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Kaum abzusehen, was er noch alles erzählen hätte können! Etwa davon, dass er an diesem Sonntag bereits rund acht überaus anstrengende Stunden mit der Bahn unterwegs war: „gefangen in einem Zug, der nicht mehr weiterfuhr“, wie Peter Kurzeck nur kurz, atypisch kurz andeutet.
Acht Stunden von Mainz bis Erlangen? Ein fürwahr langer Weg, der ihn da von der SWR Literaturnacht zum Autorenporträt beim Poetenfest führen sollte – erstaunlich, wie gefasst und gutgelaunt Kurzeck sich danach im Markgrafentheater gab.
Wittert er schon neues Material? „Da steht mein Zug“, wäre das nicht der passende Titel für eine Erzählung? Passend ja auch zum bereits existierenden „Da fährt mein Zug“ – einem dieser einzigartigen Texte, die Peter Kurzeck, rhetorisch ein Marathonmann, als Hörbuch eingelesen hat. Nein, nicht eingelesen, sondern eingesprochen, ohne Skript, aus dem Stand, schwindelfrei.
Selbst so Unschönes wie der leichte Schlaganfall, den er im Februar 2004 erlitt – eben ein Freitag, der 13. – verwandelt sich so, in Kurzecks spinnengleich gesponnenen, hessisch bespeichelten Sätzen und Satznetzen, in die schönste Prosa. „Mein wildes Herz“ hieß die letzte Erzähl-CD, beim wagemutigen kleinen Label Supposé erschienen.
Man muss ihn eben doch selbst hören, um den ganzen unscheinbaren Zauber seiner Erinnerungskunst wahrnehmen zu können. Die Präzision, mit der er den Alltag von einst beschreibt, das leise Pathos dieser Telegramme aus der Vergangenheit, die er rhapsodisch aneinanderreiht zu dichten Beschwörungen. Möglich wohl nur durch eines – sein „fulminantes Gedächnis“, wie Moderatorin Verena Auffermann es in beglückter Ehrerbietung ausdrückt.
Das Glück steckt an. In fast schon diebischer Freude nimmt das Erlanger Publikum jedes noch so kleine Detail auf, das Kurzeck preisgibt – ob in den vorgelesenen Kapiteln aus seinem aktuellen Mammutwerk „Vorabend“ oder in den druckreifen Antworten auf Auffermanns souverän lässige Fragen. Anfang der 80er Jahre spielt der neue Roman, allein ein profaner Friseurbesuch genügt Kurzeck, um die Atmosphäre der Epoche, die äußere und die innere, in allen Facetten zu schildern.
„Man müsste die Zeit erzählen“, so sein Credo. Nicht nur eine Zeit, sondern die Zeit an sich: jeden Augenblick, so kostbar, so vergänglich, einen nach dem andern, rückbesinnend und staunend ohne Ende.
Hoffen wir, dass Peter Kurzeck, Jahrgang 1943, es noch lange tut – und auch die Manuskripte, die er bei sich im (unbenutzten) Backofen lagert, zu Büchern macht. „Es steht nicht so schlecht um das Abendland, wenn es noch solche Erzähler gibt“, resümiert Verena Auffermann den Abend. Ein großes Wort – aber da hat sie wohl recht.
Peter Kurzeck: Vorabend. Stroemfeld, 1015 Seiten, 39,80 Euro.
Mo. 29.08.11
Sa. 27.08.11
Fr. 26.08.11
Fr. 26.08.11
Mi. 23.05.12
Mi. 23.05.12
Di. 22.05.12
Di. 22.05.12
Di. 22.05.12