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Hitlers "Mein Kampf" ist ein unlesbares Buch

Geschichtsquelle ist in Deutschland verboten - 21.01. 19:00 Uhr

Nürnberg  - Kürzlich in einem Volkshochschulkurs: Als die Rede auf Hitlers „Mein Kampf“ kommt, entsteht Unruhe, vor allem unter den jüngeren Hörern. Sie würden das Buch gern einmal lesen, meinen einige. Oder wenigstens in der Hand halten, drin blättern. Das geht aber nicht. In Deutschland ist Adolf Hitlers Kampfschrift verboten.

Verbotenes macht neugierig. Das war schon immer so. Viele Forscher plädieren deshalb, den Mythos von Hitlers "Mein Kampf" zu zerstören, um mit einer wissen­schaftlichen Edition die schauerliche Tri­vialität des Werkes zu dokumentieren.
Verbotenes macht neugierig. Das war schon immer so. Viele Forscher plädieren deshalb, den Mythos von Hitlers "Mein Kampf" zu zerstören, um mit einer wissen­schaftlichen Edition die schauerliche Tri­vialität des Werkes zu dokumentieren.
Foto: dpa
Verbotenes macht neugierig. Das war schon immer so. Viele Forscher plädieren deshalb, den Mythos von Hitlers "Mein Kampf" zu zerstören, um mit einer wissen­schaftlichen Edition die schauerliche Tri­vialität des Werkes zu dokumentieren.
Verbotenes macht neugierig. Das war schon immer so. Viele Forscher plädieren deshalb, den Mythos von Hitlers "Mein Kampf" zu zerstören, um mit einer wissen­schaftlichen Edition die schauerliche Tri­vialität des Werkes zu dokumentieren.
Foto: dpa

Nicht der Besitz, nicht einmal der Erwerb der alten Exemplare aus der Nazi-Zeit (sie werden antiquarisch überteuert gehandelt). Wohl aber der Druck einer Neuauflage. Den hat bisher der Rechte-Inhaber verhindert. Das ist der Freistaat Bayern als Erbe des Eher Verlags. Die Verwaltung der Urheberrechte liegt beim bayerischen Finanzministerium.

Verbotenes macht neugierig. Das war schon immer so. Mit Neugier lassen sich Geschäfte machen. Der britische Verleger Peter McGee versucht in diesen Tagen davon zu profitieren. Gerade hat er eine neue Folge seiner Reprints von Zeitungen aus der Epoche des Nationalsozialismus unter dem Titel „Zeitungszeugen“ an die Kioske gebracht. In den editorischen Mantel dieser Publikationen ist Werbung eingeklinkt.


Sie macht Reklame für „Das unlesbare Buch“. Diese Formulierung ist als Blende über die Augen eines Hitler-Fotos gezogen. Damit wird klar: gemeint ist „Mein Kampf“. In Form von Broschüren soll der Text demnächst in den Handel kommen, selbstverständlich von Historikern und Politikwissenschaftlern kritisch kommentiert.

Die Herausgabe einer wissenschaftlich begleiteten Neuedition von Hitlers Programmschrift wird seit Jahren diskutiert. Auch das Nürnberger Doku-Zentrum hat sich an der Diskussion beteiligt und diese Edition befürwortet. Sie soll in Zusammenarbeit mit dem Münchner Institut für Zeitgeschichte entstehen. Bisher zielten die Planungen allerdings auf einen Zeitraum ab 2015.

70 Jahre nach dem Tod eines Autors, in diesem Fall nach Hitlers Selbstmord 1945, läuft in Deutschland das Copyright aus. Damit geht der Freistaat Bayern seiner Verfügungsrechte verlustig. Der hatte sich bisher einer kommentierten Neuausgabe widersetzt und damit publizistischen Attacken wie der von Peter McGee erst Chancen eröffnet. Eckart Dietzfelbinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Doku-Zentrum, nennt das Verhalten irrational und spricht von einem „übersteuerten Verhältnis des Staats zur Geschichte“. Sprecher des bayerischen Finanzministeriums führten den Opferschutz als Motiv für die restriktive Haltung an.

Allerdings ist „Mein Kampf“ auch eine bedeutende historische Quelle. Adolf Hitler schrieb das Buch in der Landsberger Festungshaft, die er für die Teilnahme am Putschversuch vom 9. November 1923 in München verbüßte. Was er hauptsächlich im Jahr 1924 seinem Mitgefangenen Rudolf Heß diktierte, lässt sich aus einem kitschig überquellenden Wörterwust auf sehr wenige Ideen komprimieren:

1. In Geschichte und Politik tobt ein rücksichtsloser Verdrängungskampf zwischen den Rassen. 2. Die arische Rasse, die sich vor allem im deutschen Volk kondensiert, ist als Herrenrasse zur Weltherrschaft berufen. 3. Der „tödlichste Feind“ der deutschen Herrenrasse ist das Judentum; es zersetzt den Staat und artikuliert sich vor allem in Marxismus, Sozialdemokratie und Parlamentarismus. Seinetwegen wurde der erste Weltkrieg verloren. Man muss es ausrotten. 4. Gleichsam als Fazit: „Die Sünde wider Blut und Rasse ist die Erbsünde dieser Welt und das Ende einer sich ihr ergebenden Menschheit.“

In manischer Monotonie kreisen Hitlers Gedanken um diese Eckpfeiler seiner weltanschaulichen Bekenntnisschrift. Er entwickelt sie in einer Art biografischem Erlebnisbericht vom Elternhaus zur Feldherrnhalle. Heute ist „Mein Kampf“ als historisches Dokument eine gruselige Lektüre, weil der Geschichtsverlauf bewiesen hat, dass sich eine derart irrationale Weltanschauung tatsächlich in Politik umzusetzen ließ und dass diese Politik in die globale Katastrophe mündete.

Es ist schon richtig, dass man mit diesem Text nicht leichtsinnig umgeht. Doch die bayerische Abwehrhaltung ist durch die neuen Medien längst durchlöchert worden. Im Internet ist „Mein Kampf“ in vielen Übersetzungen zu finden, freilich auch im deutschen Original. In anderen Ländern mit anderen Copyright-Regeln sind in den letzten Jahren zahlreiche Neuausgaben veröffentlicht worden. Das Buch ist keineswegs „unlesbar“.

Man muss es auch in Deutschland seines Geheimnisses entkleiden und als das nehmen, was es ist: eine aufschlussreiche Geschichtsquelle und ein folgenreiches Stück schauerlicher Trivialliteratur. 



Herbert Heinzelmann

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