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Endlich Spitzenklasse in Bayreuth

Christoph Marthalers «Tristan und Isolde“ - 03.08.2006

Die romantische Liebe ist hier nur eine Illusion: Im zweiten Jahr hat Christoph Marthaler die Konturen seiner Inszenierung von Richard Wagners «Tristan und Isolde“ bei den Bayreuther Festspielen nochmals geschärft, so sehr, dass sie nun eine schmerzliche Intensität erreicht.

2. Aufzug, 2. Szene: Isolde (Nina Stemme, oben) und Tristan (Robert Dean Smith) in der Wiederaufnahme von Wagners Liebes-Oper. Foto: dpa
2. Aufzug, 2. Szene: Isolde (Nina Stemme, oben) und Tristan (Robert Dean Smith) in der Wiederaufnahme von Wagners Liebes-Oper. Foto: dpa

In Anna Viebrocks Bühnen-Warteraum sinkt dieses Paar in jedem der drei Akte eine Etage tiefer: Für Tristans Ende im Fieberwahn und Isoldes Liebestod bleibt nur ein schäbig-unverputzter Kranken- und Sterberaum.

Zu Beginn, wenn Isolde Tristan, ihren vermeintlichen Geliebten und Mörder ihres Verlobten Morolds, zur Rede stellt, glaubt man sich in ein Ibsen’sches Drama versetzt. Doch auch nach der Verwechslung von Todes- und Liebestrank, der die emotionalen Sehnsüchte des konfliktbeladenen Paars freisetzt, finden Tristan und Isolde nicht zu einer realistisch-lebensfähigen Form von Nähe. Die im Gesang zu höchster Intensität gesteigerten Gefühls-Imaginationen bleiben in der kargen Wirklichkeit des entleerten Raumes, über dem sich eine Decke aus Neonröhren spannt, unerfüllt.

Wenn das Orchester rast

Doch nicht nur die Regie, vor allem die musikalische Gestaltung machte diesen «Tristan“ bei seiner Premiere am Dienstag zur bislang besten, ja zur herausragenden Produktion der Bayreuther Festspiele. Peter Schneider, der am Pult den im letzten Jahr nicht vollauf überzeugend agierenden Japaner Eiji Oue, ablöste, entwickelte die Steigerungen dieser von vielen Dirigenten als «mörderisch“ gefürchteten Partitur wirkungsvoll aus lyrisch-schlanken, kammermusikalisch lichten Ansätzen.

Bei den emotionalen Stürmen dann ließ er das Orchester rasen, ohne sich in unklaren Klangwogen zu verlieren. Die Phrasierungen wie die großen Bögen waren stets psychologisch stimmig aus Wagners «Handlung“, so der Untertitel der Oper, entwickelt und verschmolzen mit dem szenischen Geschehen zu einer Einheit, die atemlos machte und mitriss. Einen triumphalen Erfolg feierte Nina Stemme. Sie hat die Partie der Isolde spielerisch und gesanglich perfekt durchdrungen, entwickelt eine nervöse, in ihrem Liebesdrängen sich zurückgesetzt fühlende Frau, die ihre Wut und Leidenschaft zu großen Ausbrüchen zu steigern weiß.

Dabei scheint Stemme in puncto Stimmvolumen, Farbe und Ausdruck über unbegrenzte Reserven zu verfügen. Selbst hochdramatische Passagen klingen bei ihr wie mühelos und natürlich. Mit dieser Weltklasseleistung konnte Robert Dean Smith nicht ganz mithalten, doch sein Tristan hatte ebenfalls viele brillante Momente, gerade in den lyrisch-innigen Passagen. Dieser Tristan ist ein Leidender, ein liebesunfähiger Mann, der sich in eine sichere gesellschaftliche Stellung geflüchtet hat, was sein kantig abweisender Blazer signalisiert.

Sein Katharsis durchlebt Tristan, schwer verwundet, erst im Sterberaum. Seine Sehnsucht nach Liebe, nach Isolde, nach menschlicher Wärme, wirkt in diesen verzweifelten Szenen illusorischer denn je. Aber gerade deshalb umso menschlicher, zutiefst berührend.

Auch die übrigen Sänger trugen, wenngleich im geringeren Umfang, zu dieser Spitzenleistung bei: Petra Lang als nach Dominanz gegenüber Isolde strebende Brangäne, Hartmut Welker als sich steigernder Kurwenal sowie Kwangchul Youn als abweisend erstarrter König Marke und Ralf Lukas als lauernd-intriganter Melot. Thomas Heinold 



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