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Schreiben ist wie Entgiftung

Poetenfest Erlangen: Stargast Liao Yiwu - 29.08. 07:00 Uhr

Erlangen  - Am Samstag Regen, gestern dann Sonne, dazu ein im Umbau befindliches Markgrafentheater: Trotzdem strömten die Besucher zum 31. Erlanger Poetenfest – und zollten auch dem chinesischen Dissidenten Liao Yiwu begeisterten Beifall.

Spätes Glück: Gestern wurde es wieder sommerlich und die Besucher kamen in Massen zu den Poetenfest-Lesungen im Erlanger Schlossgarten. Alle
Spätes Glück: Gestern wurde es wieder sommerlich und die Besucher kamen in Massen zu den Poetenfest-Lesungen im Erlanger Schlossgarten. Alle
Foto: Erich Malter
Spätes Glück: Gestern wurde es wieder sommerlich und die Besucher kamen in Massen zu den Poetenfest-Lesungen im Erlanger Schlossgarten. Alle
Spätes Glück: Gestern wurde es wieder sommerlich und die Besucher kamen in Massen zu den Poetenfest-Lesungen im Erlanger Schlossgarten. Alle
Foto: Erich Malter

Er hat sein neues Buch nicht nur einmal geschrieben. Ganze drei Mal musste der 1958 in der chinesischen Provinz Sichuan geborene Liao Yiwu das Manuskript für seinen erschütternden Gefängnisbericht „Für ein Lied und hundert Lieder“ verfassen – und zwar jedes Mal handschriftlich. Zwei Mal hat die Polizei seine dicken Aufzeichnungen konfisziert, die gedruckt 585 Seiten ergeben, und den Leser mitunter bis an die psychische Belastungsgrenze führen.



„Die erste Version habe ich 1995, ein Jahr nach der Freilassung aus dem Gefängnis geschrieben“, wo er wegen der Veröffentlichung eines Gedichts über das Massaker am Platz des himmlischen Friedens vier Jahre verbracht hat. „Da waren die Erinnerungen noch frisch, und das Schreiben ging flott von der Hand“, verriet der 52-Jährige am Samstagabend im Poetenfest-Gespräch mit dem Erlanger Sinologen Thomas Fröhlich. „Das Schreiben empfand ich als psychische und physische Befreiung, als Entgiftungsprozess für Körper und Geist“.

An den Tag, als ihm das Manuskript weggenommen wurde, erinnert er sich noch genau: „Es war der 10. Oktober 1996 – und ich war äußerst deprimiert“, sagt er. Doch der noch vom vierjährigen Aufenthalt in mehreren chinesischen Gefängnissen und Arbeitslagern gezeichnete Liao Yiwu ließ sich nicht unterkriegen. Er setzte sich ein zweites Mal an den Schreibtisch, um die unvorstellbar brutalen Foltermethoden detailreich und drastisch aufzuzeichnen.

Zwei Jahre später kam es erneut zur Beschlagnahme – das nochmalige Aufschreiben bezeichnet er nicht nur als „Gedächtnistraining“, sondern dreht es gar ins Positive: „Selbst wenn ich heute ein bisschen betrunken bin, kann ich ganz genau behalten, was mir die Leute erzählt haben.“

Doch nicht immer ist der Autor, der als eine der wichtigsten kritischen Stimmen Chinas gilt, so gelassen während des über zwei Stunden dauernden Gesprächs im Rahmen des „Porträts international“. Als er zwei Gedichte vorträgt, in denen es um Folter und Todesangst geht, gehen mit ihm die Emotionen durch. Er zeigt, wie er selbst schreien kann, wie brutale Gefängniswärter ihre Opfer anbrüllen, welche Ängste Häftlinge kurz vor ihrer Hinrichtung ausstehen.


„China ist ein Müllhaufen“,
sagt der Exilant Liao Yiwu.
„China ist ein Müllhaufen“, sagt der Exilant Liao Yiwu.
„China ist ein Müllhaufen“,
sagt der Exilant Liao Yiwu.
„China ist ein Müllhaufen“, sagt der Exilant Liao Yiwu.

Eines dieser Gedichte ist „Für ein Lied und hundert Lieder“, nach dem das gleichnamige Erinnerungsbuch benannt ist – das im Juli in Deutschland erschien, kurz nachdem Liao Yiwu hier als politischer Flüchtling ankam (Verlag S. Fischer, 24,95 Euro). Weil der ehemalige Straßenmusiker einmal in Haft ein Lied sang, bestrafte ihn ein Wächter dafür mit dem Singen von hundert Liedern – da der geschwächte Häftling das nicht schaffte, wurde er brutalst gefoltert.

Die Organisatoren des Poetenfests waren sehr stolz darauf, dass sie Liao Yiwu für einen seiner ersten Auftritte in Deutschland nach seiner Flucht gewinnen konnten. Mit seinen ausführlichen Antworten, den erschütternden Kostproben aus seinem Roman und musikalischen Einlagen erfüllte der Autor die Erwartungen voll und ganz – und versprach, seine Freiheit in Deutschland für das Schreiben neuer Werke zu nutzen.

  



Stephanie Rupp

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Zum Thema
Poetenfest
Seit:
1980
Turnus:
jährlich (1992 ausgefallen)

Termin:
23. bis 26. August 2012
Kurzbeschreibung:
Auf dem beliebten und gut besuchten Erlanger Literatur-Festival treffen sich Schriftsteller, Literaturkritiker und Publizisten zu Lesungen und Gesprächen.
Veranstalter:
Stadt Erlangen
Besucher:
rund 12.000 im Jahr 2011