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Schostakowitschs bizarres Welt-Theater

Bamberger Symphoniker mit Sinfonie-Rarität - 14.05.2012 16:40 Uhr

Die Vierte signalisiert genau das Gegenteil von dem was die Politik der Sowjetunion der 30er Jahre forderte. Anstatt einfach, fasslich, leicht verständlich zu komponieren, machte Schostakowitsch aus seinem den Mahlerschen Einfluss keinesfalls leugnenden Werk einen doppelbödigen mit deftigen „Querschlägen“ durchwirkten sinfonischen Brocken.

Unaufhörlich jagen sich die Turbulenzen. Hier einen logischen Aufbau zu erkennen – einfach ist das wahrlich nicht, zumal der Komponist in kunterbunter Collage, oft bizarr und gespenstisch belichtet, mit laut plärrenden Marschmusiken und ironisch verbrämten Tanzeinlagen seine wahren Absichten wie hinter einer Maske verbirgt. Um dem Schicksal seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ zu entgehen, blieb die vierte Sinfonie zunächst in der Versenkung. Erst zu Zeiten des späteren Tauwetters in der Ära Chruschtschow (1961) wagte Kyrill Kondraschin die Uraufführung – für Schostakowitsch bedeutete das einen späten Triumph.

Vor begeistert applaudierendem Publikum war das Werk in der Konzerthalle Bamberg zu erleben. Jonathan Nott ist ein risikobewusster, die Strukturen hellhörig durchleuchtender Pultlenker mit dem sechsten Sinn für die enormen Spannungsmomente dieser unter die Haut gehenden sinfonischen Bekenntnisse, die sich dynamisch in extremen Lautstärken mitteilen. Empfindlichen Ohren wird hier eine Menge zugemutet, letztlich auch jenen Musikern, die entgegen der EU Verordnung Ohrenstöpsel im Gepäck lassen.

Präzise in den Einsätzen, drahtig im Rhythmischen, lotst Jonathan Nott die Bamberger Symphoniker durch den üppig besetzten schicksalsträchtigen Diskurs. Wie eindrucksvoll teilen sich doch die Potenziale dieses fabelhaft geschlossenen Klangkörpers mit. Die Interpretation besitzt hohen Rang, ganz besonders im ausladenden Finalsatz, der in knappen einundzwanzig Minuten über einem grotesk sich anhörenden Trauermarsch, einem voll Sarkasmus steckenden Walzer mit anschließendem Galopp und nicht enden wollenden Akkorden im Zusammenbruch endet.

Eigentlich sollte Frank Peter Zimmermann vor der Konzertpause in das Horrorszenarium von Arnold Schoenbergs gefürchtetem Violinkonzert eintauchen. Daraus wurde leider nichts. Ersatzweise war das aus barocken Modellen in die Klangsprache des 20. Jahrhunderts überführte Violinkonzert von Igor Strawinsky zu hören. Zimmermann verblüfft hier durch prägnante Artikulation und schlafwandlerische Sicherheit im Spagat der Intervalle. Mit Noblesse adelt der Geiger die kantablen barock verzierten Abschnitte in den beiden Mittelsätzen.

BR-Klassik sendet einen Mitschnitt am 27. Juni um 19.03 Uhr.
  

Egon Bezold

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