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"Jahre später": Fotoausstellung über Kirgistan an der Zeitenwende

"Das Herz wird einem schmutzig" - 12.06.2012 17:32 Uhr

Der Fotograf Georg Kürzinger vor einem der Bildpaare, die in den Jahren 1992 und 2003 den sozialen Wandel in Kirgistan dokumentieren. Die Schau "Jahre später" ist ab heute im Glasbau des Künstlerhauses zu sehen.

Der Fotograf Georg Kürzinger vor einem der Bildpaare, die in den Jahren 1992 und 2003 den sozialen Wandel in Kirgistan dokumentieren. Die Schau "Jahre später" ist ab heute im Glasbau des Künstlerhauses zu sehen. © Roland Fengler


Der radikale Systemwechsel, den der Zusammenbruch der UdSSR, die Unabhängigkeit und der Wandel von der Staats- zur Marktwirtschaft für Kirgistan bedeutete, hat die Beiden in eine anonyme Vorstadtsiedlung gespült.

Elf Jahre liegen zwischen diesen beiden Fotos wie zwischen all den anderen Bildpaaren der Ausstellung „Jahre später“, die ab heute im Glasbau des Künstlerhauses gezeigt wird. Mit ihnen dokumentiert der Münchner Fotojournalist Georg Kürzinger die sozialen Verwerfungen, die die Zeitenwende nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dem zentralasiatischen Land beschert hat.

Nach der staatlichen Unabhängigkeit von 1991 machte sich in dem knapp 200000 Quadratkilometer großen, armen Bergland ohne Bodenschätze rasch Korruption breit; die Auflösung der kommunistischen Landwirtschaft führte zu Misswirtschaft und Hungersnöten; die Tulpenrevolution von 2005 brachte keine Verbesserung; blutige ethnische Unruhen zwischen den Kirgisen und Usbeken folgten; ein Umsturz im Jahr 2010 führte schließlich zu einem Verfassungsreferendum, seit dem Kirgistan die einzige parlamentarische Demokratie in Zentralasien ist.

Kürzingers Bilder sind bei zwei Reisen in den Jahren 1992 und 2003 entstanden. Das Interesse an dem Land entfachte die Literatur des Kirgisen Tschingis Aitmatow („Dshamilja“), mit dem der 55-Jährige auch einen Bildband gestaltete. Kürzinger wollte wissen, wie sich die sozialen Umbrüche auf die Menschen auswirkten, wie ihre Biografien verändert und in eine andere Richtung gelenkt wurden.

Um das zu dokumentieren, führte er bei seinem zweiten Besuch, als er die Porträtierten von damals erneut aufsuchte, zahlreiche Interviews, deren Zusammenfassungen nun unter den Bildpaaren in der vom Komm-Bildungsbereich veranstalteten Schau angebracht sind.

Die Lesearbeit, die sie dem Betrachter abfordern, lohnt sich, denn sie verleiht den dokumentarischen Bildern eine komplexe Tiefenwirkung. Etwa wenn man erfährt, wie sich der archaische Brauch des Brautraubs – der meist mit einer Zwangsverheiratung verbunden war – gewandelt hat zu einem großstädtisch geprägten, fast europäisch anmutendem Hochzeitsritual mit repräsentativen Autos und Feier in einem Restaurant.

Oder man erfährt von der 44-jährigen Ainagül, für die der Tod ihrer beiden Kinder den Wegfall der Altersvorsorge bedeutet – denn in Kirgistan gibt es keine sozialen Sicherungssysteme. Optimistischer wirkt der 20 Jahre jüngere Sairbeg, ein Autonarr, wenn er den Wandel so beschreibt: „Für die Alten ist es einfach zu schwierig, vom Pferd auf’s Auto umzusteigen – das fährt ihnen viel zu schnell und ist zu neu für sie.“

Ganz anders sieht das der alte Kotschkorbey, der zu Sowjetzeiten im Gefängnis saß, weil er islamische Schriften verbreitete und sich heute die Operation seines Grauen Stars nicht leisten kann: „Wir arbeiten viel mehr als früher und können trotzdem kaum genug erwirtschaften. Das Herz wird einem schmutzig, weil man mit dem Erreichten nie zufrieden ist.“

Eine solche Ernüchterung stellte Kürzinger bei vielen Porträtierten fest – ganz im Gegensatz zur Aufbruchstimmung im Jahr 1992. Und er sieht die Schau „Jahre später“ auch in einem erweiterten Kontext, die ein Licht auf die Folgen von Wirtschaftskrisen generell wirft: ob in den Pleite-Staaten der Eurozone oder beim Niedergang der US-Mittelschicht.

2006 hat Kürzinger die Bilder bei einem dritten Besuch in Kirgistan gezeigt. In Deutschland sind sie nun zum ersten Mal zu sehen. Noch scheinen die Folgen der Eurokrise hier fern zu sein, doch nicht nur Kürzingers Foto von den beiden Jungs am Mehlsack erinnert daran, dass das Leben letztlich immer ein Kampf ist.

Eröffnung am Mittwoch, 13.06.2012: 18 Uhr, Künstlerhaus, Glasbau, 1. OG. Geöffnet Di., Do.–So., 10–18 Uhr, Mi. 10–20 Uhr. Katalog zum Preis von 12 Euro (außerhalb der Ausstellung 16 Euro).
  

Thomas Heinold

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