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Grandioser Roman: Der größere Teil der Welt

Jennifer Egans Musik des Zufalls - 20.02. 17:01 Uhr

Den renommierten Pulitzer-Preis hat die amerikanische Schriftstellerin Jennifer Egan für „Der größere Teil der Welt“ bekommen – neben einer ganzen Batterie von weiteren Auszeichnungen. Das schürt schon vor dem Lesen die Erwartung.

Preisgekrönt:
Jennifer Egan
Preisgekrönt: Jennifer Egan
Preisgekrönt:
Jennifer Egan
Preisgekrönt: Jennifer Egan

Und um es gleich vorweg zu nehmen: Diese Erwartung wird nicht enttäuscht. Auch wenn Egans Werk sich zunächst nicht einfach erschließen oder kategorisieren lässt.

Ist es ein Roman oder eine Sammlung von Erzählungen? Sind der alternde Rock-Musik-Produzent Bennie Salazar und seine kleptomanische Assistentin Sasha, die wir in den ersten Kapiteln kennen lernen, so etwas wie die Hauptfiguren? Zieht sich ein roter Faden durch die dreizehn Geschichten oder sind das mehrere Stränge?

Und während man noch versucht, die Spielregeln dieses außergewöhnlichen Buchs auszumachen, ist man schon gefangen in dem schimmernden Netz, das die experimentierfreudige und raffinierte 50jährige Erzählerin gesponnen hat.



Als ihre Inspiration für „Der größere Teil der Welt“ gibt Jennifer Egan – zur Verblüffung vieler Kritiker – Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und die TV-Gangster-Serie „Die Sopranos“ an. Der erste Einfluss lässt sich nicht nur in der Form, sondern auch im Inhalt nachweisen: Er spiegelt sich vor allem darin, wie die Zeit und der Zufall (oder das Schicksal?) mit den verschiedenen Figuren spielen, sie ihrer Jugend und ihrer Träume berauben und sie von jungen Punkern, enthusiastischen Rock-Fans und wilden Musikern in desillusionierte, ausgebrannte Erwachsene oder Schlimmeres verwandeln.

Bei der Suche nach der zweiten Inspiration muss man schon genauer hinsehen: Egan präsentiert die Geschichte(n) ihres Personals, die immer irgendwie mit dem Rock-Musik-Geschäft verknüpft sind, in Episoden, deren Handlungsstränge wie in den neueren US-Fernsehserien kunstvoll ineinander verflochten werden und außerhalb der Chronologie durch die Zeit springen.

Wie die Nummern auf einer Rock-LP oder -CD, einem Sampler, bekommt jede Geschichte einen eigenen Ton, eine eigene Stimme, manchmal sogar eine eigene Form.

Ein High-School-Teenager beschreibt, wie sie mit einer Freundin Ende der 70er Jahre eine Nacht bei einem Kokain schnupfenden Musikproduzenten verbracht hat. Ein Journalist rechtfertigt sich in einem Artikel (mit Fußnoten), wie und warum er von einem Filmstar wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt wurde. Und eine Zwölfjährige erstellt irgendwann in der nahen Zukunft eine PowerPoint-Präsentation über ihre Familie – die Egan tatsächlich als Ausdruck einfügt.

Passend zum Thema Musik erweist sich „Der größere Teil der Welt“ als groß angelegte Partitur, in der sich die einzelnen Stimmen und Geschichten nach und nach zu einem Medley verlorener Illusionen und sich ständig verändernder Beziehungen fügen. So wild und mitreissend wie ein guter Rocksong.

Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt. Deutsch von Heide Zeltmann. Schöffling Verlag, 392 Seiten, 22,95 Euro.


  



Andreas Frane

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