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"Faber-Castell-Preis" im Neuen Museum Nürnberg

Stiftspitzen der Zeichenkunst - 12.07.2012 20:42 Uhr

Bereits die Tatsache, für den Wettbewerb überhaupt vorgeschlagen zu werden, war als Auszeichnung zu verstehen – wenn man einen Blick auf die Nominatoren wirft: Neben Chris Dercon, der die Tate Modern in London leitet, wählten eine Documenta-Kuratorin sowie Kunstchefs aus New York, Linz und Zürich jeweils eine Zeichnerin aus. Von Okwui Enwezor vom Münchner Haus der Kunst über Größen der Museumsszene aus Washington, Stuttgart, St. Gallen bis zu Melitta Kliege und Angelika Nollert vom NM reichte die Namensliste der Jury. Graf Faber von Castells Stifte-Firma aus Stein lässt sich das Kunstlob ordentlich was kosten.

Einen derartigen Preis für das eher stille Medium des Zeichnens auszuschreiben ist in der Flut der Kunstpreise eine so rare wie angenehme Blüte, wenngleich der Bezug des Stifters zu den Stiften auf der Hand liegt. Zudem rührt die neue Auszeichnung an eine Nürnberger Tradition: Nach 1980 hat die Stadt gemeinsam mit dem Unternehmen des Grafen insgesamt 13-mal ein „Stadtzeichner“-Stipendium vergeben.

Sorgen, dass die allesamt zwischen 1969 und 1978 geborenen Nominierten aus fünf Ländern mit ihren Werken den großen Ausstellungssaal nicht spannungsvoll genug bespielen könnten, zerstreuen sich schnell. Was nicht an einzelnen größeren Formaten liegt. Vielmehr fächert die Schau eine durchaus polarisierende Bandbreite zeitgenössischer Bildgestaltung auf. Was das Hervorstechen einzelner Handschriften betrifft, tut die gegensätzliche Nachbarschaft nur gut.

Eher konventionell und gegenständlich sind die Grafiken der Kölnerin Sabine Moritz angelegt. Neben ihrer Serie mit dem Titel „Düsseldorf Jena“, die Orte und Räume aus ihrer Erinnerung zeigt, wird an zwei weiteren Wänden an ihr aktuelles Werk herangeführt. Flugzeuge, Hubschrauber und Schiffe vor oft martialischem Hintergrund prägen die Motive, wobei inhaltliche Bezüge vage bleiben. Moritz zeigt friedliche Stillleben, neben denen die Katastrophe wohnt – und umgekehrt. Als Medium nutze die Künstlerin das Zeichnen für „Such- und Denkbewegungen“, ist zu erfahren. Alles in allem eine aufwühlende Angelegenheit.

Gezeichnet vom vermeintlichen Familienidyll

An der klassischen Meisterschaft des Porträtierens arbeitet die Polin Paulina Olowska sich ab. Ein Puppenspielerensemble aus der Nähe von Krakau hat für die Künstlerin seine Lieblingskostüme angezogen, was die Zeichnerin großformatig mit dem Bleistift porträtierte. Eine leise Nostalgie steckt in den Werken, es sind beseelte Annäherungen an eine vom Aussterben bedrohte Zunft.

Zeichnerisch gewitzter, dabei augenfällig autobiografisch geprägt treten die Arbeiten der in Wien lebenden Bulgarin Sevda Chkoutava zutage. Dass sie Künstlerin, Frau und Mama zugleich ist, fließt in cartoonhafte Motive mit dem Titel „24-Stunden-Zeichnungen“ aus Tusche ein: Farbe läuft über malträtierte Körper, von der Schwangerschaft deformierte Mütter wirbeln im Spiel mit dem Kind über die Wand; das vermeintliche Familienidyll wird als knallharter Alltagsjob dynamisch heruntergebrochen, man weiß nicht, ob man weinen oder lachen soll. Chkoutovas filigran gearbeitete, die Geschlechterthematik wie das Ost/West-Thema berührenden größeren Formate weisen daneben eine versierte Handschrift auf, bleiben verglichen mit den kleinen Arbeiten aber überraschungsfrei.

Erst mit Jorinde Vogt aus Berlin und der Preisträgerin Trisha Donnelly aus den USA eröffnen sich andere Erfahrungshorizonte. Diese tun der Schau gut. Voigt bringt großformatige Pflanzenabstraktionen in winddurchtoster Bewegung aufs Papier. Das Möglichkeitsspektrum der Farben des Horizonts zeichnet sie ebenso algorithmisch auf wie sie den Verlauf von Beethoven-Sonaten grafisch extrahiert.

Donnelly geht noch radikaler vor. Ihre Zeichnungsfragmente sind von Abwesenheit und essenzieller Fragilität aufgeladen. Statt das Absolute eines Kunstwerks vorzeigen zu wollen, öffnet sie schemenhaft Vorstellungsräume. Mal als zitternde Projektion eines schimmernden Etwas auf die nackte Wand, dem Stillstand widerstrebend. Dann auf Papier als pure Anmutung einer möglichen Form. Mit nur vier Arbeiten voller Aussparungen führt Donelly an eine Herzgegend des Zeichnens heran, dessen Reiz im Schemenhaften liegt. Solche Kunst ist scheu. Sie muss nicht jeder mögen. Doch die Spitzen ihres Stifts berühren neues Land. 

Christian Mückl

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