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So wird Hitchcocks Tick Tribut gezollt, in seine Werke sogenannte „Cameo“-Auftritte einzubauen – was bedeutet, selbst sekundenkurz in einer Szene aufzutauchen.
Bei „Der Mann, der zu viel wusste“ etwa ist er auf dem Marktplatz zu sehen, in „Der unsichtbare Dritte“ als Mann, vor dessen Nase sich die Türen eines Busses schließen. In „Spellbound – Ich kämpfe um dich“ steht er teilnahmslos in einem Fahrstuhl, in „Lifeboat“ ist er auf einem Zeitungsfoto abgebildet; im Annoncenteil wirbt er für ein Produkt zur Gewichtsabnahme. Ja, Sir Alfred hatte auch Humor.
Sein filmisches Genie verschrieb er fast ausschließlich dem Thrillergenre. Er grub sich so konsequent in psychologische Abgründe wie (bisher) kein zweiter Regisseur, hypnotisierte das Publikum aber durchaus auch auf einer vordergründigen Ebene.
So wurde er zum populärsten Regisseur der Filmgeschichte. Die Duschszene in „Psycho“, Cary Grant, der in „Der unsichtbare Dritte“ auf einem leeren Feld von einem Kleinflugzeug verfolgt wird, James Stewart, der seine vorübergehende Unbeweglichkeit durch intensiven Voyeurismus ausgleicht (was letztlich so etwas wie die Ur-Situation jedes Kinogängers zitiert), natürlich auch seine kühlen Blondinen – es gibt nichts, was nicht schon bis ins Detail ausgeleuchtet und interpretiert worden wäre.
Die permanente Hochspannung, die seine Geschichten prägt, ist so faszinierend wie die Vielzahl raffinierter filmischer Mittel, mit der er sie erzeugte. Ein junger französischer Filmkritiker war in den 60er Jahren davon so beeindruckt, dass er mit Hitchcock mehrstündige Gespräche führte.
Unter dem Titel „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ wurde aus diesem Gegenüber zweier intimer Kinospezialisten ein Klassiker der Filmliteratur. François Truffaut entlockte Hitchcock darin eine Menge Geheimnisse.
Was Hitchcocks Filme darüber hinaus auszeichnet, ist Menschenkenntnis. Das Böse steckt auch in einem stillen Sensibelchen, das nicht von seiner Mama lassen kann, oder in zwei smarten Studenten im schicken Anzug. Wenn sich Begierden zu Besessenheit steigern, wird jeder unberechenbar. Es muss ja nicht gleich der psychopathische Killer sein, der in uns rumort.
Der amerikanische Biograf Donald Spoto hat Hitchcock selbst (respektvollerweise nach dessen Tod) unter die psychologische Lupe genommen und die naheliegende Vermutung bestätigt, dass sich auch da mancher Abgrund, manche Obsession verbirgt – wie etwa hinsichtlich seiner Darstellerinnen, die er, wenn schon nicht erobern, so doch wenigstens als Regisseur mit Perfektionszwang lustvoll kontrollieren konnte.
Wie sehr er sich im Übrigen selbst mit seinen Filmen und Figuren identifiziert, zeigt auch ein berühmtes Foto: Auf ihm wirft er süffisant den Blick auf den Betrachter, zwischen den Lippen eine lange Zigarre balancierend, auf deren Ende eine Krähe sitzt, wie wir sie aus seinem Klassiker „Die Vögel“ kennen.
Er sei ein Meister der Überraschungen, attestierte ihm ein Journalist einmal, worauf Hitchcock mit britischem Understatement antwortet, das käme nur daher, dass das Publikum stets das Klischee erwarte – und er deshalb immer das Ziel habe, Klischees zu vermeiden. Nie sei ihm im übrigen in den Sinn gekommen, Horrorfilme zu drehen. Das so sagte er, sei viel zu einfach.
Als Beispiel nannte er „Psycho“, sein berühmtestes (wenn auch nicht bestes) Werk. Die Mordszene unter der Dusche habe er anfangs viel grausamer inszeniert, diesen Ansatz dann aber mehr und mehr zurückgenommen. Tatsächlich: Würde man jede der rasant geschnittenen Einstellungen sezieren, könnte man feststellen, dass das Messer, das peinigend lange auf Janet Leigh zurast, nicht ein einziges Mal ihren Körper berührt.
Der Horror habe auf der Leinwand nichts zu suchen – er solle einzig und allein im Kopf des Zuschauers stattfinden, lautete das Credo das Meisters. So hat er es durchweg gehalten und dabei immer wieder Kino auf dem Höhepunkt seiner Suggestionskraft gemacht.
Die Alfred-Hitchcock-Reihe im Filmhaus Nürnberg dauert noch bis zum 1. Dezember. Genaue Laufzeiten der Filme und weitere Infos unter www.filmhaus-nuernberg.de
