber für Islamische Religionspädagogik ist Harry Harun Behr gesetzt. Der Inhaber der Professur für Islamische Religionslehre/Religionspädagogik ist zurzeit noch an der ehemaligen Erziehungswissenschaftlichen Fakultät in Nürnberg angesiedelt, zieht aber noch in diesem Jahr an die Erlanger „PhilFak“ um. In welchen Räumen das Department unterkommen wird, stehe noch nicht fest, sagt Thielmann. „Wir hoffen aber auf eine Lösung im Innenstadt-Campusbereich.“
Die künftigen Dozenten werden in ihrer Arbeit jeweils unterschiedliche Schwerpunkte haben: Der Professor mit textwissenschaftlichem Schwerpunkt soll die Grundlagen und Methoden der Koranwissenschaften, der Korankommentierung und der Koranauslegung sowie der Hadithwissenschaften vertreten. Im praktischen Schwerpunkt wird es vorzugsweise um die islamische Normenlehre in Ethik und Glaubenspraxis, Mystik und Philosophie gehen. Der Professor mit systematischem Schwerpunkt wird sich vor allem mit islamischer Religions- und Glaubenslehre befassen, ebenfalls einschließlich der Aspekte Mystik und Philosophie. An den Lehrstühlen werden auch drei Nachwuchsforscherteams beheimatet sein, eines davon in Bayreuth, in Kooperation mit der dortigen Universität.
Das Erlanger Islam-Department wird ab dem Wintersemester einen Bachelor anbieten. In voraussichtlich acht Semestern sollen sich Studenten mit Inhalten auseinandersetzen, die sich an der Lehramtsprüfungsordnung für das Fach Islamische Religionslehre orientieren. In den ersten drei Semestern werden sich die Studenten hauptsächlich mit dem Erlernen der arabischen Sprache befassen, ab dem vierten Semester steht dann bereits die Lektüre klassischer arabischer Texte auf dem Lehrplan.
Ab dem fünften Semester sollen sich die Erlanger Studenten mit Inhalten des Islam beschäftigen – von seiner Entstehung und Ideengeschichte über klassische und moderne Denkschulen bis hin zur islamischen Ethik und zur religiösen Praxis. Immer wieder sollen auch Verbindungen zu nicht-islamischen Religionen hergestellt werden, vor allem zu den anderen beiden abrahamitischen – dem Judentum und dem christlichen Glauben.
Politische Zusage im Februar 2011, Studienbeginn Oktober 2012 – einen neuen Studiengang in nur anderthalb Jahren auf die Beine zu stellen, ist durchaus eine bemerkenswerte Leistung. Die bayerischen Regularien für die Akkreditierung von Studiengängen helfen allerdings ein bisschen: „Anders als in anderen Bundesländern kann man in Bayern mit einem genehmigten Studiengang einfach starten“, erklärt Thielmann. „Die Akkreditierung gibt es dann eben etwas später, nach einer Evaluation.“
Begleitet wird die Arbeit am Department von einem 14-köpfigen wissenschaftlichen Beirat. Er besteht laut Grundordnung der Universität aus „Vertreterinnen und Vertretern der im Freistaat Bayern relevanten muslimischen Verbände, muslimischen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie Gelehrten der islamischen Theologie und fachverwandter Wissenschaften“. Die genaue Zusammensetzung soll in den nächsten Wochen bekanntgegeben werden. Für März ist eine erste Tagung des Beratergremiums angesetzt. Das eine oder andere internationale Mitglied wird dafür wohl „nur“ per Videokonferenz zugeschaltet sein.
Die Freude über den Zuschlag für das Erlanger Islam-Zentrum sei an der gesamten Universität sehr groß gewesen. Um einen ersten großen Grundstock an Primärliteratur anschaffen zu können, seien die Universitätsleitung und der Universitätsbund finanziell in Vorleistung gegangen. So konnten für das neue Department für einen hohen fünfstelligen Betrag über tausend Bücher aus zwei Gelehrten-Bibliotheken gekauft werden. Dabei setzte sich die Uni unter anderem gegen US-Elite-Unis und internationale Forschungseinrichtungen durch.
Mi. 22.02.12