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Die Windsbacher singen ihre 450. Lorenzer Motette

Klangzauber einer Rasselbande - 16.02.2011 20:47 Uhr

Chor- und Orgelmusik im Wechsel, Gebet, Lesung, kurze Besinnung – unspektakulär im Grunde; und doch ein Ablauf, der von Musikliebhabern, Passanten und kunstsinnigen Touristen goutiert wird: Regelmäßig gefüllt sind die 800 Plätze der Lorenzkirche. Chorleiter Karl-Friedrich Beringer wundert das nicht. „Ich glaube, dass der Vespergottesdienst oft unterschätzt wird. Die Menschen lechzen gerade heute nach dieser Form meditativer Besinnung, die auch Kirchenfernen einen Zugang zum Glauben eröffnet.“

Initiiert wurde die Reihe 1955 von Pfarrer Gerhard Kübel und dem Windsbacher Chorgründer Hans Thamm. Bescheiden gebliebener Star der Motette ist der weltweit renommierte Knabenchor aus Franken. Zwei Chorleiter – Hans Thamm und Karl-Friedrich Beringer – bestimmten die Geschicke des Spitzenensembles bis heute. Beringer, der nach 34 Jahren Ende 2011 sein Amt niederlegen wird, feiert mit dem heutigen Auftritt ebenfalls ein Jubiläum: Vor exakt 33 Jahren dirigierte der damals frischgebackene Nachfolger Thamms seine erste „Lorenzer Motette“.

Einer, der unter beiden Leitern als Sänger diente, war Robert Vogel, heute Geschäftsführer der Internationalen Orgelwoche Nürnberg. Als Neunjähriger kam er 1974 nach Windsbach. „Es war wie in bösen Filmen: Knapp 40 Grundschüler waren auf drei große Schlafsäle verteilt, ein Bett neben dem anderen. Zur besseren Eingewöhnung gab es vier Wochen Besuchsverbot für die Eltern. Außer meinem Teddybär war wirklich alles neu für mich.“ Heimweh pur, durchweinte Nächte. „Dabei hatten wir ein irrwitziges Programm zu absolvieren“, erinnert sich Vogel und rattert noch heute exakte Zeitangaben des Schul-, Chor- und Internatsalltags herunter.

„Thamm war noch eine komplett andere Generation. Zeitweise hat er uns, wenn wir in den Proben mal wieder ,Vollidioten‘, ,Hornochsen‘ oder ,Rindviecher‘ waren, mit kleinen Storys aus seiner Zeit als Offizier erfreut, als er den Russen aus dem Schützengraben die Granaten zurückwarf...“ Wer von den Knaben damals zeitgenössische Komponisten wie Strohbach, Rheda oder Kodály in der Probe nicht vom Blatt singen konnte, musste stehen. 45 Minuten lang. Am Ende hieß es im Feldwebelton erneut: „Sing!“

Vogel lächelt – und überlegt nur kurz. „Ja, ich hatte Angst vor Thamm. Als ich ganz neu im Konzertchor war, hat er mich am Ohr durch die ganze Kirche geschleift, weil ich beim Auftritt nicht genau wusste, wo ich mich hinstellen soll. Für mich war das Ende dieser Ära eine echte Erlösung.“ Und heute? Betrachtet der einstige erste Sopran manches aus anderer Perspektive: „Die Maßstäbe, die Thamm an uns anlegte, hatte er stets auch an sich angelegt. Ohne seine Konsequenz und Härte gäbe es die Windsbacher nicht.“

Seelisch eingegraben ist diese Zeit – positiv wie negativ. „Thamm wie später Beringer haben immer das Letzte verlangt. Ich denke, ohne Druck und harte Arbeit geht es nicht, wenn man mit einer Rasselbande Höchstleistung bringen will“, meint Robert Vogel rückblickend.

Als sich Karl-Friedrich Beringer dann neben zwei anderen Kandidaten dem Chor vorstellte, war er sofort der Favorit: „Ich dachte damals, der wird das nie; weil wir ihn unbedingt wollten, und weil er so ganz anders war als Thamm.“ Doch Beringer kam. „Aus dieser Stimmung heraus verlief die Arbeit in dieser Übergangszeit zwar nicht weniger streng, doch war es ein anderes Arbeiten, eine ganz andere Atmosphäre!“

Zehn Jahre sang Vogel im Chor. Einer der ersten Auftritte war eine „Motette“; kurz vorm Stimmbruch stand er auch im Chor, als erstmals Beringer in St. Lorenz den Einsatz gab. „In gewisser Weise waren diese Jahre der Höhepunkt meines Lebens“, sagt Vogel lächelnd. „Was wir erlebten, hatte etwas so Besonderes – das begreift man als junger Sänger noch nicht. Doch man spürt es vermutlich instinktiv. Und deshalb erträgt man die harte Arbeit wohl auch. Integration habe ich nie mehr so intensiv erlebt, wie in diesen Jahren.“ 

Anabel Schaffer

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