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Arabischer Frühling beim Poetenfest

Geduld – auch Kinder kommen nicht über Nacht! - 29.08. 21:02 Uhr

Der aus dem Irak stammende Autor Abbas Khider lacht gern und viel – und zog damit auch bei seinem zweiten Auftritt beim Erlanger Poetenfest wieder die Zuhörer in seinen Bann.

Ob bei der Lesung aus dem neuen Roman „Die Orangen des Präsidenten“ im Schlossgarten, im anschließenden Gespräch mit Verena Auffermann oder bei der Diskussion „Arabischer Frühling“ im Schloss – seine authentischen Detailschilderungen aus der arabischen Heimat brachten ihm viel Applaus, Bewunderung und auch persönliche Ermunterungen ein, so weiterzumachen wie bisher.



Der 1973 in Bagdad geborene Autor, der im Jahr 2000 in Deutschland bleiben musste, weil ein Ansbacher Polizist den „illegal“ Durchreisenden festhielt, trägt vieles mit Humor. Den verlor er nicht einmal in seiner zweijährigen Haft in den Folterkellern Saddam Husseins.

Wenn es allerdings darum geht, dass westliche Politiker und Intellektuelle ständig von der nötigen Demokratisierung der arabischen Welt reden, weicht das Lächeln unwillkürlich aus seinem Gesicht.

Es treibt den sonst so fröhlichen und gelassen wirkenden Schriftsteller um und regt ihn auf: „Den Menschen in der arabischen Welt, die jahrzehntelang von ihren Herrschern unterdrückt wurden, geht es jetzt in allererster Linie um ihre Freiheit“, stellt er klar – dies sowohl im Autorengespräch mit Verena Auffermann als auch später in der Diskussion mit Wilfried F. Schoeller im völlig überfüllten Senatssaal, in den nur etwa die Hälfte der Interessenten überhaupt Einlass fand.

Alles andere komme erst danach. „Und dazu muss man den Menschen Zeit geben. Wir sollten Geduld mitbringen und sie ihre Geschichte selbst schreiben lassen. Das ist wie mit dem Brautpaar bei einer Hochzeit“, sagt Khider. „Das bringt auch nicht gleich in der Hochzeitsnacht Kinder zur Welt – und mit den Enkeln dauert es auch noch etwas.“

Abbas Khider, der die Demokratie erst in Deutschland richtig kennengelernt hat und das Leben hier schätzt, wirbt um Verständnis. „Das Erste, was die Menschen loshaben wollen, sind ihre Diktatoren.“ Er selbst flog in der heißen Phase der Aufstände in Ägypten nach Kairo – und berichtet nun in Erlangen von einem Vorfall, der ihm unvergesslich bleiben wird.

„Mubarak hatte gerade in seiner öffentlichen Rede erneut bekräftigt, dass er bis zu seinem Tod bleiben wolle.“ Dann sei Totenstille auf dem Tahrir-Platz eingekehrt, weil Mubarak in dem patriarchalischen System immer noch als Übervater betrachtet wurde. „Doch dann rief ein kleines Mädchen in ihr Megafon: „Ich werde nur einen Mann heiraten, der keine Diktatoren mag“ – und plötzlich riefen immer mehr Männer immer lauter in die Menge, dass Mubarak wegmuss...“

Dass die islamischen Kräfte nach den Aufständen an Macht gewinnen werden, halten Khider wie auch der Autor Navid Kermani, dessen Eltern aus dem Iran stammen, für unvermeidlich: „Allerdings ist die Lage in jedem einzelnen der betroffenen arabischen Länder anders. Das gilt sowohl für die politische Situation, die Rolle des Militärs, der Stämme als auch für die Religion. Nicht einmal der Islam ist überall gleich.“

Sehr kritisch betrachtet Kermani den Einfluss Saudi-Arabiens, das in vielen Ländern versuche, seinen Einfluss geltend zu machen. Einen anderen Weg habe die Türkei eingeschlagen: „Dort sind Islamisten an die Macht gekommen, indem sie demokratische Prinzipien zugelassen und unterstützt haben“, so Kermani, der in Erlangen auch seinen neuen Roman „Dein Name“ vorstellte.

Dass vieles möglich ist, was unerwartet scheint, erhöhe auch die Spannung, wie es weitergeht, sagt Khider. „Wer hat gedacht, dass ausgerechnet im Jemen, wo man mit Gewalt gerechnet hätte, die Menschen mit Rosen auf die Straße gingen? In der arabischen Welt gehen Vampire auf die Straße, aber sie saugen kein Blut, sondern sie küssen.“ 



Stephanie Rupp

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Zum Thema
Poetenfest
Seit:
1980
Turnus:
jährlich (1992 ausgefallen)

Termin:
23. bis 26. August 2012
Kurzbeschreibung:
Auf dem beliebten und gut besuchten Erlanger Literatur-Festival treffen sich Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizisten zu Lesungen und Gesprächen.
Veranstalter:
Stadt Erlangen
Besucher:
rund 12.000 im Jahr 2011
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