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Das wird in seiner Heimat groß gefeiert, und bleibt auch bei uns nicht ohne Folgen, zumindest für den Buchmarkt. Wir sprachen mit der bekannten Übersetzerin und Dickens-Expertin Melanie Walz.
NZ: Frau Walz, zum Jubiläum haben Sie gleich drei Bücher von Dickens neu übersetzt...
Melanie Walz: Ja, ich war fleißig! Ich wollte was tun, damit Dickens nicht das Gefühl hat, die deutschen Verlage lassen ihn so links liegen.
NZ: Drum gibt es von Ihnen jetzt das unverwüstliche „Weihnachtslied“, die Zeitungstexte „Reisender ohne Gewerbe“ und als Klassiker „Große Erwartungen“. Welcher Dickens ist Ihnen – oder uns – am nächsten? Der Märchenonkel, der sozialkritische Reporter oder der immer wieder umwerfende Romancier?
Walz: Eine interessante Frage... Ich glaube, am meisten doch die späten, journalistischen Texte. Die sind noch ein bisschen kühner und experimenteller als seine Romane, obwohl er da auch schon ziemlich weit geht. Da gibt es etwa den Text „Die Nachtpost nach Calais“, in dem er tatsächlich nur über die Seekrankheit schreibt... Und da macht er richtige Donald-Duck-Sätze! Obwohl der späte Romancier einfach toll ist, weil er so vielseitig ist.
NZ: Wie in „Große Erwartungen“, dem vorletzten vollendeten Roman. Was erwartet den Leser von heute da?
Walz: Einerseits eine tatsächlich spannende Geschichte, bei der man, wenn man sie nicht kennt, bis zum Schluss neugierig bleibt. Und es geht, vergleichbar mit dem „Grünen Heinrich“ von Keller, um Desillusionierung. Eine Desillusionierung, die aber nicht nur traurig ist, sondern die gute Seite hat, dass eine Selbsterkenntnis stattfindet. Dass jemand aus seiner Verblendung herauskommt.
NZ: Ein Bildungsroman der besonderen Art: Der soziale Aufstieg, den der Held, Waisenjunge Pip, von Kindheit an angestrebt hat, wird für ihn keine Erfüllung.
Walz: Nein, er schämt sich sogar die ganze Zeit. Als er meint, tatsächlich ein Gentleman geworden zu sein, hat er ein rasend schlechtes Gewissen. Er weiß, dass er da nicht hingehört. Er ist nicht zum Nichtstun geboren...
NZ: Auch in Dickens’ Leben gab es ja diesen Drang, unbedingt ein „Gentleman“ zu werden: es zu schaffen, reich und unabhängig zu sein.
Walz: Das war ihm so wichtig, weil sein Vater so leichtsinnig war und mit Geld nicht umgehen konnte. Dickens hat in einem Alter, in dem man besonders darunter leidet, nämlich als Jugendlicher, den sozialen Abstieg der Familie miterlebt. Mit elf, zwölf Jahren bricht die Welt zusammen, wenn die Eltern in immer schäbigere Wohnungen in immer schäbigeren Vierteln umziehen und am Ende, das war das Schlimmste, gar ins Schuldgefängnis kommen.
NZ: Er selbst musste dann sogar in einer Schuhwichsfabrik arbeiten.
Walz: Ja, das hat ihn furchtbar traumatisiert. Sicher, gab es damals viel Kinderarbeit, aber Dickens kam ja aus behüteten Verhältnissen. Und er hatte auch schon als Kind das Bewusstsein von seinen eigenen, herausragenden Fähigkeiten. Und so ein begabtes Kind schickt man in die Fabrik! Da hat er gelitten... Deshalb hat er dem Vater eher verzeihen können als der Mutter: Die hat ja dafür plädiert, dass er noch länger da drin bleibt... Zufällig hat er das Gespräch belauscht.
NZ: Seine Begabung hat ihn aber entsprechend früh aktiv werden lassen – und früh bekannt gemacht. Als Stenograf und Gerichtsreporter...
Walz: ...ja, der schnellste von ganz England! Staunenswert. Die ersten journalistischen Sachen, Eindrücke von London, wurden auch sofort angenommen und veröffentlicht. Als nächstes kam dann gleich der Auftrag, „Die Pickwickier“ als lockere Episodengeschichte zu schreiben. Danach war er ein gemachter Mann.
NZ: Ein Roman – und schon war Dickens auf der Höhe des Erfolgs. Dabei war er erst 24 Jahre alt.
Walz: Die locker gestrickte Form war auch eher altmodisch. Neu aber war der Stil, in dem das geschrieben ist. Da ist schon viel Dickens drin.
NZ: Also sein ganz eigener Humor, mal sentimental, mal sogar makaber.
Walz: Auch die Metaphern und Bilder. Ihm fällt zu allem ein Bild ein, und zwar ein originelles. Selbst in dem bitteren Roman „Harte Zeiten“ heißt es einmal, die Kirchtürme der Stadt sehen aus „wie Holzbeine“. Das ist einfach Dickens, da käme ein andrer nicht drauf!
NZ: Dickens war auch von einer fast schon beängstigenden Produktivität. Er hat neben seinen Romanen stets Zeitschriften herausgegeben, er ist dazu auch als Schauspieler aufgetreten...
Walz: ... was er ja ursprünglich werden wollte! Dickens hat sein Lebtag Amateurvorstellungen mit Freunden aufgeführt. Und am Ende daraus wohl seine großen Vortragsabende entwickelt.
NZ: Seine legendären, sehr erfolgreichen Rezitationen, die ihn bis nach Amerika führten. Da wäre man doch gerne mal Mäuschen gewesen.
Walz: Aber sicher!
NZ: Mark Twain hat sich allerdings eher verächtlich geäußert...
Walz: Dabei hat er das Gleiche gemacht. Um seine Schulden loszuwerden. Lustig aber, dass eine Krähe der andern da schnell mal ein Auge aushacken muss.
NZ: Zwei Humoristen verstehen mit einander eben keinen Spaß! Beeindruckend bei Dickens auch seine starke soziale Ader. Wie er sich etwa für „gefallene Mädchen“ eingesetzt hat.
Walz: Das finde ich auch großartig. Dass er sich wirklich uneigennützig – zusammen mit einer reichen Bankerbin – engagiert hat und für ehemalige Prostituierte das Heim „Urania Cottage“ gegründet hat, in dem er auch ständig nach dem Rechten sah. Dickens war auch sehr freigiebig. Ich glaube, dass seine Menschlichkeit sehr ausgeprägt war. Im Widerspruch dazu steht dann sein Unvermögen, in der eigenen Familie segensreich zu wirken. Die Kinder hatten Angst vor ihm, weil er so streng und pedantisch war. Auch in der Ehe wurde er immer unzufriedener – und hielt das allein für ein Problem seiner Frau Catherine.
NZ: Nach zehn Kindern und zwanzig Jahren Ehe hat er sich von ihr getrennt.
Walz: Er hat sie in die Wüste geschickt, ja. Und dachte auch noch, sehr schäbig, er muss damit in die Öffentlichkeit gehen! Als ob sie als Frau und Mutter unfähig sei... Arme Catherine!
NZ: Dabei hatte er sich in eine erst 17-jährige Schauspielerin verliebt, Ellen Ternan.
Walz: Sie war seine heimliche Geliebte, in den letzten Jahren seines Lebens. Er musste ein Doppelleben führen, anders war es nicht möglich.
NZ: Dickens war ja als Autor eine enorme moralische Instanz.
Walz: Und wäre als diese entsetzlich lädiert gewesen. Er musste das alles unter der Decke halten. Was sicher dazu führte, dass er im letzten Jahrzehnt so unfroh war. Die Spannung hat ihn krank gemacht.
NZ: Das Gemüt wurde immer düsterer – wie auch seine großen späten Romane. Kann man sagen, dass er dort am modernsten ist?
Walz: Ja, da haben Sie Recht. Die zerrissenen Gestalten sind lebendiger als die eindimensionalen früheren Figuren, auch wenn diese wunderbar gezeichnet waren. Die späten sind eben richtige Menschen. Pip ist der Pip in uns allen. Das Tolle an Dickens ist, dass er seine inneren Konflikte als Rohstoff benutzen kann, um daraus schöne Sachen zu schaffen. Vielleicht wie alle großen Künstler.
NZ: Aber auch im Äußeren ist er immer noch aktuell. Wenn er etwa die Umweltzerstörung sieht, die der Eisenbahnbau anrichtet. Oder den Müll der Städte ...
Walz: Ja, da hatte er ganz früh einen sensiblen Blick. Denken Sie an die Müllberge am Stadtrand in „Unser gemeinsamer Freund“. Er ist eben ein großartiger Landschaftsschilderer. Übrigens tun sich jetzt die Umweltschützer und die Dickens-Verehrer zusammen, um zu verhindern, dass in der Gegend aus „Große Erwartungen“, dem Mündungsgebiet der Themse, ein Mega-Flughafen entsteht. Zwei sehr mächtige Fraktionen... hoffentlich haben sie Glück!
NZ: Man sollte also die Dickens-Fans nicht unterschätzen.
Walz: Nein, er ist in England ja doch ein Nationalheiligtum. Das gibt es bei uns in dieser Form nicht.
Mi. 23.05.12
Mi. 23.05.12
Di. 22.05.12
Di. 22.05.12
Di. 22.05.12