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T.C. Boyles neuer Öko-Thriller

Die scharfen Schnäbel der Natur - 08.02. 20:19 Uhr

In T.C. Boyles neuem Roman "Wenn das Schlachten vorbei ist" schlagen sich radikale Tierschützer und Öko-Wissenschaftler gegenseitig die Köpfe ein. Sie machen ihre Rechnung nicht ohne die Brachialgewalt der Natur.

Das Ungeheuere ist möglich: Bestseller-Autor T.C. Boyle bringt in seinem neuen Roman vermeintliche Sicherheiten der Zivilisation ins Wanken.
Das Ungeheuere ist möglich: Bestseller-Autor T.C. Boyle bringt in seinem neuen Roman vermeintliche Sicherheiten der Zivilisation ins Wanken.
Foto: dapd
Das Ungeheuere ist möglich: Bestseller-Autor T.C. Boyle bringt in seinem neuen Roman vermeintliche Sicherheiten der Zivilisation ins Wanken.
Das Ungeheuere ist möglich: Bestseller-Autor T.C. Boyle bringt in seinem neuen Roman vermeintliche Sicherheiten der Zivilisation ins Wanken.
Foto: dapd

Komik sei seine Art, mit Tragik und Verzweiflung umzugehen, hat Schriftsteller T.C. Boyle mal gesagt. Stimmt schon, auch sein neuer Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“ hat wieder witzige Seiten. Dabei gleicht der Humor den Raben auf dem Cover: schwarz.

Und blutrot, wie die Köpfe der frischgeborenen Lämmer, wenn ihnen genau diese Raben die Augen herauspicken. Oder jungfräulich weiß, wie das Gewissen eines Tierschützers, bevor beim Tiereschützen versehentlich ein Mensch ums Leben kommt.

Man könnte dieses Farbenspiel jetzt noch weiter bemühen und „Grün ist die Hoffnung“ erwähnen, Boyles zweiten Roman, in dem der kalifornische Bestseller-Autor ja bereits 1992 eine Horde naiver Kiffer schmerzhafte Lektionen nehmen ließ in Sachen: Die Natur ist böse, der Mensch ein Wurm. Von seinen Romanen „America“ über „Ein Freund der Erde“ bis zur Story-Sammlung „Zähne und Klauen“ ließ die Naturdramatik den Schriftsteller nicht mehr los.



Auch das neue Buch kreist wieder um Menschen, die glauben, Gutes zu tun und dabei Katastrophen anzetteln, bis es nur noch ums nackte Überleben geht.

Nutzte der mit 64 Jahren noch immer spritzig schreibende Boyle bereits seine Hippie-Vergangenheit als Inspirationsquelle und widmete er dem Architekten seines Hauses, Frank Lloyd Wright, ein Buch, so sind es diesmal die Inseln „Channel Islands“: So wie sie im Pazifik liegt, kann er sie von seinem Wohnort, dem kalifornischen Montecito bei Santa Barbara, bei sonnigem Wetter sehen.

Eine Frau namens Beverly, die sich im ersten Kapitel als einzige von einem untergehenden Boot in den haiverseuchten Gewässern auf eine Insel retten kann, fungiert wie ein raues Vorzeichen auf das, was die Handlung bald noch beschert.

Ums Überleben auf den urtümlichen Landbrocken vor der Küste soll sich Jahrzehnte später ihre Enkelin Alma kümmern. Als Wissenschaftlerin wird sie vom Staat dafür bezahlt, das in Schieflage geratene Ökosystem auf den Eilanden zurechtzurücken. So versucht sie, bedrohte Vögel zu retten, indem sie die Ratten vor Ort vergiftet. Was natürlich einem Aktivisten wie Dave LaJoy nicht passt. Denn als Tierschutz-Freak ohne materielle Sorgen hat er für jede Kreatur ein Herz – wie er glaubt.

„Wenn das Schlachten vorbei ist“ ist Boyles bislang wohl drastischstes Werk; handwerklich macht er alles richtig. Kapitel, die geschickt einzelnen Inseln zugeordnet sind, haben den Charakter von Kurzgeschichten inklusive drehbuchreifer Plots.

Ohne den Bogen zu überspannen, berührt der amerikanische Autor aus unterschiedlichen Erzählperspektiven heraus generationsübergreifende Fragen; menschgemachte Gesetze branden auf solche der Natur. Nicht nur Boote gehen zu Bruch, sondern auch Liebschaften und Ideale, in diesem Seestück, bei dem der Albtraum stets in Sichtweite vermeintlicher Sicherheiten wahr wird.

Prägnant erzählt, führt der Autor aber auch aberwitzige Symptome unserer Zivilisation vor Augen – etwa das amerikanische Waschbären-Problem. Ein Tierschützer wird doch wohl kein solches felliges Fresserchen töten, auch wenn es ihm den frischen Rasen versaut? Was aber, wenn im Fangkäfig nur die fette, dumme Nachbarskatze landet? Und was, wenn sich endlich ein Waschbär hineinverirrt, die Entsorgung des Tieres aber in den Händen des Käfig-Mieters liegt?

Das Überlebensdrama erstreckt sich auf mehr als nur die Schafe, Adler, Füchse, Wildschweine oder Klapperschlangen, die Boyle sich durch die Handlung blöken, bluten oder beißen lässt; irgendwann steht der Mensch auf dem Speiseplan.

Das Schicksal hart arbeitender, sich selbst versorgender Schafzüchter und Aussteiger hängt ebenso an einem dünnen Faden der Wirtschafts- oder Freizeitinteressen, wie das von Tierschützern und PR-Leuten an der unberechenbaren Hochseetauglichkeit mitreisender Journalisten klebt.

Auf vielfach komische, noch öfter tieftragische Art ist Boyle mit seinem neuen Werk ein Öko-Krimi gelungen, der in satten, wirklichkeitsnahen Farben unterhält: Atmosphärisch zum Erschrecken dicht erzählt.

T. Coraghessan Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist. 464 Seiten, Hanser, 22,90 Euro.


  



Christian Mückl

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