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Auszeichnungen beim Erlanger Comic-Salon

Bärige Bilder & schöne Töchter - 09.06.2012 09:39 Uhr

Erlangen  - Lang wanden sich die Schlangen der Fans um den Erlanger Rathausplatz, bevor sich die Türen zum 15. Internationalen Comic Salon öffneten. Das Medium der Bildergeschichten bewahrt seinen Magnetismus. Es steigert ihn sogar, weil es immer neue Genres und Erzählformen integriert.

Als bester Comic für Kinder ausgezeichnet: "Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären" von Émile Bravo.
Als bester Comic für Kinder ausgezeichnet: "Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären" von Émile Bravo.
Foto: Carlsen
Als bester Comic für Kinder ausgezeichnet: "Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären" von Émile Bravo.
Als bester Comic für Kinder ausgezeichnet: "Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären" von Émile Bravo.
Foto: Carlsen

So teilten sich die Fans in Interessengruppen, sobald der Einlass freigegeben war. Die einen strömten sofort an den Messe-Stand des Superhelden-Verlags Panini und in die Ausstellung über Spiderman. Andere stöberten am Stand des Ehapa Verlags in den Humorklassikern „Donald Duck“, „Asterix“ und „Lucky Luke“ und stellten sich in neuen Schlangen an, um Signaturen der Zeichner einzusammeln. Wieder andere wollten neue Literatur-Comics kennenlernen oder verschwanden in den Gängen des Kasba, die in der Lades-Halle als Schauplatz der Ausstellung über arabische Revolutions-Comics aufgebaut ist.

Höhepunkt des Salons war dann gestern Abend die Verleihung der Max-und-Moritz-Preise. 2012 standen die Juroren, die alle zwei Jahre über die wichtigsten deutschen Auszeichnungen für grafische Literatur entscheiden, unter Stress. Sie mussten rund 300 Einsendungen sichten. Alles Neuerscheinungen seit dem letzten Salon 2010. Und das waren zum geringsten Teil klassische Abenteuer-Alben oder gar Geschichten von Superhelden. Das war vielmehr komplexe Comic-Belletristik, die selbst vor Adaptionen so geachteter Autoren wie Kafka, Proust oder Laurence Sterne nicht zurück- schreckte.

Bilderstrecke zum Thema
Erlangen ist während des Internationalen Comic-Salons der Mittelpunkt der Szene. Die Veranstaltung in der Heinrich-Lades-Halle ruft - und eine ganze Subkultur folgt.

Die Ergebnisse der vielen Lektürestunden und der zweitägigen Diskussionen während der Jury-Sitzung im März wurden gestern Abend auf der sogenannten Gala im Erlanger Markgrafentheater verkündet. Sie ist immer der gesellschaftliche Gipfel des Salons, und sie hinterließ auch diesmal ein teils überraschtes, teils enttäuschtes und teils begeistert bestätigtes Publikum. Denn dem Mainstream der deutschen Comic-Publikation sind die Juroren keineswegs gefolgt.

Moderatoren und Verkünder der Comic-Oscars waren Hella von Sinnen und Christian Gasser. Die Komödiantin hatte sich vor zwei Jahren als veritable Kennerin der grafischen Literatur erwiesen und in rheinischem Überschwang sogar Erlangens Oberbürgermeister Siegfried Balleis das Grußwort abgeschnitten. Der Schweizer Journalist, selbst Jury-Mitglied, gab ihren trockenen Widerpart, nachdem Kritiker-Star Dennis Scheck diesmal eine Moderatoren-Auszeit genommen hatte.

 
 


In sieben Kategorien wurden die Preise vergeben, die von der Comic-Agentur „Bulls Press“ gestiftet sind. Über die Ehrung des italienischen Künstlers Lorenzo Mattotti für sein herausragendes Lebenswerk hat die NZ bereits berichtet. Zur besten deutschen Comic-Künstlerin (der Titel ist mit 5000 Euro dotiert) wurde Isabel Kreitz gewählt. Die 45-jährige Hamburgerin mit dem penibel realistischen Strich, ist ungeheuer fleißig und hat zuletzt die Seriemörder-Dokumentation „Haarmann“ und die Kästner-Adaption „Emil und die Detektive“ vorgelegt.

Bester Zeitungs-Comic wurden die launigen Nachdenklichkeiten zu allen Arten der Liebe aus der Feder des deutschen Zeichners Flix, die unter dem Titel „Schöne Töchter“ im Berliner „Tagesspiegel“ erscheinen. Bester übersetzter internationaler Comic ist die harte Reportage „Gaza“ des Amerikaners Joe Sacco über ein israelisches Massaker an Palästinensern in den 1950er Jahren. Als besten Comic für Kinder kürte die Jury die postmodern skurrile Märchen-Spinnerei „Das tapfere Prinzlein“, geschaffen von dem Franzosen Emile Bravo.

Beste studentische Publikation ist das „Ampelmagazin“ aus der Hochschule von Luzern. Und bester deutschsprachiger Comic wurde – von vielen sicher ganz unerwartet – „Packeis“, die Geschichte eines vergessenen Polarforschers von dem Erfurter Zeichner Simon Schwartz. Außerdem ging noch ein Sonderpreis der Jury an die Münchner Verlegerin Rossi Schreiber, eine Pionierin für die Verbreitung ernsthafter Comics in Deutschland.

Beim anschließenden Bier-Gedränge war viel Stoff zum Jubeln oder Haareraufen. Denn Preise beleben das Comic-Geschäft. Alle zwei Jahre feiert sich die Szene in Erlangen dafür, dieses Geschäft mit Leidenschaft und Engagement zu riskieren.
 

  

Herbert Heinzelmann


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