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Damit wiederholt sich gewissermaßen jene historische Konkurrenz, die es bei der Uraufführung von Richard Wagners vierteiligem musikdramatischen Hauptwerk schon einmal zwischen München und Bayreuth gab: Damals ließ der bayerische König sowie glühende Wagner-Verehrer und -Finanzier Ludwig II. die ersten beiden Opern des „Rings“, „Das Rheingold“ 1869 und „Die Walküre“ 1870, gegen den Willen des Komponisten im Münchner Nationaltheater, also der heutigen Staatsoper, aufführen.
Das war noch zwei Jahre vor der Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses, das Richard Wagner eigens für die Uraufführung der Tetralogie bauen ließ - und wo der „Ring“ dann tatsächlich im August 1876 zum ersten Mal komplett gezeigt wurde – also auch mit den beiden Opern „Siegfried“ und „Götterdämmerung“.
Und nun kommt München wieder Bayreuth zuvor. Dort wird erst nächstes Jahr Frank Castorf, legendärer Chef der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und einer der einflussreichsten und stilbildendsten Regisseure der deutschen Theaterszene der letzten 20 Jahre, den „Ring“ schmieden.
Dieser Personalie war die erste große künstlerische Entscheidung des seit 2009 die Festspiele leitenden Bayreuther Halbschwestern-Duos Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier – und sie zog sich quälend lange hin. Zuvor wurden für diese mit hohen Erwartungen befrachtete Inszenierung Dutzende Namen als Gerücht gehandelt, darunter mehrere bedeutende Hollywood-Filmregisseure. Vertragsverhandlungen mit Wim Wenders standen kurz vor dem Abschluss, scheiterten dann aber an dessen Plänen, einen 3D-Film über seine „Ring“-Deutung zu drehen.
Der Münchner „Ring“ dürfte Bayreuth aber auch deshalb unter Druck setzen, weil der 1963 in Magdeburg geborene Kriegenburg seine prägenden Jahre als Jung-Regisseur just an Castorfs Volksbühne erlebte, wo er mit seiner Inszenierung von Büchners „Woyzeck“ erstmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Es folgten Chefregisseur-Engagements am Niedersächsischen Staatstheater Hannover und am Wiener Burgtheater. Von 2001 bis 2009 war Kriegenburg Oberspielleiter am Thalia-Theater in Hamburg, seitdem wirkt er am Deutschen Theater Berlin.
Die Theater-Ästhetik Castorfs und Kriegenburgs sind also so weit nicht voneinander entfernt. Wobei Kriegenburg sich stärker auf Körpersprache, Tanz, Akrobatik und die Kunst des Slapsticks konzentriert als sein für Text- und Materialschlachten berüchtigter Lehrmeister.
In diesem Sinne kündigt Kriegenburg für seine „Ring“-Deutung ein psychologisch „feines Kammerspiel“ an, das oft auf einer „zeitweise fast leeren Bühne“ stattfinden werde. Obwohl er also eine von ihm so genannte „prahlerische Inszenierung“ ablehnt, versucht sich der Regisseur an einer Art „kollektiven Erzählen“, was bedeute, dass oft sehr viele Menschen auf der Bühne sein werden, die dann zum Beispiel die Mauern von Wotans Burg Walhall darstellen.
„Viele Menschen finden sich zusammen, um gemeinsam einen unserer Ursprungsmythen zu erzählen“, sagt Kriegenburg und betont, vorschnelle Kategorisierungen von Wagners Figuren vermeiden zu wollen. Es interessiere ihn nicht, wenn Wotan kokse oder ein Großindustrieller sei oder auf der Titanic stehe. „Wir versuchen, das zu unterlaufen und wollen die Figuren in ihren psychologischen Details wahrnehmbar machen.“
Was Kriegenburg konkret damit meint, ist bei der Premiere von „Rheingold“ am 4. Februar das erste Mal zu sehen. Bis zum Ende der Spielzeit folgen die Premieren von „Walküre“ (11.März), „Siegfried“ (27. Mai) und „Götterdämmerung“ (30. Juni).
Der letzte „Ring“ in München stand unter keinem guten Stern. Kurz nach der Premiere von „Rheingold“ starb Regisseur Herbert Wernicke 2002. Hans-Peter Lehmanns „Walküre“, die Wernickes Ideen weiterführen sollte, konnte künstlerisch nicht überzeugen, so dass der New Yorker David Alden einsprang und „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ inszenierte - in einer ziemlich trashigen, von Filmen wie „Pulp Fiction“ beeinflussten Comic-Ästhetik, die bei vielen Wagner-Freunden auf Ablehnung stieß. Mal schauen, wie sie auf Kriegenburgs kollektives Menschen-Theater reagieren.
