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Auch wenn sich der Revue-Charakter des Abends an einigen Stellen nicht verleugnen lässt, schlägt das Stück von Autor Ewald Arenz und Komponist Thilo Wolf, die vor drei Jahren bei „Petticoat und Schickedance“ zum ersten Mal erfolgreich zusammen arbeiteten, deutlich die Richtung zum Musical ein. Mit einem klugen Kniff verknüpft Arenz in „Bahn frei!“ das Ende und die Vorgeschichte der sogenannten Ludwigsbahn: In den letzten Jahren des Ersten Weltkriegs verliebt sich Kurt Hohfelder, der letzte Bahndirektor, in die forsche Schaffnerin Lili und erzählt ihr die Geschichte des visionären Eisenbahnpioniers Friedrich List und seiner Tochter Elise.
Auf beiden Zeitebenen geht es um schwierige Beziehungen, den Kampf um Fortschritt und Veränderung und letztlich ums Scheitern. Ist es in der Rahmenhandlung die Frauenrechtlerin Lili, die den konservativen Hohfelder ein Stück in den politisch-gesellschaftlichen Bewegungen mitreißt, so verzweifelt in dessen Geschichte List an dem vergeblichen Versuch, seine Träume von Bewegung in Realität umzusetzen.
Industrielle Revolution, Weltkrieg, Frauenrechte, soziale Frage, Räterepublik: Arenz deckt in seiner dritten Arbeit für das Theater einiges an Material ab und – da schlägt der Geschichtslehrer in ihm durch – befrachtet seine Dialoge mit viel historischem Hintergrund, der das Tempo stark drosselt. Am überzeugendsten ist „Bahn frei!“, wenn die Gefühle, Verletzungen und Frustrationen der Figuren in den Vordergrund rücken. Zum Beispiel in der berührenden Szene, in der List seine Tochter aus eigennützigen Motiven zu einer Gesangskarriere drängt – und sie in einem wunderschönen Song ihrer Angst vor dem Versagen Luft macht.
Überhaupt die Musik: Thilo Wolf verbindet in seinen Kompositionen viele Stile, von der Ballade über den Protestsong bis zum Ragtime, aber er bringt das Kunststück fertig, dass trotzdem musikalisch alles wie aus einem Guss wirkt. Daneben hat er als musikalischer Leiter sein elfköpfiges Orchester flott und fest im Griff und hätte bei der Premiere sicher schon mit der mitreißenden Eröffnungsnummer „Die Maschine tanzt“ einen Hit gelandet – wäre nicht ein Mikroportausfall der mehrfach für Probleme sorgenden Tontechnik dazwischengekommen.
Rhythmus und Tempo des Abends waren offensichtlich auch der jungen Regisseurin Nilufar K. Münzing besonders wichtig, die mit großem Geschick und der Hilfe ihrer Bühnenbildnerin Christiane Becker alle Kräfte des Hauses mobilisiert, um die beiden Handlungsstränge, die ständigen Zeit- und Ortswechsel im Fluss zu halten. Passenderweise lassen sie die scherenschnittartigen Kulissen auf Schienen auf- und abfahren. Und die zündenden Choreografien, die Jean Renshaw mit dem Ensemble erarbeitet hat, sorgen dafür, dass die schmissige Musik auch optisch ihre Entsprechung findet. Einer der Höhepunkte ist dabei der sinnliche, rasante Tango zwischen Lili und Hohfelder, der sich in ein Ringen um die Führung entwickelt.
Das 14-köpfige Ensemble wirft sich mit ansteckender Lust in den Abend. In einem Stück, in dem es auch immer wieder um die Frauenbewegung geht, ist es vielleicht konsequent, dass unter den vier Hauptrollen die Damen dominieren: Anna Müllerleile gibt der singenden Schaffnerin Lili eine unbändige Energie, während Elisabeth Sikora die Nöte der zurückhaltenden Elise List berührend deutlich macht. Beide begeistern in ihren Solonummern mit starken Stimmen.
Als steifer Kurt Hohfelder taut Gerd Achilles im Lauf des Abends spürbar auf und entpuppt sich in den Duetten als samtstimmiger Charmeur. Oliver Fobe-Dörr macht Friedrich Lists tragisches Scheitern zu einer der intensivsten Szenen, aber er (oder die Regie?) scheint vor dessen dunklen, obsessiven Seiten zurückzuschrecken.
Dass Nilufar K. Münzing, die in der letzten Spielzeit bereits mit Händels „Acis und Galatea“ das Fürther Publikum begeistert hat, bei all den Herausforderungen der Produktion auch für die Herausarbeitung der kleineren Figuren, wie Christiane Reicherts derb-komischer Wirtin, Zeit und Raum genommen hat, bereichert den Abend um viele schöne Details.
„Bahn frei!“ ist eine abwechslungsreiche, bunte Show, mit der das Stadttheater Fürth einen gelungen Spielzeitauftakt eingefahren hat.
Weitere Vorstellungen vom 19. bis 22. und 27. bis 30. Oktober im Stadttheater Fürth.
