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Leibesübungen mit Gute-Laune-Garantie

Die besten Inszenierungen beim Berliner Theatertreffen - 13.05.2012 17:04 Uhr

Der anpassungsscheue Individualist (Fabian Hinrichs mit Anspielungen an Brechts "Fatzer") balanciert auf dem Kollektiv. Aber das ist heute zu einem Netzwerk geworden. Szene aus "Kill your Darlings" an der Berliner Volksbühne.

Der anpassungsscheue Individualist (Fabian Hinrichs mit Anspielungen an Brechts "Fatzer") balanciert auf dem Kollektiv. Aber das ist heute zu einem Netzwerk geworden. Szene aus "Kill your Darlings" an der Berliner Volksbühne. © Thomas Aurin


„Treten Sie bitte beiseite. Achtung, wir springen – jetzt“, ruft eine Stimme. Und schon schweben sie, in einer Klangwolke sphärischer Musik, vom Bühnenhimmel herab: die 15 jungen Turner in ihren Einheitstrikots sowie der begnadete Entertainer Fabian Hinrichs in Regenbogenhose und freiem Oberkörper.

Er spricht von der Sehnsucht nach Liebe hinter den erleuchteten Fenstern, auf den Straßen von Berlin, „on the Streets of Berladelphia“. So lautet der Untertitel dieser Show, der natürlich – wir leben im Zeitalter der Popkultur – auf den Bruce-Springsteen-Song „Streets of Philadelphia“ anspielt. Nicht so leicht erschließt sich dagegen der Haupttitel von René Polleschs Stück: „Kill your Darlings“.

Aber was kümmern uns Namen und Assoziationen, wenn doch der unwiderstehlich suggestive Hinrichs an unsere geheimen Wünsche appelliert und ruft: „Es fehlt euch was, es reicht euch nicht!“

Was manchem fehlt, ist eine Gemeinschaft, die ihn auffängt, in die er sich rückhaltlos, gar hintenüber fallen lassen kann, die ihn trägt, tröstet und liebkost. Der Vorturner führt es mit seiner fabelhaften Truppe vor. Dieser Gruppenkörper bildet bald ein bequemes Sofa, bald eine Himmelsleiter.

Doch weil es sich hier um eine herrlich ironische Inszenierung und um eine Auseinandersetzung mit Bertolt Brechts „Fatzer“-Fragment handelt, repräsentieren die Akrobaten – ja, tatsächlich – auch den Kapitalismus. „Gott sei dank“, erklärt Hinrichs, „wissen wir Linken jetzt wieder, wie der Kapitalismus aussieht: er ist ein Netzwerk.“

Also Achtung! Mag einen das Netzwerk noch so sanft in seinen Armen wiegen: Mit dem Klassenfeind geht man nicht ins Bett, ein Netzwerk ist kein Kollektiv.

Gelb-grandios: Sophie Rois in "Die (s)panische Fliege".

Gelb-grandios: Sophie Rois in "Die (s)panische Fliege".


So jongliert Pollesch mit Begriffen, Bedeutungen und Haltungen. Wie ein Kind, das bunte Bauklötze verstreut, spielt er mit Bildern und Szenen: Am schönsten wohl die, in der die Turner frohgemut durch den Regen hüpfen. Und als sich das Wasser auf dem Boden sammelt, kreiseln, schlittern sie bäuchlings durch die Pfützen, während ihr Zeremonienmeister den Planwagen der Mutter Courage über die Drehbühne zieht. Dazu singt Morrissey „Life is a Pigsty“.

Ja, das Leben ist ein „Schweinestall“, aber es gibt auch einige darin, die Schwein gehabt haben – also beispielsweise das Privileg, ein Billett für diese hinreißenden „Streets of Berladelphia“ zu erhaschen.

„Suche Karte“ steht gleichfalls am nächsten Abend des Theatertreffens auf einigen Pappschildern, die Glückssucher vor der Volksbühne in die Höhe halten. Dabei wissen wohl die meisten von ihnen, dass sie unter dem Titel „Die (s)panische Fliege“ ein Schwank ohne jeden Tiefgang erwartet: Über die Scheinmoral der wilhelminischen Gesellschaft, hundert Jahre alt, von Franz Arnold und Ernst Bach – einem Autorenduo, das man nicht kennen muss.

Aber man sollte erleben, was der Berliner Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch daraus gemacht hat: Eine überdrehte, tobende Blödelei, eine Klamotte mit einem Trampolin. Das verbirgt sich in einem riesigen Teppich, der die ganz Bühne bedeckt. So schnellen die Darsteller bei ihren turbulenten Auftritten in die Höhe, schlagen einen Salto oder landen unsanft auf dem Bauch, oder sie klatschen gegen die zwei bis drei Meter hohe Teppichwelle, die sich im Hintergrund aufgeworfen hat.

Natürlich gelingt dem Regisseur seine handwerkliche Meisterleistung nur dank hervorragender Darsteller: Neben Wolfram Koch vor allem die kratzbürstige Sophie Rois und die kleinwüchsige Christine Urspruch, Fernsehzuschauern aus dem „Tatort“ bekannt.

Herbert Fritsch, der diese „Panische Fliege“ zum Höhenflug brachte, gehört als 51er-Jahrgang noch zur älteren Garde. Ansonsten hat beim diesjährigen Theatertreffen ein Generationswechsel stattgefunden. Trends lassen sich dabei kaum ausmachen – allenfalls eine Neigung zum Regie-Kollektiv, zum Einsatz elektronischer Medien und zur (Über)strapazierung des Publikums durch Aufführungen von acht („Faust“ I+II) und zwölf Stunden Dauer (Ibsens „Borkman“). Die Zeit, die Geduld, die sonst keiner mehr aufbringt – hier haben sie ihre letzte Nische.

Eine Aufzeichnung von „Kill your Darlings! Streets of Berladephia“ sendet 3sat am 26. Mai um 20.15 Uhr.
  

Hans-Peter Klatt

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