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Im Fluss des Erzählens winden sich die Körper

"Rheingold" in München: Regisseur Andreas Kriegenburg lässt noch vieles offen - 05.02. 19:34 Uhr

Nürnberg/München  - Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ ist mit seinen vier Teilen nicht nur eines der anspruchsvollsten Werke der Opernliteratur, es ist auch deshalb so schwer zu inszenieren, weil die eigentliche, aus dem Reich der Sagen entstammende Geschichte mit ihren Drachen, Zwergen, Göttern, Riesen nicht das ist, was den Weltgehalt und die uns immer wieder fordernde Bedeutung der Tetralogie ausmacht.

Nein, nicht im Schlamm des Dschungelcamps sind wir hier, sondern auf dem nicht minder rutschigen Grund des Rheins. Andreas Kriegenburgs körperbetonte Inszenierung dürfte aber ebenfalls die so begehrte Zielgruppe des jüngeren Publikums ansprechen. Szene aus „Rheingold“ mit Johannes Martin Kränzle (Alberich) und Eri Nakamura (Woglinde).
Nein, nicht im Schlamm des Dschungelcamps sind wir hier, sondern auf dem nicht minder rutschigen Grund des Rheins. Andreas Kriegenburgs körperbetonte Inszenierung dürfte aber ebenfalls die so begehrte Zielgruppe des jüngeren Publikums ansprechen. Szene aus „Rheingold“ mit Johannes Martin Kränzle (Alberich) und Eri Nakamura (Woglinde).
Foto: dpa
Nein, nicht im Schlamm des Dschungelcamps sind wir hier, sondern auf dem nicht minder rutschigen Grund des Rheins. Andreas Kriegenburgs körperbetonte Inszenierung dürfte aber ebenfalls die so begehrte Zielgruppe des jüngeren Publikums ansprechen. Szene aus „Rheingold“ mit Johannes Martin Kränzle (Alberich) und Eri Nakamura (Woglinde).
Nein, nicht im Schlamm des Dschungelcamps sind wir hier, sondern auf dem nicht minder rutschigen Grund des Rheins. Andreas Kriegenburgs körperbetonte Inszenierung dürfte aber ebenfalls die so begehrte Zielgruppe des jüngeren Publikums ansprechen. Szene aus „Rheingold“ mit Johannes Martin Kränzle (Alberich) und Eri Nakamura (Woglinde).
Foto: dpa

Darüber hinaus ist der „Ring“ seit der Jahrtausendwende und zum 200. Geburtstag seines Schöpfers im nächsten Jahr so oft interpretiert worden, dass fast jeder Regisseur Probleme bekommt, noch originelle Bildideen zu finden.

Vielleicht setzt Andreas Kriegenburg, der bis Ende Juni an der Bayerischen Staatsoper München alle vier „Ring“-Opern inszenieren wird, bei der Premiere von „Rheingold“ am Samstag deshalb auf überraschende Schlichtheit und auf einen Ansatz, der die Illusion bricht.

So ist die Bühne, für die Ausstatter Harald B. Thor einen hell getäfelten Guckkasten mit beweglichen Wänden, Boden- und Deckenelementen geschaffen hat, von Anfang an offen. Die vielen in leichtes Weiß gekleideten Menschen, die dort beim Picknick am Boden lagern, wirken entspannt, plaudern angeregt, auch mit Leuten aus dem Produktionsteam. Die Szenerie erinnert an Manets Gemälde „Das Frühstück im Grünen“ – ins Heute übersetzt.



Noch bevor Kent Nagano am Pult den Es-Dur-Akkord in den tiefen Streichern entstehen lässt, ziehen sie sich aus, bemalen sich mit blauer Farbe und werden zu sich windenden Leibern, die die Wellen des Rheins formen. Auch das Gold wird von einem dieser jungen Statisten verkörpert, ebenso die Kröte, in die sich Alberich in Nibelheim verwandelt. Die Leiber bauen sich als lebende Walhall-Wand auf, sie formen gebückte, in Nibelheim schuftende Arbeitergestalten oder umkriechen Urmutter Erda (Catherine Wyn-Rogers).

Bei den Hauptfiguren schafft Kriegenburg eine kammerspielartige psychologische Dichte, das gelingt ihm handwerklich sehr solide, im Stil eines abgeklärten Theaterprofis. Sein Wotan (Johan Reuters hell timbriertem Bariton fehlt es manchmal an Durchschlagskraft) ist selbstverliebt und egozentrisch. Er lebt in seiner eigenen Welt – wenn er von Walhall träumt oder später versonnen den von Alberich geraubten Ring an seinem Finger betrachtet. Fricka (prägnant: Sophie Koch) pflegt als enttäuschte Frau ihre Dauervorwurfs-Mimik, weil sie von ihrem Göttergatten nicht göttlich behandelt wird.

Stefan Margita gibt einen raffiniert altersschlauen Loge: Er ist ein Strippenzieher in der Tarnung des Conférenciers, er ist der Manipulator, der dem Riesen Fafner (Phillip Ens mit düsterer Basskraft) den Dolch für die Ermordung Fasolts hinhält.

Johannes Martin Kränzle überzeugt als markant artikulierender Alberich, der mit dem geraubten Gold als entschlossener, triebstarker Emporkömmling ein unterirdisches Imperium errichtet. Sein Bruder Mime (Ulrich Reß) ist zwar gewitzt, wirkt im Vergleich zu ihm aber wie ein naives Kind.

Nicht nur in Nibelheim erzeugt Kriegenburg mit sparsamsten Mitteln – Rauch, an Kostümen befestigte Scheinwerfer – wirksame Theaterillusionen, die unterschiedliche Assoziationen ermöglichen. So lässt dieses „Rheingold“ noch viele Deutungsmöglichkeiten offen. Etwa die, dass Macht oft auch Macht über Körper – samt deren Zurichtung – bedeutet. Erschreckend ist es, wenn die Riesen auf zwei Würfeln mit zusammengebackenen Leibern thronen.

Wenn die Nibelungen Goldbarren heranschleppen müssen und Wotan mit Speer und Verträgen jongliert, denkt man an die Euro-Krise samt dem Rettungsschirm-Geschachere. Und wie Wotans unsolide finanziertes Eigenheim Walhall Schuld an dem „Ring“-Schlamassel ist, waren Immobilienkrisen Auslöser der globalen Finanzkrise. Oder man denkt dabei nur an Großburgwedel, was aber auf die Ebene des politischen Schmierentheaters führt. Zwar würden die Schlussworte der Rheintöchter – „Falsch und feig ist, was dort oben sich freut!“ – auch in diesem Kontext funktionieren, doch so kurz springt Kriegenburg zum Glück nicht.

Durch das Bewegungstheater mit vielen Menschen auf der Bühne wirkt dieses „Rheingold“ zudem sehr zeitgemäß für eine junge Generation, der Körperlichkeit und Performance sehr wichtig sind. Freilich gerät so ein Ansatz schnell diskriminierend, weil er den grassierenden Jugendkult fortschreibt: nur junge, schlanke Leiber dürfen auf die Bühne – der Rest bleibt von Kriegenburgs kollektivem Erzählen ausgeschlossen.

Nicht wirklich schlüssig war Kent Naganos Dirigat: Zwar entfaltete der Staatsopern-GMD oft wunderbar die feine Textur der Leitmotive, blieb aber manchmal (Walhallmotiv) den nötigen Glanz schuldig. Dann wieder ließ er das Bayerische Staatsorchester abrupt auftrumpfen, ohne die Steigerung organisch aufgebaut zu haben. Auch hier gilt: Der neue Münchner „Ring“ lässt noch viele Möglichkeiten offen. 



Thomas Heinold

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