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Die Stimmschönheit von Verzweiflung und Verzierung

Eröffnungsgala des Gluck-Festivals - 22.07.2012 17:58 Uhr

Der Abend bot für interessierte und kundige Hörer höchst aufschlussreiche Vergleiche.

Der Abend bot für interessierte und kundige Hörer höchst aufschlussreiche Vergleiche. © Staatstheater


Gluck to go – sozusagen, was aber nicht heißen soll, dass der Auftritt des mit den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis – inklusive entsprechender Instrumente – bestens vertrauten Prager Barockorchesters „Collegium 1704“ oberflächlich gewesen wäre. Oder es nicht verdient gehabt hätte, dass mehr Menschen zu diesem sich mit dem Begriff „Gala“ (und entsprechenden Preisen) schmückenden Konzert ins nur halbherzig gefüllte Opernhaus kommen.

Im Gegenteil: Der Abend bot für interessierte und kundige Hörer höchst aufschlussreiche Vergleiche. Etwa wie Gluck in seinem „Ezio“ das doch noch sehr konventionelle, hier auch etwas pauschal musizierte Ouvertüren-Korsett der nachbarocken Opera seria brav überstreift, aber spätestens in der Arie „Caro padre“ die alten Regeln der Affektenlehre mit dem atemberaubend lebhaft artikulierten Flehen und Leiden der Fulvia schon bis über die damals bekannten Grenzen hinaus dehnt.

Der als „böhmische Mozart“ titulierte, aber weitaus unbekanntere Josef Myslivecek gab seinen rund 25 Jahre später entstandenen zwei Fassungen des „Ezio“ dagegen fast so etwas wie melodische Beschwingtheit – und der gleichen Arie kunstvolle Ausformungen in einer insgesamt höheren Lage.

Das „Collegium 1704“ bewies unter der engagierten und gestisch ausgreifenden Leitung von Václav Luks hier böhmisch anmutenden Musiziergeist, vor allem aber müssen hier endlich die stimmlichen Qualitäten der Sopranistin des Abends, Adriana Kucerová, gelobt werden. Die gebürtige Slowakin hat stimmlich alles, was ein Koloratursopran braucht: Sie kann Verzierungen mühelos zu höchster Kunstfertigkeit steigern – etwa im virtuosen Duett mit einem Naturhorn in Mysliveceks Arie der Argene aus „Il Bellerofonte“.

Sie kann im Bereich dieser vokalen Artistik aber auch differenziert und in allen Facetten Verzweiflung und Leid – wie überhaupt emotionalen Aufruhr – darstellen: ob nun als die in der Liebe zum kretischen Königssohn Idamante gefangene Ilia in Mozarts „Idomeneo“ oder in dessen Konzertarie „Bella mia fiamma“. Damit wurde Adriana Kucerová mühelos zum Star des Abends.

Interessierten Zuhörern aber bot dieses Eröffnungskonzert noch andere Erkenntnisse: Etwa, dass der Mozart-Zeitgenosse Leopold Anton Kozeluh in seiner Sinfonia in g-Moll zwar die gleiche Tonart für Trauer und Niedergeschlagenheit wählt wie Mozart in seinen Sinfonien, aber sich der motivische wie durchführungstechnische Einfallsreichtum im Vergleich zum Salzburger Meister doch deutlich in Grenzen hält.

Aufschlussreich war auch, wie sich die Erwartungshaltung in puncto Höllenfahrt im Laufe der Jahrhunderte geändert hat. Glucks Furien im Finale seines „Don Juan“-Balletts klangen im Opernhaus mit Windmaschine und Donnerblech eher niedlich als aufwühlend. Das Feuer der Erregung, das sich im Uraufführungstheater am Wiener Kärtnertor in reale und alles vernichtende Flammen verwandelt hatte, blieb aus. Was in diesem Fall aber kein Schaden ist – dieser Auftakt zum Gluck-Festival bot auch so genügend reizvolle Reibungspunkte – und die tolle Stimme von Adriana Kucerová.
  

Thomas Heinold

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