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Wer Unterhaltungsliteratur nicht nur liest sondern sich damit beschäftigt, darüber schreibt oder diskutiert, der stößt immer wieder an diese sehr deutsche Grenze zur Hochliteratur oder E(ernsthaften)-Literatur.
Das gilt sogar für die am meisten respektierte literarische Gattung: den Kriminalroman. Kann der «ernst« sein? Kann der «hoch« stehen? Auf dem Erlanger Poetenfest wird man darüber reden. Denn in der Langen Nacht des Kriminalromans am Samstagabend (20 Uhr, Schloss) kommen drei Schriftsteller zu Wort, die Grenzgänger zwischen Genre und Anspruch sind.
Bei Ingrid Noll war das nie anders. In ihrem ersten Buch «Der Hahn ist tot« erzählte eine Frau, wie sie mordete, um eine große Liebe zu erobern. Mord ist sicher eine Zutat des Kriminalromans. Aber eigentlich war Ingrid Nolls Anliegen die Analyse einer neurotischen Leidenschaft. Darum gab es in dem Buch niemanden, der die Morde aufklärte, die Täterin überführte. In ihrem jüngsten Buch «Kuckuckskind« (Diogenes) spielt Kriminalität kaum noch eine Rolle. Es geht um Sehnsüchte, Enttäuschungen, Hoffnungen. Darum geht es der «großen« Literatur auch. Noll ist nur anstrengungsfreier zu lesen.
Auf Heinrich Steinfest trifft nicht einmal dieses Kriterium zu. Er hat es seinen Lesern schwer gemacht, seit er den grotesken Wiener Detektiv Cheng erfand. Der Off-Theatermacher und bildende Künstler sticht in seinen Büchern klug und ironisch in gesellschaftliche und kulturelle Sprech- und Denkblasen und entlarvt die Welt schlicht als absurd. Auf dem Titel seiner letzten Publikation «Mariaschwarz« stand noch die Gattungsbezeichnung Kriminalroman. Sein jüngstes Buch «Gewitter über Pluto« (Piper), aus dem er in Erlangen lesen wird, nennt sich nur Roman. Steinfest selber beharrt jedoch darauf, ein Autor von Kriminalromanen zu sein. Wenn auch solchen einer ganz anderen Art.
Ist Jan Costin Wagner dann wenigstens ein «richtiger« Krimiautor? Immerhin hat er mit dem Finnen Kimmo Joentaa einen Kommissar entworfen, der schon in drei Romanen ermittelte. Aber in diesen Büchern erforscht Wagner vor allem die Abgründe der menschlichen Seele. Diese Bücher sind tatsächlich Sprachkunstwerke, in denen es auf Rhythmus ankommt. Wagners allerneuester Text, die Erzählung «Sandmann träumt« (Edition Nautilus), handelt von verirrter Sehnsucht und von einem Mörder, der zugleich Lebensretter ist. Das Krimi-Schema Tat-Ermittlung-Entlarvung wird von allen drei Autoren außer Kraft gesetzt.
Der deutsche Kriminalroman ist ein schillerndes Phänomen. Er umfasst Gesellschaftskritik, Psychoanalyse, Charakterstudien, Philosophie, Satire – und tiefere Bedeutung hat er sowieso. Bedeutung, die sich in der Kunstform stilisierter Sprache ausdrückt. Also gibt es keinen Grund, ihn nicht zur Literatur zu zählen. In Erlangen wird davon zu reden sein.
Herbert Heinzelmann
Mo. 27.08.12
Mo. 27.08.12
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Mo. 27.08.12