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Im Gespräch: Orgel-Freak Cameron Carpenter

Liebesspiel auf den Pedalen - 07.02. 18:46 Uhr

Am Dienstag, 14. Februar, 20 Uhr, kommt der ungewöhnlichste Orgelspieler der Welt zum zweiten Mal in die Meistersingerhalle: Cameron Carpenter, 1981 im US-Bundesstaat Pennsylvania geboren, hat das Orgelspiel in der Ofenbauerwerkstatt seines Vaters gelernt, trägt bei seinen sportlich-virtuosen Auftritten selbstentworfenes Glamrock-Outfit und ist ein so guter Tänzer, dass er die schwierigen Läufe nicht mit den Händen, sondern mit den Füßen auf den Pedalen spielt.

Sein Outfit entwirft er selbst: Der fußflinke Virtuose Cameron Carpenter an der Orgel der Meistersingerhalle.
Sein Outfit entwirft er selbst: Der fußflinke Virtuose Cameron Carpenter an der Orgel der Meistersingerhalle.
Foto: Stefan Hippel
Sein Outfit entwirft er selbst: Der fußflinke Virtuose Cameron Carpenter an der Orgel der Meistersingerhalle.
Sein Outfit entwirft er selbst: Der fußflinke Virtuose Cameron Carpenter an der Orgel der Meistersingerhalle.
Foto: Stefan Hippel

Welche Gefühle die Steinmeyer-Orgel in der Meistersingerhalle auslöst und wie er das Orgelspiel der Zukunft revolutionieren will, verriet Carpenter der NZ exklusiv im Interview.

NZ: Sie sagen, dass Sie immer sehr emotional auf eine Orgel reagieren. Welche Gefühle löst das Instrument in der Meistersingerhalle bei Ihnen aus?

Cameron Carpenter: Die Wahrheit ist, dass die Orgel der Meistersingerhalle eine gefährliche Geliebte ist: zynisch und ermattet durch Jahre des Missbrauchs und der Vernachlässigung – und sehr schwer zu verführen. Es gibt Momente, in denen sie dein Liebes-Spiel packt und es dir zurück ins Gesicht wirft, und dabei lacht sie bitter mit Funken jenes schmerzvollen Kreischens, das
oft für Orgeln ihrer Epoche typisch ist.

Deshalb muss man sich auf diese Voraussetzungen einlassen, von dieser Basis aus vorsichtig vorangehen – und sie dann natürlich total beherrschen. Sie fragen, welche Gefühle diese Orgel bei mir auslöst? Schmerz, falls Schmerz ein Gefühl ist. Scheu, etwas Angst und Erregung – und letztlich, so hoffe ich, Extase.



NZ: Haben Sie eine Art Orgel-Gedächtnis, erinnern sie sich noch, wie sich die Meistersingerhallen-Orgel anfühlt?

Carpenter: Ich habe ein komplettes Orgel-Gedächtnis von jedem Instrument, das ich spiele – und ich erinnere mich sehr genau an das Gefühl, auf dieser Orgel zu spielen. Es ist bizarr: Die Tasten dieser Orgel sind so isoliert von ihren Klängen. So, stelle ich mir vor, hat sich ein Bomberpilot im Zweiten Weltkrieg gefühlt, der fast ohne Schutz und Unterstützung einen Angriff flog: unglaublich gefährdet und gewagt, aber ebenso grandios und aufregend auf seinem todesverachtenden, außer Kontrolle geratenen Flug.

NZ: Welche Eigenschaften muss ein Werk haben, damit Sie es auf der Orgel spielen? Rhythmus? Tanzbarkeit?

Carpenter: Ich suche nicht nach besonderen Merkmalen – vielmehr hoffe ich einfach, von der Musik in den Bann gezogen, ja von ihr in Besitz genommen zu werden. Als Student an der Juilliard School – und später, als ich die Hintergründe der Welt der Organisten und des Orgelspiels zu verstehen begann – musste ich eine ganze Menge Musik spielen, die ich nicht mochte oder die mich nicht einmal interessierte. Heute muss ich lediglich die Musik lieben, ohne dazu überredet oder gezwungen zu werden.

Das mag wie eine Binsenweisheit klingen – aber tatsächlich wird auf Musiker im Klassikbetrieb eine Menge Druck ausgeübt, schön ausgewogen zu sein, Experten in allen möglichen Epochen und Stilrichtungen zu sein, um damit ja niemanden zu verprellen. Ich lehne diese Haltung komplett ab und verwickle mich lieber jeden Tag mehr in meine Obsessionen und Liebesaffären mit all diesen Musiksachen, die ich bewundere – und versuche, mir keine Sorgen darüber zu machen, welche „Art“ von Musiker ich dadurch werde.

NZ: Sie zeigen sehr viel Beinarbeit an der Orgel, ja sie tanzen auf den Pedalen. Ist in Ihrer Sicht die Orgel eher ein Instrument für junge Spieler?

Carpenter: Es gibt so eine armselig herzergreifende Tendenz unter Orgelspielern, die Orgel als etwas darzustellen, das freundlich und sympathisch ist und damit „Spaß“ bedeutet. So als ob sie so ein ulkig-verdrehtes Fahrgeschäft wäre, in der Hoffnung sie dadurch für „junge Leute“ attraktiv zu machen. Aber natürlich könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein. Die Orgel ist ein furchteinflößendes und unglaublich forderndes Instrument – viel mehr Kafka als Kung Fu.

Das Ausmaß an persönlichem Opfer, das sie fordert, ebenso wie die nötige materielle Infrastruktur – Zugang zu einem Instrument, finanzieller Aufwand, Pendeln, und der Umgang mit der Orgelgemeinde - macht sie völlig ungeeignet für Menschen unter 30 Jahren und noch schwieriger für die ganz Jungen. In vieler Hinsicht ist sie ein entsetzliches, abweisendes Instrument. Und da sie zugleich das teuerste und unbeweglichste aller Instrumente ist, bedeutet das für den Spieler oft auch einen teuflischen Pakt mit dem ökonomischen Misserfolg. Ich wundere mich manchmal immer noch, wieso ich sie überhaupt spiele.

NZ: Sie tragen auffällige, zum Teil selbst entworfene Kleidung und Schuhe bei ihren Auftritten. Ist das wichtig für die Art ihres Spielens – oder ist es mehr ein Teil der Performance, der Show?

Carpenter: Es ist schwierig zu sagen, dass das exakt ein Teil meines Spiels ist. Auf der anderen Seite gibt es für mich keine Trennung zwischen Spiel, Performance und Show. Wir leben in den Zeiten von Nicki Minaj, Lady Gaga, den Choreografien von Mark Morris und den Theaterinszenierungen von Peter Sellars. Sie alle zeigen: Das Ungewöhnliche und das Fremdartige in der Kunst waren nie so

wichtig wie heute. Nur im Kontext der Orgel scheint man darüber immer noch diskutieren zu müssen.

NZ: Betreiben Sie nach wie vor ihr diszipliniertes und umfangreiches Fitnessprogramm für das Orgelspielen?

Carpenter: Ja, sehr intensiv. Meine körperliche Fitness und Erscheinung sind für mich von größter Wichtigkeit.

NZ: Spielen Sie lieber

in Kirchen oder in einer Konzerthalle?

Carpenter: Da ich keine engere Beziehung zur Kirche habe als ein Cellist oder ein Didgeridoo-

Virtuose, bevorzuge ich natürlich Konzerthallen. Jedoch gefällt mir ein gelegentlicher Ausflug in eine Kirche, wenn ich in einer Gegend auftrete, in der es keine geeignete Halle gibt. Aber das kommt ziemlich selten vor, kann ich zum Glück sagen.

NZ: Wie weit ist das Projekt Ihrer digitalen Orgel, die sie überall mit hinnehmen können?

Carpenter: Das Projekt ist vollständig entwickelt, es muss nur noch finanziert werden.

NZ: Wird sich dadurch ihr Spiel und

ihr Repertoire nochmals grundlegend verändern?

Carpenter: Alles wird sich verändern, und damit kann ich, denke ich, all das verändern, wie die Orgel gesehen und verstanden wird – im wörtlichen Sinn eine Revolution, die weitreichende Folgen schon für die unmittelbare Gegenwart der Orgel haben wird, nicht erst für deren Zukunft. Mein Instrument wird die großartigste Orgel der Welt sein, und sie wird überall auf der Welt gespielt werden können – für jedermann.

Das wird das Ende für die Orgel als das exklusivste und elitärste aller Instrumente bedeuten. Und es wird mir erlauben, nicht nur in Konzerthallen, sondern in Schulen, Gefängnissen und bei Open-Air-Veranstaltungen aufzutreten, nicht nur in Europa, sondern in Nordamerika, Asien und eines Tages in Südamerika und Afrika. Ich bin nicht an einer Zukunft interessiert, die nur von der Pfeifenorgel abhängig ist. Um es mit einem zeitgemäßen Wort zu sagen – das ist nicht mehr nachhaltig.


  



Fragen und Übersetzung: Thomas Heinold

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